Von Namen, Herkunft und Zukunft

 

Anders als mein poetischer Nachbar, der in einer Lehmhütte des Bărăgan das Licht der Welt erblickt hatte, war ich immerhin in einer historischen „Freistadt“ geboren. Das verpflichtete. Zivilisiert maieutisch – wie eine tiefere Wahrheit ans Licht gebracht wird – war ich in die Welt gehoben worden, ungefragt. Doch immerhin in einer sauberen Klinik und sogar erstbetreut von meiner sonst recht griesgrämigen Tante gleichen Nachnamens, die dem kargen Dorfleben schon länger „Ade“ gesagt hatte und nunmehr als Krankenschwester in der Stadt ihr Brot verdiente. Also trat ich nicht etwa als unbedarfter Simplicius ins Leben, als Bauerntrottel vom Land, als Tölpel oder „tumber Tor“, sondern doch eher als vornehmer Städter, zumindest für ein paar Tage.

Bald darauf ging es heim, aufs Land. Im Ausweis aber blieb ich für alle Zeiten ein Stadtmensch, obwohl ich nie einer werden sollte. Kleider machen Leute, sagt man. Und das gilt auch für Papiere, die anderen sagen, wer und was man ist, ob echt oder getürkt. Manchmal hat der Kaiser auch nichts an! Ein „Herrischer“ war ich also! Einer, der im Vergleich mit dem schwäbischen Dorfbewohner gleich sozial höher angesiedelt war, weil er sich etwas vornehmer kleidete als die schlichten Leute mit zwei schwarz-weißen Garnituren im Schrank. Einer, der gewählter sprach, der geschwollen redete, ohne zu merken, dass er an den Menschen vorbeiredete, statt dem Volk auf das Maul zuschauen und ihm dann und wann nach dem Mund zu reden. Vielleicht habe ich bereits damals – mit einem Bein auch in Ravensburg verwurzelt – die erhebende Wirkung des spätmittelalterlichen Leitsatzes „Stadtluft macht frei“ gespürt und verinnerlicht. Das siebenhundertjährige „Temeschburg“, eine wichtige Bastion Ungarns, eine Festung der Donaumonarchie und des westlichen Abendlandes zugleich gegen die Jahrhunderte währenden Bedrohungen durch die Türken, war für mich immer die „Burg“ unweit des Flusses Temesch, der vor siebenhundert Jahren, als Temeschburg als strategische Festung in die Geschichte eintrat, noch ganz nahe an der Burg vorüber floss – deshalb Temesch-Burg. Dieser logisch wohlbegründete Name, den ich in dieser Schreibweise „Temeschburg“ in nahezu allen deutschen Atlanten vorfand, und den ich allein schon deshalb lange Jahre für die eigentliche, wahre Bezeichnung hielt, verweist auf den historischen Ursprung der Stadt als Wehranlage; gleich den sieben Burgen aus dem Kranz transsylvanischer Gründungen – wie das ungarische Klausenburg und siebenbürgischen Städte, Karlsburg oder Schäßburg.

Später, als ich auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, mich genauer für Stadtgeschichte zu interessieren begann, wurde ich auf ein Schreiben aus dem Jahr 1428 hingewiesen, in welchem mein Geburtsort als „Temesspurg“ bezeichnet wurde. Damit stand für mich endgültig fest, dass die Schreibweise „Temeschburg“, die sich im Deutschen Reich und später in der Bundesrepublik durchgesetzt hat, historisch authentisch und gültig ist und nicht erst von deutschnationalen „Volk ohne Raum-Ideologen“ in die Welt gesetzt wurde. Auch die Siebenbürger Sachsen neigten in ihrem Schriftverkehr durch die Jahrhunderte zur Schreibweise Temeschburg, während die offiziellen Stellen in Wien zu Temeswar tendierten. Dabei steht die ungarische Endsilbe „war“, in ungarischer Schreibweise „var“ eben für Burg.

