„Lever dood ut slow“ – Literatur-Rezeption, Kulturkampf und Selbstfindung

 

                           Erziehung ist Erziehung zur Freiheit. Ludwig Börne

 

Der Schulunterricht verlief weitgehend in geordneten Bahnen und im Geiste dessen, was man unter sozialistischer Erziehung verstand. Die pädagogischen Eignungen einzelner Lehrer waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bescheiden bis dürftig – und einige von ihnen hatten, ungeachtet Theophil, sicher den falschen Beruf. Trotzdem versuchten sie, uns eine gute Portion ihres Wissens zu vermitteln. Eine richtige Vorbereitung für das Leben in einer komplexeren Gesellschaft konnten sie nicht leisten, obwohl sie es versuchten. Die Defizite waren weitgehend systembedingt. Keiner unserer Französisch- Englisch- oder Russischlehrer hatte je einen Fuß über die Landesgrenze gesetzt. Den meisten Lehrern fehlte, ebenso wie unseren Erziehern im Elternhaus, die vertiefte und differenzierte Weltsicht sowie ein globales Verständnis für bedeutendere Zusammenhänge. Sie wussten zu wenig von der Welt – und dementsprechend wenig konnten sie an uns weitergeben. Stattdessen befürworteten gerade die Lehrer aus dem Dorf die alten Nationaltugenden wie Ordnung, Fleiß, Leistung, Folgsamkeit und Unterwürfigkeit – und bekämpften alles, was mit Auflehnung, Nonkonformismus oder gar Rebellion zusammenhing. Ein guter Staatsbürger fügt sich. Nur ein „Anarchist“ optiert für radikale Freiheit und stemmt sich dabei gegen die staatliche Ordnung, die eine höhere Himmelsordnung spiegelt, also gottgewollt ist. Dass sich der Einzelne aber gegen den „Banditenstaat“ erheben muss, gegen Willkür und Terror, gegen undemokratische Verhältnisse, gegen „Tyrannis“ und „Diktatur“, das sagte uns keiner aus der braven Lehrerschaft – bis auf eine Stimme vielleicht im Deutschunterricht, die uns ein altes Germanenwort mit auf den Weg gab als kleine idealistische Denkübung: „Lever dood ut slow“! Oder auf gut Deutsch: „Lieber tot als Sklaverei!“

Die meisten unserer Pädagogen waren – ein Ebenbild unserer biederen Eltern – selbst brav, fügsam, gehorsam, kurz konventionell und langweilig. Nur in seltenen Momenten kam ein Sinn für Höheres auf, für Kunst, Humanität oder theoretische Freiheit. Allzu willig unterwarfen sie sich dem System und führten ohne Widerspruch und kritische Nachfrage die politisch vorgegebenen Weisungen aus. Sie gehorchten einfach. Das Hinterfragen von Inhalten, gerade im Historischen, war nicht vorgesehen und deshalb tabu wie alles Politische, das gottgegeben hingenommen wurde.

Den einzigen Lichtblick stellten für mich die teils sprachlich, teils literaturwissenschaftlich ausgerichteten Domänen dar, wo wir, anhand von großen Vorgaben in Werken der Weltliteratur über die hohen Ideale der Menschheit nachdenken und philosophieren durften, ohne jemanden zu kompromittieren. Die auch in der DDR offiziell hochgehaltenen und zelebrierten Klassiker Goethe, Schiller und Lessing, ferner Prosaisten und Lyriker der Spätromantik und des Vormärz wie Heine und Lenau, die man gerne, sozialistisch verbrämt, in die vorrevolutionäre Ära der Prämarxisten einzureihen pflegte, standen auch an unserer Schule hoch im Kurs. Ihre Porträts hingen gut sichtbar und erhaben an der Wand des langen Schulkorridors, auf gleicher Höhe mit rumänischen Dichtern, deren Namen, von Eminescu abgesehen, kaum jemand außerhalb der Landesgrenzen kennen dürfte. Die Köpfe der rumänischen Schriftsteller und Lyriker wie Creangă, Coşbuc, Vlahută, Sadoveanu, waren mir seinerzeit so wenig beeindruckend erschienen wie ihr Werk, weil ich mich in einseitiger Festgelegtheit fast ausschließlich an der eigenen Kultur orientierte. Kritischere Persönlichkeiten der jüngsten rumänischen Geistesgeschichte wie Ion Luca Caragiale oder Tudor Arghezi, die schon etwas von der Welt gesehen hatten und sich dementsprechend viel differenzierter mit dem Rumänentum auseinandersetzten, fehlten ebenso wie moderne Dichter vom Format eines George Bacovia oder Lucian Blaga, der – mit dem verfemten Noica – zu den bürgerlichen Denkern gezählt wurde. Literaten und Philosophen im Exil wie Ionesco, Cioran und Eliade waren natürlich ganz tabu.

