„Die Russen kommen!“ – das Trauma von 1968

 

Wir Kinder wussten natürlich nichts von makropolitischen Zusammenhängen. Wir sahen nur das uns unerklärbare Bild des Staatschefs im Schwarz-Weiß-Fernseher und vernahmen die immer gleichen Worte deren unverkennbar dialektale Einfärbung – wie bei Ulbricht und Honecker auch – weder die Herkunft noch die Dürftigkeit seiner Bildung verleugnen konnte. Letzteres wurde uns erst Jahre danach bewusst, als wir von der Landkarte ablesen konnten, dass „Scorniceşti“, der Geburtsort des späteren Despoten, in Oltenien lag. Was allerdings gleich auf uns übergriff, war ein mulmiges unbestimmtes Gefühl der Unsicherheit und Angst, das den Menschen überkommt, wenn sich eine große Krise oder ein entsetzlicher Krieg andeutet. Ein neuer bewaffneter Konflikt europäischen Ausmaßes lag in der Luft, das spürten wir, gerade einmal zwanzig gute Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. „Die Russen kommen!“ Der Ausruf stand im Raum, unausgesprochen ausgesprochen. Manches hörte man raunen. Gerede machte sich breit; Gerüchte kamen auf, wilde Spekulationen schossen ins Kraut. Der Osten drohte wieder! Mit Panzerdivisionen und Raketen. Würde der freie Westen diesmal eingreifen? Würden die Demokratien Westeuropas an der Seite Amerikas an den freiheitlichen Prinzipien festhalten und einschreiten – wie damals 1939? Oder würde die NATO doch wieder aus Gründen der Staatsraison in lethargischer Apathie ohnmächtig abwarten, ohne den Opfern solidarisch in Waffen zu Hilfe zu eilen? Das waren Fragen, die sich vielleicht mancher Erwachsene stellte, der mehr wusste von der Welt. Wir Drittklässler fragten in unserer kindlichen Naivität nur schlicht und einfach: Krieg oder Frieden? Und dies, auch ohne Tolstoi gelesen zu haben.

Die verheerenden Auswirkungen des letzten Weltkriegs waren noch nicht endgültig bewältigt, ja sie wirkten traumatisch nach über die noch präsenten und wiederholten Geschichten von Krieg, Flucht, Vertreibung und Deportation. Drohte uns nun wirklich ein neuer, ein vielleicht noch schlimmerer Konflikt, gar der alles vernichtende Atomkrieg und bald darauf das Ende der Welt? Wir hatten einiges rumoren hören, Gerede, Mären, die unbedacht von Erwachsenen verbreitet wurden und an den Aufstand von 1956 im nahen Budapest erinnerten. Würde jetzt wieder unschuldiges Blut fließen – wie in den Schauerberichten des Großvaters? Auch in unseren Straßen? In Prag rollten bereits Panzer und überrollten Menschen, die nur ihren nackten Leib entgegen zu setzen hatten, die sich aber trotzdem auflehnten und wehrten – um den Preis ihres Lebens – nicht anders als später auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking. Verzweiflung und Ohnmacht bäumten sich gegen eine Allmacht auf im Versuch, sie aufzuhalten. Drohte nun auch uns große Gefahr? Angeblich waren solche Befürchtungen aus den Reden des Staatschefs herauszuhören. Wie konnten sich Kinder dagegen wehren? Was sollten wir tun? Ein unbestimmtes Gefühl überkam mich in jenen Tagen, eine Urangst, die das Mark erschütterte. Die Hilferufe aus Budapest und Prag hallten noch durch einige Ohren. Doch niemand klärte uns auf. Keiner tröstete oder beruhigte uns. Wie so oft in unserer unendlich freien Kindheit überließen die Eltern uns großzügig und bedenkenlos uns selbst, unseren kindlichen Sorgen, Ängsten und Nöten. Was blieb uns Kindern anderes übrig, als die tieferen Ängste in unser tägliches Spielen mit einzubeziehen, um sie intuitiv im Spiel auch zu bewältigen?

An einem jener kritischen Tage vor dem Höhepunkt der Invasion spielten wir gerade in Erichs großem Garten „Krieg“, als sich die politische Gesamtsituation dramatisch zuspitzte. Mit der Vermeldung des Einmarsches und der Kampfhandlungen auf den Straßen an der Moldau wurden die stereotypen Gestikulierungen Ceauşescus noch leidenschaftlicher und heftiger. Seine besorgte Stimme drohte bald ganz zu versiegen. Während der Partei- und Staatschef im Fernsehen weitertobte und schwitzte, aufrichtig, ja sogar glaubwürdig – und fast so vehement frenetisch wie seine ideologischen Freunde Fidel Castro und Jassir Arafat in ihren besten antiimperialistischen Reden, stiegen wir Kinder die Scheunentreppe hoch auf den Dachboden des Wirtschaftsgebäudes und blickten von dort aus durch die Giebelfenster übers Dorf hinaus gen Osten, nach Temeschburg hin, um festzustellen, ob der befürchtete Einmarsch schon ablief und mörderische Panzer auf uns zu rollten. So war es angeblich schon einmal abgelaufen, damals, im Frühling 1945, als die Wehrmacht sich zurückzog, als Sackelhausen – mitten in der Front – in Brand geschossen und die „glorreiche Sowjetarmee“ von Temeschburg aus nahte, um die „Faschisten aus dem Land zu treiben“, unterstützt von der Rumänischen Armee, die am 23. August 1944 aus der Allianz mit dem Deutschen Reich ausgeschieden und die Fronten gewechselt hatte. Damals begann unser Untergang.

