„Der Unbeständige“ – drei Gymnasien und ein Ziel

 

Nach dem „Freikauf“ aus der Landwirtschaftsschule ging es dann im Lyzeum für „Bautechnik“ weiter, in einer auf Elektronik und Elektrotechnik spezialisierten Klasse, zufällig mit „deutscher Klassenlehrerin“ und – nach einjähriger Abstinenz – mit der Muttersprache „Deutsch“ als „Fremdsprache“. Die Schülerstruktur war diesmal bunter gemischt. Neben Walter, langjähriger Nachbar, Spiel- und Schulkamerad aus Sackelhausen und einem weiteren Walter aus Bruckenau, später Schauspieler am Deutschen Staatstheater der Stadt, stammten die meisten Mitschüler unterschiedlicher Nationalität aus Temeschburg und den Vororten. Das Leistungsniveau war wieder höher – und ich fiel deshalb auch schnell wieder ins vertraute Mittelfeld zurück. Innerlich war ich inzwischen ein anderer geworden. Vom Vorgefallenen im Agrarlyzeum massiv enttäuscht, ja gekränkt, ging ich mehr und mehr in eine Protesthaltung über, ohne Lust, die staatliche Willkür weiter zu akzeptieren. Zunehmend wurde ich aufmüpfiger und kritischer. Mich weiterhin ohnmächtig fügen; das wollte ich nicht mehr. Über die schulische Materie hinaus widmete ich mich politischen wie gesellschaftlichen Fragestellungen, die in kritisch-polemischer Debatte erörtert wurden, öffentlich. Das war ein Mittel, den gottgegebenen Zuständen etwas aktiv entgegen zu setzen, statt nur halblaut zu murren oder ganz zu schweigen.

Missstände wurden angesprochen, Mängel gerügt, ohne zu ahnen, dass diese „natürliche Kritik“ weiter getragen und als „Systemkritik“ interpretiert werden konnte.

So kam es dann auch. Damals, in der Zehnten, wurde der rumänische Geheimdienst, die berüchtigte „Securitate“, wohl zum ersten Mal auf mich aufmerksam. Vermutlich hatte ein Mitschüler, Spross einer linientreuen Arbeiterfamilie, mit dem ich mehrfach historisch kontrovers diskutierte, die für die Sicherheit des Staates zuständige Zivilpolizei, den „Großen Bruder“ direkt oder indirekt auf den Plan gerufen. Unser Klassenlehrer, ein menschlich angenehmer, aufrichtiger und anständiger Rumäne, der als Elektro-Ingenieur bereits China bereist hatte und uns nunmehr den Einstieg in die Welt der elektronischen Schaltkreise, der Programmierung und der Computer schmackhaft zu machen versuchte, nahm mich eines Tages diskret beiseite und informierte mich über die jüngsten Erkundungsaktivitäten der örtlichen Geheimpolizei im Lyzeum. Sie hatten auch ihn befragt und ihm eine Charakterisierung meiner Person abverlangt. Aufrichtig um meinen Werdegang besorgt riet mir dann der väterliche Freund, in Zukunft von politischen Meinungsäußerungen abzusehen, besonders auf ein Austragen in öffentlicher Disputation im Schulbereich zu verzichten, da sonst schnell ein Schulverweis drohe. Auf die sonderbare Offenbarung reagierte ich etwas verblüfft, wenn nicht geschockt.

Reichten die Tentakeln des Kraken „Securitate“ sogar bis auf die Schulbank? Noch hatte ich keine Ahnung von der nicht seltenen Praxis der Geheimdienstler, künftige Spitzel und Denunzianten bereits aus der Schülerschaft anzuwerben.

Beunruhigt, doch alarmiert wartete ich ab, mein Umfeld aufmerksam beobachtend, ob sich demnächst etwas Außergewöhnliches ereignen würde. Nichts geschah. Nachdem Konsequenzen ausblieben, verdrängte ich alles wieder, ohne den „Schuss vor den Bug“ zu erkennen. Ein höchst durchschnittliches „Zeugnis der Mittleren Reife“ schloss das Schuljahr, eine Zeit vielfältiger Kontakte und Freundschaften, das ich auch heute noch positiv im Gedächtnis bewahre.

Monate später, im Herbst 1976, ich war siebzehn Lenze jung, stand die „Elfte“ an, und mit ihr der Quantensprung der in die höheren Sphären neuzeitlicher Silicon-Technologien, in die geheimnisvolle Welt der Halbleiter, Chips und Prozessoren, der „Bits und Bytes“, die das Zeitalter plumper Transistoren ablöste. Zugleich war sie das Sprungbrett zur Reifeprüfung und zum akademischen Weg dahinter, also zum persönlich wie sozialen Aufstieg.

