„Inszenierte“ Geschichte – ein Schwabenzug

 

Was ist Wahrheit?

Wer bin ich?

Wo komme ich her?

Wohin will ich?

Das sind philosophische Grundfragen, die den Menschen schon sehr früh beschäftigen. Sie kommen mit dem Denken auf und werden dann im Verlauf des Lebens immer wieder neu beantwortet. Selbst wir Kinder, in besonderer Situation und mit chauvinistischen Vorwürfen konfrontiert, wurden zu solchen Fragen gedrängt. Aber wir stellten sie uns auch selbst, wenn wir, spät in lauer Sommernacht den Duft frischer Akazienblüten in der Nase, den Blick zum Firmament erhoben, wenn wir ohnmächtig gefangen und begrenzt in die Sterne blickten; natürlich mit dem Bewusstsein und dem Erkenntnishorizont eines Kindes.

Geistige Themen dieser Art, die mit dem Religionsunterricht und der Ausbildung eines individuellen Gottesbegriffs einhergingen, beschäftigten mich in gewaltigem Respekt vor allem Philosophischen und Historischen, weil die Macht des aufklärenden, Antwort gebenden Geistes erahnt wurde, gefühlt wie die Erhabenheit der Geschichte, die mit ihrer klaren Rückschau Fragen der Menschheitsentwicklung beantwortet.

Der Mensch steht im Jetzt mit dem Blick in die Vergangenheit gerichtet vor den Verantwortungen der Zukunft.

Wenn er die Lehren der Geschichte begreift, wird er verantwortungsvoll die Zukunft gestalten. Die Ehrfurcht vor der Geschichte hat mich nie mehr verlassen.

Als ich anfing, die Welt außerhalb des Elternhauses zu entdecken, definierte ich mich jedoch noch nicht als Einzelindividuum, sondern vielmehr als Teil einer größeren Gemeinschaft, die in Absetzung von den anderen, über die nationale Identität wahrgenommen wurde. Mein Verhältnis zur Geschichte und mein Nachdenken darüber begannen ungefähr im Jahr 1965, kurz vor der Einschulung, als vor meinen Augen erstmals Geschichte „inszeniert“ wurde – als Ereignis. Die deutschen Einwohner von Sackelhausen gedachten in jenem besonderen Jahr der seinerzeit „zweihundert Jahre“ zurückliegenden Ansiedlung. Sie feierten das denkwürdige Datum ihrer eigenen Geschichte im Rahmen einer aufwendig auffälligen Großveranstaltung der Sonderklasse, wie es sie in der Region weder gegeben hatte noch künftig geben sollte.

Wie Anno Domini 1765 während der Regentschaft von Kaiserin Maria Theresia zog ein riesiger Wagentreck von Siedlern durch das Dorf, ein nachgestellter Schwabenzug, begleitet von unzähligen Mitwirkenden in altdeutscher Tracht und unter Klängen der örtlichen Blasmusikkapelle. Irgendwo mittendrin, erzählten mir die Älteren, war auch ein kleiner Junge, der viel Freude an dem Aufzug zu haben schien. Das war ich. Fotos erinnern noch daran. Doch die Details der Abläufe sind längst verrauscht – wie so manches Erhellende aus meinem Leben, das Wegbegleitern noch präsent ist, während es im eigenen Gehirn längst getilgt ist. Unsere „Zweihundertjahrfeier“ war sicher ein Ausstrahlungsphänomen der besonderen Art, ein Ereignis, das Wellen schlug – zugleich ein Spektakel, das die Landsleute begeisterte, die offiziellen Beobachter aus den Parteietagen der Kommunisten hingegen nachhaltig irritierte. Deutsche Siedler, die sich selbst feiern? Ein Affront? Da wurde Geschichte zelebriert, die keine „rumänische Geschichte“ war – und auch keine „sozialistische“, sondern die eigentlich zu unterdrückende Geschichte der ungeliebten Deutschen, deren „nationale Identität“ trotz Kapitulation, Russland- und Bărăgan – Deportation zu neuem Leben erwacht schien? Unterschiedliche Auffassungen von Geschichte, Ideologien, Nationalbewusstsein, Mythen und Mythisierungen prallten aufeinander und zeigten die Grenzen der Toleranzfähigkeit auf.

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