Die Russen kommen! Der Schreckensruf der Alten, die zum Teil noch den Russland-Feldzug mitgemacht und an vorderster Front gekämpft hatten, zum Teil noch in der Rumänischen Armee, beschäftigte nun uns über alle Maßen! Archaisches wurde wach, ja Archetypisches – Ur-Erinnerungen, Ur-Ahnungen und Ur-Ängste! Die Augenzeugenberichte der Alten wurden wieder wach und hallten nach – mit dem mahnenden Testimonium der Geschichte! Wiederholte sich alles nochmals als ewige Wiederkehr des Gleichen, als Schrecken ohne Ende, als Déjà-Vu? Früher schon, ja seit je her kam nichts Gutes aus dem Osten. Das hatte sich bereits in unseren Köpfen so festgesetzt; von dorther winkte nur Ungemach, Unheil, Tod und Vernichtung: Die Hunnen Attilas, die Mongolen des Dschingis Khan und Timur Lenk, die Tataren und dann als schlimmste Bedrohung des Abendlandes die Janitscharenheere der Türken mit ihren Krummsäbeln, die mehr brachten als den Kaffee – sie alle kamen mit der aufgehenden Sonne! Die Siebenbürger Sachsen, seit achthundert Jahren auf der gleichen Scholle, konnten ein Lied davon singen, ein Klagelied aus den Wehrkirchen und Fliehburgen, ein Lied des Grauens und der Verwüstung. Jahrhunderte hindurch hatten die Vorfahren bangend in Richtung Orient geblickt – und gezittert! Wehrhaft in den Wehrtürmen Siebenbürgens und in der Festung Temeschburg! Und dann? Seit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und dem am eigenen Leib erlebten Zusammenbruch war das Schreckenswort konkret wie singulär. Die Russen kommen! Kamen sie wirklich? Die Negativerwartung ergriff auch uns Kinder und schürte die Furcht vor einem Einmarsch, auch in Sackelhausen. Schließlich war täglich irgendwo zu vernehmen, Land und Heimat würden bald angegriffen werden. Die Russen kommen, klagten die Leute. Und das Gerede im Ort wurde lauter. Der allgemeine Schrecken war greifbar. Unweit meines Bettes, im Fundament des Hauses, steckte angeblich noch ein Blindgänger aus dem letzten Krieg, der immer noch nicht entschärft worden war. Täglich konnte er krachend hochgehen. Schlief ich noch ruhig über dem Vulkan? Oder doch nicht ganz? Das Nachbarhaus an der Ecke war im Krieg getroffen worden und vollständig abgebrannt. Auch heute noch klafft dort eine Lücke, eine Leere. Über seine immer noch sichtbaren Narben und Auswirkungen war der Krieg konkret, greifbar. In jener Konstellation über der Bombe wurde mir schlagartig bewusst, was es heißt, auf einem Pulverfass zu leben. Der Einzelmensch war überall existenziell exponiert und konnte nicht aus der Situation heraus. Vieles beunruhigte mich. Bahnte sich nun ein neuer Feuersturm an mit allen Gräueltaten eines verheerenden Krieges? Mit infantilem Enthusiasmus überlegten wir Freunde gemeinsam, wie dem Feind am besten beizukommen war; wie wir mit vereinten Kräften den die Scheunentreppen heraufstürmenden Sowjetsoldaten die Köpfe einschlagen würden – in entschlossener Gegenwehr mit Holzschwert und Speer, mit Pfeil und Bogen, vor allem aber mit der Tapferkeit der Recken und Ritter aus der Sage – wie bei Ivanhoe. Das Land rüstete schon zum Kampf – und auch wir waren bereit mutig mit zu streiten. Wenn es sein musste, auch mit selbst gefertigten Streitkolben, mit der Armbrust und mit der Steinschleuder als Katapult wollten wir uns zur Wehr setzen, kühn und wacker wie Thierry la Fronde, wie Fanfan la Tulipe, wie D’ Artagnan und die drei Musketiere oder wie der letzte Mohikaner und legendäre Häuptling der Apachen Winnetou – heldenhaft trotz Enge und Not! Dabei dachten wir uns auch sonst noch Strategien und Pläne aus, um bei Bedarf gut gewappnet zu sein, ganz so wie wir es in den gegen Tito gerichteten Bunkern auf dem Feld immer wieder geübt hatten.

Hinter allem verbarg sich trotzdem ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens und der Angst – Stimmungen, die wir im Spiel nur etwas lindern, aber nie gänzlich bewältigen konnten. Die Verunsicherungen, Beeinträchtigungen und Zerrüttungen der Seele schwanden erst wieder, als diese große europäische Krise, die für das Bündnissystem der NATO eine ernsthafte Herausforderung bedeutet hätte, sich endgültig gelegt hatte. Nur die Freiheit der Völker in Osteuropa war vorerst wieder einmal beerdigt worden.

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