Die an das Offizielle angelehnten frühen Medien der Stadt, die Zeitungen, Intelligenzblätter, Almanache und sonstige Veröffentlichungen übernahmen die popularisiert vereinfachte Form Temeswar und verbreiteten sie. Als Folge kristallisierte sich unter den Bürgern der Stadt der identitätsbegründende Begriff Temeswar heraus, während die gleichlautende Bezeichnung Temesvar nur als der offizielle Terminus der ungarischen Periode anzusehen ist. Temesvar ist ein verwaltungstechnischer wie kartografischer Begriff, der überwiegend in der Zeit der Magyarisierungsbestrebungen nach der österreichisch-ungarischen Aussöhnung 1960 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eingesetzt wurde. Die forcierte und teilweise chauvinistisch durchgesetzte Magyarisierung der Deutschen im Banat ist mit ein Grund, weshalb die deutschstämmigen Banater Schwaben den Anschluss an Rumänien mit einer gewissen Erleichterung aufnahmen, in der Hoffnung, dort ihr Deutschtum, ihre nationale Identität besser wahren zu können. Seit der Zugehörigkeit Temeschburgs zu Rumänien führt die Stadt die offizielle Bezeichnung „Timisoara“. Wissenschaftler der DDR aller Branchen gebrauchten in ihren Veröffentlichungen in zwischensozialistischer Solidarität und symptomatisch für die Neuwertung der Geschichte ausschließlich die rumänische Ortsbezeichnung.

Als ich im Jahr 1959 in dieser Stadt mit den vielen Namen, in Temeschburg zur Welt kam, war noch nicht abzusehen, wie viele Jahre meines Lebens ich noch in historisch verwandten Stadtstrukturen verbringen sollte, namentlich in alten Gemäuern, beginnend in Meersburg am Bodensee, wo Deutschlands ältestes Schloss steht, über Freiburg im Breisgau, Regensburg an der Donau und schließlich in Würzburg am Main – in historischen Burgen, die keine Zwingburgen waren, sondern Orte der Freiheiten und Zufluchtsorte für Verfolgte.

Vielleicht fühlte ich schon als Temeschburger intuitiv, wie sehr ein Mensch, einmal in einer freiheitlichen Burg geboren, auch sein Leben lang ein freier Bürger bleiben will – sich frei entfaltend als „citoyen libre“ – oder noch – besser: als citoyen du monde! Nur wer den hohen Wert der Freiheit in der „festen Burg“ nicht einzuschätzen weiß, muss zunächst in die weite Enge eines Dorfes zurück, um sich vielleicht später von dort aus neu zu entwerfen!

Das galt auch für mich. Gern wäre ich in der alten Freistadt geblieben, zumindest im Stadtteil Freidorf. Doch ich musste wieder nach Sackelhausen zurück, um von jener niederen, doch nicht seichten Warte aus die Suche nach dem Selbst aufzunehmen. Es sollte ein schwieriger Selbstfindungsprozess werden. Raus aus der Burg und hinein in den Sack? Eine Diskrepanz!? Die Identifikation mit dem Namen des Ortes und seiner Geschichte fiel mir nicht leicht, da ich bestimmte Tatsachen schon als Kind nicht wahrhaben und akzeptieren wollte. Zwar hatte ich im Schulunterricht von der früheren Existenz des rumänischen Ortes „Sacalus“ gehört, weigerte mich aber, daran zu glauben, da dieses Faktum nicht dem bereits verinnerlichten Mythos der Ansiedlungszeit entsprach. Also hielt ich das Ganze für eine ersonnene Mär, für eine legendäre Erfindung der rumänischen Historiographie und für ein gezieltes Manöver von offizieller, namentlich kommunistischer Seite, die Legitimation deutscher Ansiedlungen im Banat infrage zu stellen.

