„Geld stinkt nicht“! „Bakschisch-Kultur“ und „Kopfgeld-“ Mentalität

 

Mit dem Verlassen der Dorfschule und der Aufnahme beruflicher Ausbildungen oder der Fortsetzung schulischer Tätigkeiten an weiterführenden Gymnasien in Temeschburg begann ein neuer Lebensabschnitt, der manchen von uns von der dörflichen Struktur und der ländlichen Gemeinschaft lösen sollte. Dabei kam es zu einer unvermeidbaren Zäsur. Denn einerseits waren wir weder im Elternhaus noch in der Schule angemessen auf diesen Schritt vorbereitet worden; anderseits fehlten objektive Kapazitäten im weiterführenden Schulbereich, um die Nachfrage zu befriedigen. Die sogenannte „Lenauschule“, das einzige humanistische Gymnasium in Temeschburg mit deutscher Unterrichtssprache, nach dem im Banat geborenen Lyriker Nikolaus Lenau benannt, konnte nur einen Bruchteil der Gymnasialaspiranten aufnehmen. Alle anderen deutschsprachigen Banater aus Stadt und Land, die ihre höhere Ausbildung liebend gerne in ihrer deutschen Muttersprache weiter geführt hätten, aber nicht in der Lenauschule unterkamen, weil der Staat die „deutschsprachigen“ Kapazitäten gezielt verknappt hatte, mussten in „fachlich ausgerichteten Lyzeen“ weiter machen,, in Schulen, in welchen nur noch in der rumänischen Landessprache unterrichtet wurde. Nach vier Jahren stand dann die Reifeprüfung an, die dortige Form des Abiturabschlusses, in Österreich „Matura“, das sogenannte „Baccalaureat“.

Auch ich musste den weiterführenden Gymnasialunterricht in „rumänischer Sprache“ fortsetzen, obwohl Rumänisch für mich faktisch eine „Fremdsprache“ war. Danach fragte niemand! Was machte ich aus dem Nachteil mitten unter Rumänen? Um es vorwegzunehmen: Wie es der Zufall wollte, wurde ich Klassenbester! „Primus“ … nicht gerade „inter pares“; aber immerhin Primus! Aus dem doch recht kargen schulischen Angebot der Bildungs- und Universitätsstadt Temeschburg suchte ich mir ein agrarwirtschaftlich spezialisiertes „Lyzeum“ aus, mit dem profanen Hintergedanken, später dann, nach dem Absolvieren der Schule, gleich an der unmittelbar gegenüber angesiedelten „Hochschule für Landwirtschaft“ weiter studieren zu wollen. Eine besondere Neigung zum freien Leben inmitten der Natur, das meine gesamte Kindheit geprägt hatte, war dafür ausschlaggebend. Also plante ich, meinen beruflichen Werdegang ebenfalls naturverbunden gestalten zu wollen. Unter normalen Bedingungen wäre aus mir wäre vielleicht ein Agronom geworden, ein Agraringenieur mit Forscherambitionen, einer der jenseits aller Politik neue Hybride züchtete und biochemische Experimente durchführte. Schon sah ich mich in meiner Fantasie übers Land jagen, in einer leichten Charette sitzend, der zwei flinke Hengste vorgespannt waren, eine weite Staubwolke hinter mir herziehend die freie Mähne im Wind. Keinesfalls sollte aus mir ein Geisteswissenschaftler werden, ein Autor und Stubenhocker, der Bücher schreibt. Sprachen, Literatur, Philosophie, Geschichte, selbst Politik – das waren Passionen, große Leidenschaften sogar; doch das sollten sie auch bleiben. Studieren wollte ich vielmehr exakte Wissenschaften, einer der Naturwissenschaften, Biologie vielleicht, Chemie oder eben auch Agronomie, schlicht „Landwirtschaft und Gartenbau“.

Das Vorbild des Vaters, der einer Familientradition folgend, zunächst das Maurerhandwerk erlernte, dann aber als Gärtner tätig war und fast seine gesamte Freizeit im kontemplativen Umgang mit Pflanzen verbrachte, während andere Zerstreuung beim Kartenspiel suchten, dürfte dabei eine gewisse Rolle gespielt haben.