Die Werke rumänischer Dichter und Schriftsteller aus dem Rumänischunterricht nahm ich genau so begeistert auf wie die Physiognomien an der Korridorwand. Unbedingt ein guter Deutscher sein wollend, rezipierte ich alles dementsprechend nationalistisch ausgerichtet als ein kleiner Chauvinist und war sogar noch stolz auf die demonstrierte Haltung. Doch der Mensch ist ein Entwicklungswesen. Auch im literarischen Bereich setzte bald ein analytischer Vergleich ein, der einiges korrigierte und einiges gelten ließ, eben Caragiale, den Witzbold, stets humoresk-sarkastisch und somit ein würdiger Vorläufer Ionescos, später etwas zögerlicher Bacovia, den Expressionisten sowie den im deutschen Geist verwurzelten Blaga. Über allen angesiedelt war und blieb Eminescu, der große Dichter als Gipfelgestalt des rumänischen Parnasses – ecce poeta!

Eminescu hatte in Berlin und in Wien studiert und war von Schiller und Lenau, denen er als Idealist beziehungsweise Melancholiker nahe stand, wesentlich beeinflusst worden, ebenso von der Philosophie Schopenhauers. Eminescu übertrug den „Handschuh“ Schillers und einige der schönsten Melancholiegedichte Lenaus – „Bitte“ und „Welkes Blatt“ – mit welchem er die romantische Naturempfindung der „Schilflieder“, das Einsamkeitserlebnis des Liebenden und die pessimistische Weltsicht teilte, aber auch den gesunden kämpferischen Patriotismus. Uns wurde allerdings nur ein beschnittener, vorgefilterter und entschärfter Eminescu präsentiert, – nicht der ganze Dichter, in dessen Schrifttum sich auch manches Ultranationalistische findet, das sich gegen benachbarte Nationen richtet. Für viele Rumänen war Eminescu Kult und sein romantisch verklärter „Morgenstern“ gar Religion!

Die populären Geschichtlein seines Dichterfreundes Ion Creangă, die uns in den Lehrbüchern dargeboten wurden, nahm ich hingegen nicht ganz ernst. Nach meiner damaligen, mehr von Gefühl und Vorurteil diktierten Einschätzung, hatte Ion Creangă etwa das Format eines Johann Peter Hebel, dessen volkstümliche Kurzgeschichten mich spielend an die Literatur herangeführt hatten. Creangă wurde von uns Schülern mehr als Amüsement aufgenommen, statt als ernsthafter Literaturschaffender. Während die rumänische Literaturwissenschaft in ihm den größten nationalen Erzähler zu erkennen glaubte, belustigten mich lediglich seine derben Archaismen und sein volkstümlicher Witz, der ursprünglich und natürlich ist und viel vom Wesen der Rumänen verrät; doch sie beeindruckten zumindest mich damals nicht. Mihai Eminescu, der Dichter des Morgensterns, wirkte da ganz anders – als Naturlyriker und als historisch-philosophisch ausgerichteter Geist.

