„Geh zu Hitler“ – der „böse Deutsche“ in Ideologie und Alltag

 

Besonders schlimm wurde die indirekt kultivierte „Hetze“ empfunden, die über antideutsche Kriegsfilme unterschiedlichster Provenienz im Fernsehen und im Kino Verbreitung fand. Der deutsche Soldat erschien in solchen Streifen in der Regel als „der böse Deutsche“, ausgestattet mit manchen Negativeigenschaften, oft nur als Tor und Trottel, bestenfalls als Witzfigur im ernsten Kontext. Wir, die unmittelbar Tangierten wie Betroffenen vor Ort, empfanden diesen mehr propagandistischen als wissenschaftlichen Nachhilfeunterricht in Geschichte mit chauvinistischem Unterton, der zum Teil noch die Deportation der Deutschen in die Sowjetunion und in die Bărăgan- Steppe rechtfertigen sollte, als das, was er war; nämlich als gezielt eingesetzte persönliche Beleidigung und Kränkung – und vor allem als eine offizielle Vorgehensweise des Staates gegen einen Teil seiner Staatsbürger, die nicht im Einklang war mit der vielfach laut verkündeten These vom harmonischen Zusammenleben der Rumänen mit den Minderheiten als mitwohnende Nationalitäten in einer „friedlichen Koexistenz der Völker“. Darf gegen Teile des Volkes gehetzt werden? Darf gegen Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen gehetzt werden.

In der Bundesrepublik gibt es den Paragrafen 130 Strafgesetzbuch gegen „Volksverhetzung“. Weder darf gegen Teile des deutschen Volkes gehetzt werden, noch gegen Juden, Zigeuner, Sinti und Roma oder andere Völker. Ähnliches war in der rumänischen Justiz unbekannt – nur gegen die „sozialistische Gesellschaft“ und Ordnung durfte nicht polemisiert werden; darauf standen hohe Haftstrafen. In anderen Staaten, etwa in Polen, hatte die „Dämonisierung des Deutschen“ beginnend mit dem Sieg über die Deutschordensritter in der Schlacht von Tannenberg eine durch die Jahrhunderte gepflegte Tradition. Das Deutsche wurde als das aggressive, bedrohliche, ja das inkarnierte Böse wahrgenommen, nicht anders als das Russische, eben weil nationale Identität und Einheit der Polen durch ihr übermächtigen Nachbarn immer wieder bedroht worden waren.

Bei den Serben, die in den Partisanenkämpfen gegen die Wehrmacht einen hohen Blutzoll hatten zahlen müssen und deren Zivilbevölkerung unter deutscher Besatzung gelitten hatte bis hin zu Repressalien und Erschießungsaktionen, was später wüste Pogrome gerade gegen die deutschstämmige Zivilbevölkerung im Banat nach sich zog, schließlich in der Sowjetunion, die mit über zwanzig Millionen Weltkriegsopfern die Hauptlast des Vernichtungskrieges trug, waren „antideutsche Ressentiments“ verständlicher und Teil einer eigenen Form der Vergangenheitsbewältigung.

Nicht aber in Rumänien, dessen Truppen vier Jahre lang an der Seite der Wehrmacht in Russland den Bolschewismus bekämpft hatten. Dort war es keine nationale Absetzung und Vergeltung, sondern lediglich eine „ideologische Schikane“, die aus Selbstrechtfertigungsgründen von Stalinisten und Kommunisten in die Welt gesetzt und auf Dauer am Leben erhalten wurde.

Welche Intentionen und Motivationen standen dahinter? War es nur politische Instinktlosigkeit oder sogar Absicht – im Geist des Spaltens und Teilens als „divide et impera“ nach innen wie nach außen, um so den Status quo des Eisernen Vorhangs so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, ja zu zementieren?

Zur Versöhnung der Völker Europas und der Welt trugen solche Hetzmechanismen jedenfalls nicht bei. Es war wie bei dem Kind, das immer wieder „in die Ecke gestellt“ und als das schuldig gewordene ausgegrenzt wird.

Hetzpraktiken vergifteten nur die Stimmung zwischen den Nationalitäten und führten dazu, dass sich einzelne Staatsbürger in dem Staat, den sie eigentlich lieben sollten, bald nicht mehr wohlfühlten. Deshalb überraschte es nicht, wenn unschuldige Zivilisten, Menschen, die viele Jahre diskriminierenden Einwirkungen ausgesetzt waren, sich irgendwann ganz entfremdet vorkamen; wenn sie schließlich die Konsequenzen zogen und ihr Heil in Flucht und Ausreise suchten. Ihr „Seelenheil“, das existenzielle Geborgenheit und Entwicklungsperspektiven impliziert, war ihnen allen wichtiger als die „materiellen Verlockungen“ des Westens. Und weil meine Landsleute aus dem Banat und Siebenbürgen dieses Heil in der ideologisch festgelegten DDR nie hätten finden können, schied der zweite deutsche Staat als Ausreiseziel aus.