Schließlich wuchsen wir nicht ahistorisch auf, sondern ganz im Gegenteil – eng mit der Geschichte und ihren Ereignissen verwoben. Einiges aus der Ortsgeschichte, die bereits vor vielen Jahrzehnten von einem gewissen Egidius Haupt verfasst worden war, hatte ich auch außerhalb des Schulunterrichts erfahren. Das Buch war greifbar. Irgendwann besorgte ich es mir, blätterte darin und staunte, was in nur zweihundert Jahren alles möglich geworden war. Die Vereinigten Staaten von Amerika, das weite Kanada, der Kontinent Australien – sie alle waren nicht älter als unser kleines, schmuckes Sackelhausen im Banat.

Chronist Egidius Haupt, der sich selbst als der Volksdichter aus Sackelhausen bezeichnet hatte, verfasste seine Geschichte der Gemeinde Sackelhausen im Jahr 1925, strukturell-stilistisch angelehnt an die topografischen Oberamtsbeschreibungen des Königreichs Württemberg – zu einem Zeitpunkt, als sich die Gemeinde, paradigmatisch für das Banat, auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung befand. Das erst im Jahr 1979 in der Bundesrepublik von Reinhold Fett und anderen Autoren in dem Heimatband „Sackelhausen“ fortgeschriebene Werk ist auch heute noch sehr lesenswert und liefert eine genaue Dokumentation eines gut funktionierenden, modern ausgerichteten Gemeinwesens. Diese fundierte, sehr sachliche ethnografisch- topografische Beschreibung unterscheidet sich wohltuend von literarischen Kreationen aus der gleichen Zeit, in welchen der „Blut- und Boden-Mythos“ pathetisch gesteigert und teilweise bis zum Exzess kultiviert wird.

Die Anfänge der Kolonisation jenes Landstriches in der Donau-Tiefebene wurden oft als nahezu abenteuerlich archaische Kulisse beschrieben, als Landnahme durch Rodung, durch das Trockenlegen von Sümpfen, durch das Überwinden von Hunger, durch das Überstehen von Pest und Cholera – ganz so wie es auch Adam Müller aus Guttenbrunn, der Erzschwabe, in seinem Schwabenzug vorexerziert hatte. Und ganz im Geist der pathetischen Gedichte zum gleichen Thema, die mir im Ohr klangen; hatte ich doch selbst eines zusammengereimt und vor einem größeren Publikum im Festsaal vortragen müssen. Die Anfangsverse des Kleinen-Jungen-Gedichts als sechsstrophige Ode auf mein Heimatdorf, das ich anzunehmen gelernt hatte, wie es war, lauteten: „Mein Heimatdorf ist Sackelhausen,/wo viele, viele Menschen hausen,/ da kehrt so mancher Wanderer ein,/erfrischet sich am guten Wein!“ Altbekannte Verse: Erst der Tod, gefolgt von der Not, und erst dann das Brot mit den beliebten Reimpaaren flossen in solche Heimatdichtungen ein. Die Endung „hausen“, ins Negative transponiert ein Synonym und Charakteristikum des Unbehausten, des Vagabundierenden und des Nomaden, ein Wesenszustand des romantischen „Ahasverus“, des Flüchtlings ohne Ziel und Vaterland, wie ihn Goethe definiert, hatte damals für mich noch nichts Pejoratives, nur eine leicht triviale Note, die meinem frühen ästhetischen Empfinden zuwiderlief. Wohlklingend und edel hätte ich mir den Ort meiner Herkunft gewünscht, den Hort meiner Kindheit, meine Heimat, gewichtig und bedeutungsvoll.