Mit der Fülle einer reichen Literatur im Rücken und, nicht ganz ohne von nationaler Arroganz erfüllt zu sein, lachten und spotteten wir gelegentlich über Creangas Geschichten von der reimenden „Geiß mit den drei Geißlein“, vom „Wiedehopf“ und vom „Kirschen“-Abenteuer. Meine damalige Überheblichkeit war natürlich ein Zeichen der Unreife. Den meisten von uns zehn-, bis zwölfjährigen Schüler fehlte der Sinn für Rumäniens historische und geistesgeschichtliche Sonderentwicklung, die eigentlich eine Spätentwicklung war, die sich am Rande Europas vollzog – fern von der Renaissance, dem Humanismus, der Reformation und der Aufklärung, Epochen der Geistesentwicklung, die nur über das nahe Siebenbürgen rezipiert wurden. Rumänien war um 1900 immer noch ein Agrarstaat, in welchem, neben einer dünnen Bürgerschicht, fünf Millionen Bauern das Gros der Bevölkerung stellten. Dementsprechend war die Kultur des Landes, die Literatur, die Wissenschaft, die Musik, eine Volkskultur, archaisch geprägt und tief im Leben der Bauern verwurzelt. Sie hatte praktisch nur ein großes Thema, eines, das nach der kommunistischen Machtübernahme gerade von den sogenannten sozialistischen Schriftstellern bis zum Exzess thematisiert wurde: der Bauer, der nach Boden schreit. George Coşbuc hatte mit seinem Gedicht „Wir wollen Land“ den Auftakt gemacht – und alle anderen folgten ihm getreu nach; von den Frühstalinisten, die merkten, dass sie mit solchen Themen schnell Karriere machen konnten, bis zu den Schriftstellern meiner Jugendtage. Die Beispiele umfassen selbst Werke bedeutender Schriftsteller wie Zaharia Stancus „Barfuss“ und Marin Predas „Morometen“, wo allerdings schon ein Transformationsprozess in die proletarisch-urbane Welt geschildert wird, während eher bürgerlich ausgerichtete Literaten wie Mihail Sadoveanu, mit dessen „Baltagul“– Verfilmung man uns im Kino schockte, mehr ins Archetypisch-Mythische tendierte. Wir deutschen Schulkinder erkannten und verstanden vieles nicht, „Baltagul“, „Das Beil“, ist nur ein Beispiel dafür, weil wir vom Sprachniveau und vom Reifegrad her längst noch nicht soweit waren.

Dort, wo wir überhaupt folgen konnten, konfrontierten wir die geistesgeschichtlichen Werke unserer Völker miteinander, wie wir Tag für Tag die jeweils nationalen „Werte“ miteinander verglichen, um ihre Leistungsfähigkeit festzustellen. War alles Deutsche dem Rumänischen überlegen? Dem Ungarischen? Dem Russischen? Spukte das Übermenschentum immer noch in unseren Köpfen und jener – wie es die selbstkritischen Linken auszudrücken pflegten – „latente Faschismus“? Zumindest ich ging damals so vor, als guter Deutscher. Da waren die Werke. Lessings, Herders, Lichtenbergs, wo Literatur und Wissenschaft zusammenflossen. Da waren die vielen originellen Dichter der Romantik, Novalis und Hölderlin, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann, Heinrich von Kleist, Eichendorff, die Spätromantiker Heine und der von Eminescu so geschätzte, ihm wesensverwandte Lenau, dann Platen, Mörike, die Droste, große Poeten wie Rilke, George, Hofmannsthal, die Flut der Expressionisten mit Trakl und Benn – und schließlich die Giganten der Weltliteratur Schiller und Goethe; ferner die großen Denker wie Kant und Hegel und das Meer der Komponisten von Bach bis Wagner und darüber hinaus. Was hatten die spät entwickelten Rumänen dieser Geistesflut entgegen zu setzen? Bescheidene Ansätze, nationales Epigonentum, das von der Übermacht des französischen und deutschen Kulturpräsenz auch noch erdrückt zu werden drohte? Kein Wunder, das ich, beflügelt von „meiner Kultur“ – und als „kleiner Übermensch“ – mir von keinem Rumänen Belehrungen anhören wollte. Also kostete ich die „nationale Überlegenheit“ voll aus und leitete daraus mein Selbstbewusstsein ab, aber auch die eigene Freiheit.

 

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