„Schuster bleib bei deinen Leisten!?“

Nicht die „Vernunft“ geleitete mich damals, sondern das „Gefühl“. Deshalb meldete ich mich aus eigenem Entschluss in der Landwirtschaftsschule an und entschied mich für die Spezialisierung „Vermessungswesen“. Als dann im Herbst 1974 der Unterricht aufgenommen werden sollte, erfuhr ich ganz so nebenbei am ersten Schultag, die Schulleitung habe sich inzwischen entschlossen, die von mir angestrebte Ausrichtung „Vermessungswesen“ doch nicht mehr weiter anzubieten. Da ich schon Mal da war, sollte ich stattdessen mit einer anderen „Spezialisierung“ weiter machen, in einer Klasse, in welcher eigentlich nur Fahrzeugführer aller Art ausgebildet wurden. Diese hochintellektuelle Herausforderung, verbunden mit der Vision, das künftige Leben an einem Steuerknüppel oder Lenkrad verbringen zu müssen, als Kranführer über allen Wipfeln oder Lenker einer Planierwalze im Schneckentempo ließ mich ungeduldigen Jüngling zurückschrecken, ja verzweifeln. Die Enttäuschung war groß – und die Wut nicht minder! Zorn kam auf, Empörung! Was war das doch für ein Staat, in dem wir lebten? Was bedeutete ihm der Einzelne? War er ein Nichts, eine Nummer? Das willkürliche Herumspringen mit der Zukunft von Menschen, das einfach so praktiziert wurde, ohne die Betroffenen einzubeziehen, irritierte mich nachhaltig. Folglich wollte ich die merkwürdige Ausbildungsanstalt recht schnell wieder verlassen. Nur war das unter den damaligen Gegebenheiten zunächst unmöglich. Ein ganzes Jahr noch musste ich in der von Anfang an ungeliebten und deshalb innerlich abgelehnten Schule ausharren, bis es Vater endlich gelang, auf mein Drängen hin den Rektor der Schule zu bestechen und mich wieder „freizukaufen“.

Vater kam meinem Wunsch nach. Doch war es ihm deutlich anzusehen, wie unwohl er sich dabei fühlte. Vermutlich war er zum ersten Mal im Leben mit einem aktiven Bestechungsakt konfrontiert worden, wenn man von dem dort üblichen Schmieren bei der Mangelgüterbeschaffung oder beim Arzt absieht.

„Wie ist es gelaufen?“

Wollte ich erwartungsvoll von Vater wissen, nachdem das Gespräch mit dem „Direktor“ der Landwirtschaftsschule beendet und wir beide wieder allein waren. Fast bis zur Umschlagübergabe hatte ich das Hin und Her der Argumente noch mitverfolgt, dann aber den Raum verlassen:

 „Ich habe ihm die Hunderter zugeschoben – und er hat sie auch genommen. Man wird dich freistellen – und du darfst ab Herbst an ein anderes Lyzeum wechseln“

berichtete mir Vater wortkarg, sichtlich nicht weniger enttäuscht als ich selbst. Die betrübliche Tatsache, dass Geld fließen musste, um etwas auszubügeln, was andere verursacht hatten, dämpfte unsere Freude auf die neue Chance. Die einen investierten viel Geld, „nahmen Stunden bei Professoren“, um die Prüfungen zu schaffen und in einer bestimmten Schule Aufnahme zu finden, etwa im „Lenau-Lyzeum“ oder im rumänischen Pendant dazu, im „Loga“; andere mussten ähnlich viel berappen, um ein Lyzeum wieder verlassen zu dürfen! Zustände wie im Alten Rom? War denn die Schule ein Gefängnis?

„Pecunia non olet“,

sagten die Römer! Und im zivilisierten Temeschburg war es nicht anders! Wer in eine „Elite-Schule“ wollte, die es im Sozialismus überhaupt nicht hätte geben dürfen oder gar an die Universität, der musste die richtigen Leute ansprechen und kräftig schmieren. Also gab es sie doch noch, die alte Bakschisch-Kultur der Byzantiner, auch zweihundert Jahre nach der Räumung der Festung Temeschburg durch die Türken! Bestechung war Bestandteil der alltäglichen Geschäftspraktiken, nicht nur in der Klinik oder bei Gericht, sondern auch im Schulwesen. Das nicht nur im Balkan weit verbreitete Phänomen war also ein treffliches Mittel, künftige Freiheiten zu erkaufen und eigene Zwecke zu erreichen. Mit dem Bestechungsvorgang machte ich erstmals eine grundlegende Erfahrung, die symptomatisch war für die Funktionsstruktur des gesamten Landes.

