„Meine Ehre heißt Treue“! Übermenschentum und Nibelungentreue

 

Der drohende und rasch sich vollziehende Exodus der Deutschen aus dem Banat und aus Siebenbürgen nach 1980 war ein Faktum, der aus den Kriegsfolgen resultierte und der nicht mehr abzuwenden war. Die Nationalisierungen, die Enteignungen durch die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg und die zunehmende Ideologisierung der Gesellschaft hatten maßgebend mit dazu beigetragen, die materiellen Grundlagen und geistigen Perspektiven der Deutschen im Banat und in Siebenbürgen für immer zu zerstören. Deshalb hieß die Maxime zunächst Selbsterhaltung. Identitätswahrung aber bedeutete gleichzeitig auch Absetzung und Ausgrenzung. Ein Grundgedanke war dabei die als Selbstverständlichkeit erachtete Idee einer nationalen Überlegenheit, die, diktiert von einigen konkreten Beobachtungen, in vielen Köpfen mehr oder weniger ausgeprägt war; ein Prinzip, welches auch das Denken und Handeln der Menschen im Alltag bestimmte. Nietzsches Idee von Übermenschen, die von nationalsozialistischen Rassenideologen schamlos instrumentalisiert worden war, um die kulturelle wie existenzielle Überlegenheit der nordisch germanischen Rasse zu begründen, war in einigen Köpfen noch latent vorhanden und verführte dazu, mit einer gewissen nationalen Überheblichkeit auf Rumänen und Zigeuner herab zu blicken. Das Meister – Jünger Verhältnis besteht auch zwischen Völkern und Nationen, weltweit. Wir, die Nachkommen von Kolonisten, nicht ganz frei von schulmeisterlichem Besserwissertum, machten da keine Ausnahme. Eine Art „Herrenmenschentum“ oder „Kolonialherrenbewusstsein“, wie man es am Anfang des 20. Jahrhunderts in Afrika oder auf dem Indischen Subkontinent antreffen konnte, schlummerte auch noch in uns. Schließlich hatten unsere Vorfahren unter Einsatz ihres Lebens im noch wild-urwüchsigen Banat Sümpfe trocken gelegt, Ödland urbar gemacht und Wüsteneien begrünt. Nationale Reibereien blieben deshalb nicht aus, ja sie überlagerten manchmal sogar die ideologischen. Die Rumänen selbst – die ihrerseits auf die Jahrhunderte lang bekämpften Türken herab blickten, und deren Kriegstapferkeit ebenso negativ eingeschätzt wurde wie jene der seinerzeit alliierten Italiener – waren aus der Allianz mit der Wehrmacht im Jahr 1944 ausgeschieden. Sie hatten, wie es oft hieß, als es brenzlig wurde an der Front, das Fähnlein nach dem Wind gedreht und – von nationaler Egozentrik und Selbsterhaltung bestimmt – feige die Fronten gewechselt. Unter der angeblichen Führung von Kommunisten, Antifaschisten und Stalinisten hatte sich die Nation darauf hin auf die Seite der Sieger geschlagen, ganz nach italienischem Vorbild nach der Verjagung des Duce – spät zwar, doch immerhin noch rechtzeitig, bevor das sinkende Schiff den Meeresboden berührte. Für Menschen, denen die „Nibelungentreue“ über alles ging, ja gar als Kardinaltugend aufgefasst wurde, bedeutete das Ausscheiden Rumäniens aus dem Bündnis mit Deutschland in prekärer Situation deshalb nichts anderes als Verrat, ein Akt des Versagens, der mit Bitterkeit aufgenommen wurde, ferner Feigheit und Unzuverlässigkeit. Das waren Charakteristika, die im undifferenzierten Sprachgebrauch gerne auf alle Lebensbereiche der Rumänen ausgedehnt wurden. Wo ein „konstruktives Miteinander“ angesagt gewesen wäre, bestand oft nur ein auf Missverständnissen beruhendes, gegenseitig sich verkennendes „Nebeneinander“, ein Zustand, der von der überforderten Führung des Landes, der Kommunistischen Partei, nicht behoben werden konnte.

