„Entweder – Oder“ !? Kartoffelsuppe und Seelenheil

 

Im Vergleich mit anderen Staaten Osteuropas und der Sowjetunion, wo die Sprache und Kultur vieler Minderheiten, vor allem der Deutschen, systematisch diskriminiert und unterdrückt wurden und teilweise auch heute noch unterdrückt werden, galt die Minderheitenpolitik im Rumänien der Sechziger Jahre als weitgehend liberal und großzügig. Das trifft partiell zu, ist aber keine Errungenschaft der sozialistischen Denkweise der Zeit, auch kein Privileg, sondern eine historisch gewachsene Tatsache, die auf die recht geschickte Selbstbehauptung der deutschen Minderheit im Banat und in Siebenbürgen zurückzuführen ist. Wir kommunizierten in deutscher Sprache, es gab mehrere deutsche Zeitungen und Zeitschriften; in Temeschburg existierte ein „Deutsches Staatstheater“, wo wir Kinder vom Land Inszenierungen deutscher Klassiker auf beachtlichem Niveau erleben konnten. Gelegentlich gab es auch Gastspiele des deutschen Theaterensembles selbst in Sackelhausen. Beachtliche Literatur wurde in deutscher Sprache verlegt; und nahezu alle modernen Autoren, die mit dem Segen der Partei deutsche Literatur fabrizierten, durften ihre Bändchen auch drucken. Auf dem Dorf konnten wir nach den einschränkenden Jahren des Stalinismus wieder gemäß altem Brauch und Sitte unsere Feste feiern, unsere Tänze aufführen, musizieren und den einst noch verbotenen Marschmusikklängen unserer beiden Kapellen folgen, die bei manchen Anlässen selbstbewusst „Ich hatte einen Kameraden“ intonierten – und damit Kompositionen, die früher von den Armeemusikern der Wehrmacht gespielt worden waren. Keiner wollte auf die traditionellen Weisen verzichten, nur weil sie in der NS-Zeit missbraucht worden waren wie so vieles andere auch. Sollten wir auch auf große Kompositionen der Klassik verzichten, nur weil Wilhelm Furtwängler dirigiert hatte?

Das kam mir vor wie das pauschale Entnazifizieren von Künstlern und Dirigenten, während die eigentlichen Schreibtischtäter, die „Ministerialdirigenten“, verschont blieben. Schließlich war selbst der weitgehend unpolitisch und instrumentalisierte Furtwängler nur ein prominentes Opfer der Kulturlosigkeit.

Wir konnten, politische Loyalität vorausgesetzt, sogar Karriere machen – wie der stramme Antifaschist Nikolaus Berwanger, der lange mit den Wölfen heulte, um dann nach dem Frontwechsel sehr spät einzusehen, die Leiter möglicherweise doch an der falschen Mauer angesetzt zu haben.

Es war sogar möglich, unter der Ägide und mit der Absolution der einzigen Partei im Land in politische Ämter aufzusteigen. Unter den Handlangern des Stalinismus, die weit oben in der Parteihierarchie ihr nicht gerade segensreiches Werk entfalteten, las ich zu meinem Erstaunen immer wieder auch deutsche und ungarische Namen. Was sind das für Deutsche? Das fragte ich mich oft.

Eine verschwindend kleine Minderheit aus den Reihen der Minderheiten setzte auf die „unkritische Kollaboration“, fest entschlossen, den „Pakt selbst mit den roten Teufeln“ zu unterzeichnen, obwohl deren Hölle irdischer Natur war und schmerzensreicher als die angedrohte der katholischen Kirche. So sicherten sie sich ihre Kartoffelsuppe außerhalb des Steinbruchs – und als kleine Zugabe der Partei noch die eine oder andere Auslandsreise, Vergnügungsfahrten in exotische Welten, die anderen Landsleuten, die nicht so biegsam waren, verweigert wurden.

Wer wollte es den Dichterlingen und Journalisten ohne Ausbildung und ohne Rückgrat wirklich übernehmen, wenn sie ihre kümmerlichen Talente in den Dienst der Macht stellten und dabei nicht schlecht lebten?

Ethik und Moral – das galt für die anderen. Gelegentlich, wenn einem idealistische Rumänen begegneten, die es gut meinten, glaubte man sogar an eine gewisse Aufrichtigkeit bei der Umsetzung der angestrebten humanen Gesellschaft. Doch dieser Schein trog. Denn gleichzeitig wurden auch zahlreiche politische und gesellschaftliche Fehler gemacht, die zu unversöhnlichen Diskrepanzen führten und die Minderheitenpolitik der kommunistischen Staatsführung heuchlerisch und unglaubwürdig erscheinen ließen.

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