Doch statt der vielversprechenden Zukunft stellte sich – wie verflixt- ein Déjà-vu-Erlebnis ein, ein neues Debakel, eine Wiederkehr des Gleichen auf sehr profaner Ebene. Wiederum eine Hiobsbotschaft: Schmerzhaft musste ich erfahren, dass der „elektronische“ Traum bereits ausgeträumt war, noch bevor er richtig eingesetzt hatte. Die gerade erst hoffnungsvoll ins Leben gerufene Fachrichtung „Elektronik“ werde nun doch nicht weiter geführt, aus welchen Gründen blieb schleierhaft. Da ich bereits früher mit Elektronikbauteilen herumgebastelt hatte und endlich überzeugt war, ein zukunftsträchtiges Betätigungsfeld gefunden zu haben, reagierte ich erneut überaus enttäuscht:

Eine berufliche Erfüllung inmitten der Natur hatte man mir gerade erst zunichtegemacht – und jetzt verwehrte man mir auch die Welt der Technik?

Was war los in diesem Staat, der sich scheinbar selbst ausbremste, der sich von der Zukunft ausschloss, indem er seine Bürger davon abhielt, das aus sich heraus zu holen, was in ihnen war. Wer sollte künftig Erfindungen machen, neue Substanzen entdecken, Technologien entwickeln, wenn das kreative Potenzial von Anfang an abgewürgt wurde, statt es zu fördern? Keiner konnte mir erklären, weshalb die Elektronikausbildung scheiterte, noch bevor sie richtig aufgenommen worden war. Das Verdikt blieb ein Rätsel. Jemand, hoch oben im Ministerium oder in der Partei hatte es so gewollt. Basta! Der Bevölkerung, dem Bürger Rechenschaft ablegen?

Wozu?

War die Partei nicht im Recht? Und war nicht alles gut, was Funktionsträger der Partei in allen Bereichen der Gesellschaft beschlossen und durchführten? Langsam verstand ich die Welt nicht mehr: Miniaturisierte Schaltkreise, Mikrochips, Prozessoren und Datenspeicher aller Art – diese Dinge waren doch die Zukunft! Oder?

Die Zeit des Transistors, der jüngst noch viel von meinem knappen Taschengeld aufgezehrt hatte, war längst überwunden – die Welt stellte sich auf technologische Revolutionen ein; die Chipproduktion lief an; erste Computer tauchten auf; ja selbst vor unserer Nase, täglich für jedermann aus dem fahrenden Bus gut erkennbar, ein moderner Bau aus Glas und Stahl, ein „Datenverarbeitungszentrum“ – als Herzstück der „schönen neuen Welt“ einer beginnenden Digitalisierung und der Programmiersprachen.

Für mich aber kam das „Aus“ – Schluss mit Elektrotechnik und Elektronik! Schluss mit der realen Utopie im „sozialistischen Realismus“ – und Schluss mit der Zukunft? Was wurde aus dem redlichen Bemühen und aus dem natürlichen Streben hinauf? Galt das nur für den „Homo Universalis“ der Renaissance? Für Leonardo und den Doktor Faust? Wieder wurde mein Entwicklungsweg willkürlich abgewürgt, ohne dass dieser Schritt je begründet worden wäre. Keiner sagte etwas, keiner murrte. Obskure Kräfte regierten uns – und wir, die Todgeweihten, hatten ihre apodiktischen Urteile zu akzeptieren wie Schicksalsschläge. Also stand ich erneut – ohne persönlich versagt zu haben – vor den Trümmern des zweiten „Fait accompli“.

Der „sozialistische Staat“, dessen autoritär diktatorischer Charakter allmählich spürbar wurde, machte auch im Erziehungssektor einfach, was er wollte, selbstherrlich und arrogant. Der Bürger, ganz egal welcher Nationalität, war dabei ein Spielball seiner Launen.

Im Grunde jedoch waren es einzelne unfähige Parteifunktionäre, inkompetente Günstlinge in Verantwortungspositionen, die ihre Meinung grundlos ständig änderten, sich aber dafür nie rechtfertigen mussten.