Eines Tages fanden wir Kinder beim Spiel auf einer wilden Mülldeponie nahe am Teich, an der sogenannten „Sandkaul“, ein blinkendes Messer mit einem Griff aus Hirschgeweih, immer noch rostfrei, blank und scharf wie ein Damaszener-Dolch, auf dessen tödlich scharfer Klinge der Satz eingraviert war: „Meine Ehre heißt Treue“. Es stammte vermutlich aus den Beständen der Wehrmacht oder der „Kämpfenden SS“. Der Ausspruch beschäftigte uns. Wir Kinder dachten intensiv darüber nach und redeten darüber, ohne recht zu wissen, dass wir es mit einem „Leitspruch“ der „Schutzstaffel“ zu tun hatten. Der Sinn der Parole, unkritische Nibelungen-Treue bis in den Tod, blieb uns verborgen. Und doch wirkte diese Treue der Burgunder, die etwas Elementares, Substanzielles berührte, nachhaltig beeindruckend auf mich ein, als ich zum ersten Mal den alten Stummfilm sah. Das Gefühl entscheidet anders als die Vernunft – und schickt Individuen in den Tod wie Lemminge. In der Nachbetrachtung wird man klüger. Ernüchterung stellt sich ein. Viel zu viele hielten viel zu lange an seiner oft missverstandenen Botschaft fest. Während sich die meisten Deutschen moralisch im Recht wähnten, sich heroisch hinter dieser Haltung verschanzten wie in einer Schützengrabenstellung im Feld, die man nicht räumen will, obwohl die Schlacht bereits geschlagen und entschieden ist, wie eine intakte, doch sinnlos gewordene „Maginot-Linien-Bastion“ nach der Kapitulation, mussten sie sich doch eingestehen, dass Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg nun auch den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, endgültig besiegt und zerschlagen war – aus welchen makropolitisch historischen Gründen auch immer. Wer einmal einen schweren persönlichen Verlust erlitten hat, wer aus eigenem Versagen heraus eine große Niederlage verkraften musste, der weiß, wie schwierig es ist, eigene Fehler einzugestehen oder herbe Rückschläge anzuerkennen und zu akzeptieren. Bei übergeordneten Individuen, bei Völkern, wo sich das „kollektive Unbewusste“ auswirkt, ist es nicht anders. Die Ursachen der Niederlage aller Deutschen suchten die meisten meiner Landsleute jedoch nicht etwa im Versagen des Kaisertums, nicht bei dem zum Buhmann stilisierten Kaiser Wilhelm II., bei Franz Josef oder gar beim diabolischen Führer Adolf Hitler, dessen dämonischer Faszination auch einige Volksdeutsche erlegen waren, sondern intuitiv im verräterischen Abfallen der ehemaligen Kriegsverbündeten, also bei den Rumänen wie den Italienern. Mit solchen Völkern könne kein Krieg gewonnen werden, hieß es manchmal lapidar am Biertisch. Die mittelalterliche Ausrüstung der Rumänen mit Säbeln und Lanzen im Russland-Feldzug und die Hasenfüßigkeit der Italiener seien für alle Verluste und den Niedergang verantwortlich. Sie hätten zunächst vor Stalingrad versagt und der Roten Armee den Durchbruch ermöglicht, nicht etwa der ehrgeizige General Paulus, der Karrierist und spätere Überläufer, der keine Kraft fand, den „verbrecherischen Führerbefehl“ zu verweigern und statt durchzuhalten, sich hinter die eigene Truppe zu stellen. Auch das Unvermögen des großmäuligen Marschall Göring im Kessel von Stalingrad bei Versorgung und Evakuierung sowie die endlosen strategischen, ja verbrecherischen Fehlentscheidungen des Führers, welchen noch gravierendere politische Katastrophen vorausgegangen waren, sah kaum jemand aus den Reihen der immer noch loyalen Frontkämpfer – weitgehend aus Unkenntnis, teils aus Überforderung: „Meine Ehre heißt Treue“?

Bis in den Tod? Wo das Verständnis für komplexe Zusammenhänge fehlte, mussten einfache Erklärungen herhalten, die man aus der Alltagsbeobachtung herleitete. Das Arsenal der Vorurteile hielt die Munition bereit.

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