Die Bürger der doch nur imaginierten „sozialistischen Gesellschaft“ waren nicht weniger korrupt als die Funktionäre im fernen Schwarzafrika; und die an sich kriminellen Verhaltensweisen glichen denen in Neapel oder Palermo aufs Haar.

Scheinbar hatten die Rumänen den markigen Spruch ihrer Vorfahren besonders verinnerlicht – pecunia non olet! Was auf gut Deutsch heißt:

Geld stinkt nicht!

Bestechlichkeit existiert überall auf der Welt seit es Eigentum gibt. Über Jahrhunderte hatte sich unter byzantinischem Einfluss in der damaligen Walachei eine Gepflogenheit herausgebildet, die auch heute noch in ausgeprägter Form besteht und eine der wichtigsten Hürden bei der anstehenden europäischen Integration Rumäniens darstellt: die Bakschischmentalität!

Ein historisches Phänomen? Nachdem einzelne Bürger ein für alle Mal festgestellt hatten, dass mit „Schmieren“ alles gleich besser läuft und so Überhitzungserscheinungen vermieden werden können, wurde aus einem individuellen Modell eine Massenerscheinung.

Nicht zuletzt waren es irgendwo die erfindungsreichen Deutschen selbst, speziell im Banat, weniger in Siebenbürgen, die mit dazu beitrugen, den „Kreislauf von Bestechung und Bestechlichkeit“ maßgebend zu fördern und die Sitten weiter zu verderben.

Es begann eben früh und unverfänglich mit der halboffiziellen Bestechung der Lehrer beim sogenannten Stunden nehmen mit ungerechtfertigten, überzogen Honorarzahlungen, um so das Bestehen der Prüfung und die Aufnahme in die knappen weiterführenden Stadtgymnasien zu sichern. Später ging es beim Facharztbesuch in der Stadt weiter, wo man nach der Art meines Onkels mit „gefülltem Weinkrug“ und „schwerem Räucherschinken“ antrat, um angemessen behandelt zu werden oder um in den Genuss „teurer Importmedikamente“ zu kommen. Es folgte irgendwann der Weg zum Gericht, wenn Erbstreitigkeiten auszufechten waren, wo mit einem Bündel Scheinchen Justitias Entscheidung leicht beeinflusst werden konnte. Schließlich kulminierte die Vorgehensweise, mit Geld zum Zweck zu gelangen, in der mehr oder weniger direkten „Beamtenbestechung“, indem das schon von der Bundesrepublik inoffiziell bezahlte Kopfgeld für ausreisende Deutsche „noch einmal freiwillig verdoppelt“ wurde, quasi als eine Art „Bevorzugungs- und Beschleunigungszuschlag“. Es war wie mit der Büchse der Pandora. Die Funktionsträger aus der Kommunistenpartei und die „Securitate-“ Leute griffen gerne zu, nahmen den Zusatz-Obolus und lachten sich dabei ins Fäustchen: Aus dem „bösen Deutschen“ war nunmehr ein „dummer Deutscher“ geworden, ein „deutscher Michel“, ein Ehrloser ohne Würde, der alles hinnahm und hingab, nur um die eigene Haut zu retten.

Irgendwann wuchsen den brav naiven Deutschen im Land, die gewisse Dinge, vor allem ihre Ausreise forcieren oder eigentlich nur beschleunigen wollten, die Geister, die sie selbst entfesselt und gerufen hatten, über den Kopf! Diese machten dann den Menschen das Leben erst wirklich schwer, vor allem denjenigen, die in den Tagen der Massenpanik nach 1981 nicht in der Lage waren, die hohen Bestechungsgelder „aus eigener Kraft“ aufzubringen. Das Ende war ein „circulus viciosus“ – ein Teufelskreis von Bestechung und Bestechlichkeit, dessen Opfer die ausreisewilligen Deutschen selbst wurden. Neben den Handlangern aus der Reihe des Geheimdienstes „Securitate“, die sich dabei eine goldene Nase verdienten, profitierte hauptsächlich einer von dem modernen Menschenhandel – der große Diktator selbst und – byzantinisch korrekt – sein gesamter Clan dahinter – die Familie Ceauşescu, die angeblich viele Hundert Millionen auf Nummernkonten in die Schweiz schaffte! Auch heute wütet die Korruption im EU-Land Rumänien, metastasierend wie ein Krebsgeschwür, wie ein Krake, drohend die zarten demokratischen Entwicklungen ganz abzuwürgen.

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