Andere Dörfer im Banat hatten schönere Namen wie „Liebling“, ein evangelischer Ort, der inmitten der ausschließlich katholischen Siedlungen in einer späteren Welle begründet wurde, „Blumenthal“, „Marienfeld“, „Königshof“ oder „Gottlob“, wo ein Teil der Familie meines späteren Mitstreiters Erwin herstammte. Andere waren nach österreichischem Muster nach Schutzheiligen benannt wie Sankt Anna, Sankt Andreas oder Sankt Michael; oder sie führten die Namen bekannter Geistesgrößen und historischer Persönlichkeiten wie „Lenauheim“, das aus dem ursprünglichen Csatad im Gedenken an den dort geborenen Dichter Nikolaus Niembsch von Strehlenau, genannt Lenau, umbenannt worden war. „Mercydorf“ geht auf den von Wien zum Gouverneur des Banats bestimmten Florimund von Mercy zurück. Er war ein Nachfahre des genialen Feldherrn Franz von Mercy, der dem berüchtigten Feldherrn des Sonnenkönigs Turenne in Bad Mergentheim-Herbsthausen in einer verheerenden Schlacht die einzige Niederlage seiner Militärlaufbahn eingebracht hatte; während Hatzfeld an das Geschlecht eines historisch verdienten Aristokraten aus Hohenlohe erinnert.

Auch aus anderen Ortschaften schimmerten Eigennamen hervor wie „Bruckenau“ und „Guttenbrunn“. Ferner gab es zahlreiche Ortsbezeichnungen ungarischen Ursprungs, auch neutrale Namen wie „Jahrmarkt“, selbst skurrile. Nur Sackelhausen? Jede positive Assoziation, nach der ich intuitiv suchte, führte ins Nichts. Die Namenskonstruktion, der nicht unübliche Versuch der Germanisierung eines bestehenden Namens, klang nach meinem damaligen Empfinden, irgendwie unbedeutend, leicht grotesk und unnahbar. Eine für die persönliche Selbstbehauptung wichtige Größe war ungeachtet der beeindruckenden Historiographie nicht zu erkennen bis auf die dann doch noch außergewöhnliche Tatsache, dass unser Ort immerhin einen „kleinen König“ hervorgebracht hatte – einen Romanhelden, der als Abenteurer und Seefahrer in die weite Welt aufgebrochen war und es irgendwann als besserer Pirat zeitweise zum Herrscher der Südsee-Insel Timor gebracht hatte. Er „regierte“ dort im Bewusstsein eines Monarchen vermeintlich als Gleicher unter Gleichen – auch mit Kaiser Franz in Wien, dem es das Vasallentum, namentlich den Rekruten-Dienst im österreichisch-ungarischen Heer mit den Worten verweigert haben soll: Ein König diene dem anderen nicht! Großartig diese Haltung meines Landsmannes. Mir imponierte die Geschichte sehr, zeugte sie doch von viel Rückgrat und gleichzeitig von den immensen Möglichkeiten künftiger Existenzgestaltung sowie von den Chancen der Wagemutigen, die in die Welt hinaus ziehen, um etwas zu erleben! Noch wichtiger war aber die Erkenntnis, dass der Wert des Ortes und der Gemeinschaft vor allem durch die Menschen begründet wird, die daraus hervorgehen. Eine wahrhaftige Identifikation mit dieser Ortsbezeichnung fiel mir trotzdem schwer. So wurde mir damals früh bewusst, wie sehr ein unbefriedigender Name zur schweren Hypothek auswachsen kann. Er wird zum „Zeichen“, zum „Kainsmal“ und zum determinierenden „Stigma“, das man stets mit sich schleppen und mit dem man auch künftig leben muss, wie mit einem Klumpfuß.

Früher schon im k. u .k. Reich der Kaiserin Maria Theresia war diskriminierten Teilen der Bevölkerung das Führen „schäbiger“ Namen auf staatliche Anordnung auferlegt worden, als burda, als Bürde, um damit die verfolgten Menschen, in der Regel Juden, noch zusätzlich zu demütigen, zu diskreditieren. Darauf wurde ich erst viel später aufmerksam. „Nomen est omen“! War ein Name allein schon ein determinierender Faktor, ein Hemmschuh der eigenen Freiheit? Das war wohl so! Die fehlende logische Nachvollziehbarkeit und die unbefriedigende ästhetische wie logische Komponente der Ortsbezeichnung führten dazu, dass aus der nicht vollständig vollzogenen Akzeptanz später eine – auch von anderen Einflüssen getragene – bewusste Absetzung erfolgen sollte – doch nie eine Ablehnung!

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