Meine ersten Erfahrungen mit provozierendem Chauvinismus machte ich als Kind auf der Straße in der Konfrontation mit nichtdeutschen Altersgenossen. Besonders einfachere Gemüter aus den weniger gebildeten Schichten der Rumänen und „Zigeuner“ waren für Botschaften der Hetze und des Hasses recht zugänglich, was sich in klaren Aussagen entlud.

Geh zu Hitler“ war ein oft gehörter Ausdruck, denn Deutschtum wurde auf die aus sowjetischen Spielfilmen hergeleitete Assoziation „Deutschland – Hitler – Bumm, Bumm!“ reduziert. Wo der Deutsche auftaucht, ob als „Kreuzritter“ oder in einer Totenkopf-Division der „SS“, gibt es Krieg und Vernichtung! Das war die Botschaft, die dem Fünfjährigen erstmals seine Exponiertheit, sein Ungeborgensein und seine Mitschuld an undurchschaubaren Phänomenen der Vergangenheit verdeutlichte. Was sollte ein kleiner Junge, der diesen ominösen Führer Adolf Hitler nur aus Legenden oder vom Hörensagen her kannte, darauf antworten? Was wussten wir Kinder vom Werdegang und vom tatsächlichen Schicksal Hitlers im Führerbunker?

Mythisierungen, Gerüchte! Bestimmt aber noch weniger als die ebenso wenig informierten Erwachsenen. Damals fragten wir Kinder uns, ob Hitler überhaupt schon tot sei? Schließlich war er angeblich mehrfach gesichtet worden! Oder ob er es wie Mengele und andere Nazis über die Rattenlinie tatsächlich bis nach Südamerika geschafft haben könnte, dort im Verborgenen lebte, gar unter dem Eis der Antarktis!?

Immer neue Spekulationen und Verschwörungstheorien schossen ins Kraut, eine absurder als die andere. Das „Gespenst Hitler“ geisterte durch „Gelbe Presse“ wie der Mythos von Dracula, Schrecken verbreitend und Unfrieden stiftend. So wurde die Furcht vor dem wohl immer noch „bösen Deutschen“ am Kochen gehalten. Cui bono?

Wem nutzte es?

Uns, der deutschen Minderheit in einem kommunistischen Staat jedenfalls schadete das nur; wir litten darunter, Tag für Tag. Doch wer fragte nach unseren Leiden? Ideologische und nationalistische Elemente vermischten sich und beschworen gelegentlich eine doppelte Gegnerschaft herauf. Dem Angehörigen der deutschen Minderheit wurde immer wieder bewusst, dass er mit den Auswirkungen der jüngsten deutschen Geschichte, deren Opfer er eigentlich war, zu leben hatte. Er befand sich de facto in Sippenhaft auf exterritorialem Gebiet und wurde für etwas verantwortlich gemacht, das er nur vom Hörensagen kannte, da er, wie ich, erst ein Jahrzehnt nach Kriegsende geboren war. Doch auch danach fragte niemand. Mitgefangen mitgehangen!?

Nicht jeder konnte diese Herausforderung angemessen bewältigen. Während andere sich mimosenhaft in die Privatsphäre zurückzogen, Konfrontationen scheuten und möglichen Konflikten aus dem Weg gingen, reagierte ich, oft arg in die Defensive gedrängt, mehr und mehr mit einer „Strategie des Angriffs“. Statt feige zurückzuweichen oder a priori zu resignieren, setzte ich – vielleicht temperamentsbedingt – dort, wo es möglich war, auf die intellektuelle Auseinandersetzung, die sich mit zunehmendem Alter, an literarischen Vorbildern wie Heine und Nietzsche geschult, polemisch zuspitzte.

So entwickelte sich aus dem profanen Alltag eines ganz normalen Schülers, der unbequeme Fragen stellte und kecke Thesen in den Raum stellte, die schon Antworten gleichkamen, der Weg in die oppositionelle Tätigkeit und schließlich in den Konflikt mit dem Staat und seinem Sicherheitsapparat. Die Kunst des offenen und geschlossenen Fragens war ein Mittel dazu.

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