„Dissidenz“ von oben? – Ceauşescu – “Enfant terrible” der Kommunistischen Welt?

 

 

Damals war ich noch viel zu jung, um die politischen Entwicklungen der Zeit, deren tiefe Verankerung im Volk mich auch in späteren Jahren noch sehr beeindruckte, aufnehmen und deuten zu können. Allerdings erinnere ich mich noch gut daran, wie wir Kinder jene krisenhaften Tage der Intervention und Invasion erlebten. Als wir, wie so oft, in Erichs Stube den Fernseher einschalteten, um gegen vier Uhr unsere Wikinger- oder Ivanhoe-Serien zu sehen, fielen diese plötzlich tagelang aus. Auf dem einzigen Kanal des staatlichen Rumänischen Fernsehens gab es nur ein Dauerbild, das einen wild gestikulierenden, beschwörend redenden KP-Chef Ceauşescu zeigte, der mit heiserer Stimme und einem penetrant südrumänischen Akzent immer wieder die gleichen Sätze und Parolen zu wiederholen schien. Offensichtlich bemühte er sich, die mir damals noch unverständlichen Wortfetzen aus dem Völkerrecht und Staatsrecht wie Prinzipien, Ethik, Souveränität … seinen passiv lauschenden, doch aktiv Beifall klatschenden Parteigenossen im Plenum einzuhämmern. Mehr erkannte ich damals nicht. Ein heftig agitierender Parteichef war zu sehen, der bald darauf, als alles ausgestanden war, wohl an Napoleons Vorbild ausgerichtet, sich selbst zum selbstherrlichen Präsidenten inthronisierte – zum selbstvergessenen, anachronistischen Kommunisten mit – man staune – einem „monarchischen Zepter“ in der Hand wie Kaiser Bokassa! Der Reichsapfel fehlte noch, die Pickelhaube und der Federbusch! Im Schwarz-Weiß-Fernseher war noch nichts von künftigem Glanz und Gloria antizipiert. Da stand nur ein bescheidener Redner, der scheinbar aufrichtig betroffen, mit runzelnden Stirnfalten und weinerlich sorgenvollem Blick vor bedrohlichen Entwicklungen warnte, vor aufziehendem Unheil, etwas, was ich als Knabe nicht begreifen konnte. War das alles echt oder doch nur Theater inszeniert für eine Weltöffentlichkeit, die belogen werden wollte? Was bezweckte Partei- und Staatschef Ceauşescu mit dem verweigerten Gehorsam? Einen eigenen Weg, einen rumänischen Sozialismus, unabhängig von Moskau? War das etwa Ketzerei, schnödes Abweichlertum, gar Verrat am sozialistischen Lager, nach dem Vorbild Titos? Wie präsentierten sich die Ereignisse in Prag aus rumänischer Sicht? Offensichtlich höchst kontrovers. Rumänien hatte sich als einziges Vollmitglied des Warschauer-Pakt-Verteidigungsbündnisses der Ostblockstaaten unter Ceauşescus Führung geweigert, in den sozialistischen Bruderstaat Tschechoslowakei einzumarschieren und sich an der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung Prager Frühling zu beteiligen, indem völkerrechtliche und staatsrechtliche Argumente bemüht wurden. Diese abweichende Haltung der Partei- und Staatsführung, diesen innerkommunistischen Sonderweg, der eigentlich ein Akt eklatanter Dissidenz war, versuchte Ceauşescu öffentlich – und vor allem vor den Augen der Welt – zu rechtfertigen, indem er tagelang jene endlosen, selbst im Westen verfolgten Reden hielt, in welchen vor allem das völkerrechtliche Prinzip der Nichteinmischung eines fremden Staates in die inneren Angelegenheiten eines anderen souveränen Staates betont und beschworen wurde. Mit dieser in der Tat abweichenden Haltung rückte Ceauşescu in die Nähe des Stalinismuskritikers Tito, offenbar bemüht, dessen Fußstapfen ausfüllen zu wollen? Als Schuster verstand er etwas von Schuhen, auch von Schuhgrößen – und als Berufsrevolutionär selbst etwas von Abtrünnigkeit und Verrat. Doch Tito imitieren? Der jugoslawische Staatschef war bereits 1948 vom Kommunismus sowjetischer Prägung abgefallen, um dann im Lager der Blockfreien erfolgreich und geachtet eigene Wege zu beschreiten – Wege der Freiheit. In den Augen Moskaus war das Verrat. Ceauşescu, ein Epigone der Politik, eiferte ihm 1968 bewusst nach und wurde damit für kurze Zeit zum weiteren Dissidenten im sonst recht gehorsam loyalen Lager der Ostblockstaaten. Der Coup machte ihn über Nacht bekannt, ja populär und brachte ihm vor allem im Westen Respekt und Kredit ein. Ceauşescu – ein „Enfant terrible“ der Kommunistischen Welt? Viele Westpolitiker nahmen dies so wahr – nicht nur bundesdeutsche Politiker, die sich – etwas abgelenkt von Prag – gerade mit der APO-Bewegung herumschlagen mussten, sondern auch Amerikaner wie Richard Nixon und Franzosen. Nur wenige Zeitgenossen, aufgrund eigener Erfahrungen mit den Mechanismen stalinistischer Gewaltherrschaft und Machtentfaltung vertraut, durchschauten die Gaukelei des angehenden Diktators und sahen in dem vor der ganzen Welt aufgeführten Spektakel nur das, was es im Grunde war: Eine gezielte Inszenierung, die vor allem den naiven Westen an der Nase herumführen sollte. Meine späteren politischen Freunde, Musiker Felix und Präsident Dr. Sacerdoteanu, blickten damals schon tiefer und erkannten mahnend die wahren Phänomene hinter den Dingen: Machterhalt, Machtkonsolidierung und Ausbau der Macht in einer roten Diktatur maoistisch- nordkoreanischer Prägung. Wie richtig sie lagen, erwies bereits die nahe Zukunft, die in den Juli-Thesen des Jahres 1971 ihren Anfang nahm. Trotzdem: Ceauşescu sollte noch lange von dem positiven Image zehren, das sich im Westen wie eine „Idee fixe“ festsetzte und gelegentlich zu einer Verklärungsmanie führte. Selbst als er längst zum senilen und unzurechnungsfähigen Diktator nordkoreanischer Prägung mutiert war, bescherte ihm sein einmalig inszeniertes Dissidententum noch einen Rest von Achtung und Kreditwürdigkeit im Inland wie im Ausland.

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