Über allem geisterte die „Willkür des Zufalls“. Nur der Fünfjahresplan sollte anständig geplant und gar in viereinhalb Jahren erfüllt werden. In der Regel blieb es bei der Erfüllung der Erwartung des fernen Planziels. Das konkrete Ziel wurde nicht – wie im Propagandalied verkündet – in vier Jahren und einem halben erreicht, nicht „cincinal in patru an si jumătate“, sondern nur „pe jumătate“, also nur um die Hälfte, eine real existierende Tatsache, die den Abstand zum Westen, den man – in der Propaganda – alsbald aufzuholen gedachte, noch mehr vergrößerte. Also entschloss ich mich, mein Glück in einem weiteren sogenannten Lyzeum zu versuchen. Die Elfte wollte ich am „Lyzeum für Chemie“ absolvieren, um anschließend an diesem dritten Temeschburger Fach-Gymnasium auch das Abitur anzugehen, insofern höhere Mächte auf die vorzeitige Auflösung der Klasse verzichteten.

Um bei den „Chemikern“ Aufnahme zu finden, musste ich mich einer schriftlichen Wissensprüfung unterziehen – und, siehe da, ich bestand den Test nicht! Eine Erklärung fiel mir auf Anhieb schwer, glaubte ich doch, die Prüfungsaufgaben gut gelöst zu haben. Chemie war nicht irgendein Fach, sondern wie Elektronik einst ein altes Steckenpferd, eine Leidenschaft! Und nun dies? Ein eigenes Labor hatte ich mir bereits vor Jahren eingerichtet, in welchem kräftig experimentiert wurde: Mit grünen Mohnköpfen aus Großmutters Garten, um „Opium“ herauszudestillieren, nein, nicht „fürs Volk“, nur so, für mich … um die kindliche Fantasie anzuregen … und die ersten poetisch-künstlerischen Regungen wie andere mit dem Fliegenpilzgift Meskalin … dann folgten die Experimente mit dem „Glyzerin“, das ich notgedrungen aus der Apotheke besorgte, um es mit Salpetersäure zu verbinden! Bei erfolgreicher Mixtur wäre ein unüberhörbares Gemisch entstanden, mit Wirkungen, die über das Schwarzpulver des Mittelalters hinausgegangen wären.

Früh schon hatte ich einen Elektrolyseapparat gebaut, um so Sauerstoff und Wasserstoff zu gewinnen – aus einer normalen Milchflasche, deren Boden ich technologisch erfinderisch zunächst erhitzt und dann mit eiskaltem Wasser abgesprengt hatte. Ferner hatte ich Mineralien gesammelt, sie studiert, analysiert, Herbarien angelegt, Tiere präpariert, im heißen Bemühen als kleiner Faust, ganz im Dienst einer bescheidenen Wissenschaft, doch mit wahrhaftigem Interesse am Organischen und Anorganischen! All die gemachten Beobachtungen hatte ich fein säuberlich und zur Verblüffung der Spielkameraden in einem „Tagebuch“ vermerkt, in einem halbintimen Journal, wo neben früher Wissenschaft auch Gefühlsregungen in Versen Eingang fanden.

Und nun?

Der junge Gratwanderer „Faustinus“ war über den Abgrund gestürzt, hinab in die Tiefe der Finsternis aus dem Licht – wie Ikarus!?

Einfach so durchgesaust? Es war nicht zu fassen! Welcher Dämon schubste mich, wer griff da ein als unseliger Deus ex Machina? Wer wollte dem „deutschen Esel ans Fell? Wer brannte ihm da eine scharfe Ladung auf den Pelz?

Da ich dieses erneute „Fait accompli“ ohne Vorwarnung so nicht hinzunehmen bereit war, protestierte ich beim zuständigen „Schulinspektorat“ und forderte vehement eine baldige Überprüfung der Examensauswertung sowie persönliche Einsicht in die korrigierten Unterlagen. Umsonst! Beides wurde mir verwehrt mit einem: „Nu“, „Njet“, „Nein“ – apodiktisch wie das Veto der kommunistischen Supermacht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Diesmal halfen auch keine Bakschischzahlungen, kein Klopfen und Poltern mit dem Schuh auf dem Tisch, auch keine sonstigen Interventionen – ich war ausgestoßen, endgültig schachmatt. Während ich nun dastand und mit einer düsteren Zukunft vor Augen die Situation reflektierte, wurde mir mehr und mehr bewusst, als kleiner Fisch in einen dunklen Strudel geraten zu sein. Die Richtung stimmte nicht mehr. Vermutlich gab es irgendwo doch obskure Kräfte, die mir, dem inzwischen „auffällig Gewordenen“, die Reifeprüfung versagen und mich so von dem bald anstehenden Universitätsstudium abhalten wollten. Wehret den Anfängen, auch hier!?

 

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