Viele Identitäten und ein Selbst – in Sackelhausen daheim

 

Mein Elternhaus stand ein Steinwurf weiter, fast im äußersten Westen des Landes, unweit der Grenze zum damaligen Jugoslawien, in einem selbstbewussten Heidedorf, das die Deutschen im Ort seit ihrer Ansiedlung im Jahr 1765 „Sackelhausen“ nannten. Die rumänische Bezeichnung des früher schon bestehenden Ortes war Sacalaz. Während der Zugehörigkeit des Banats zu Ungarn hieß das Dorf über Jahrhunderte Zakalhaza oder Szakalhaza.

Das tiefere Geheimnis dieses Ortsnamens ist nie richtig ergründet worden. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist der Name des bereits 1392 kartografisch erwähnten Ortes auf eine ehemalige Domäne des Gutsherrn Zakal zurückzuführen. Ähnlich wie in Süddeutschland, wo zahlreiche mittelalterliche Güter je ein versorgungswirtschaftliches Hausen aufweisen, bildete sich aus Zakal und haz, was ungarisch Haus bedeutet, die Ortsbezeichnung Zakal-haz, aus der dann durch eine Lautverschiebung bald Sakal-has und mit der Ansiedlung Deutscher aus dem Reich letztendlich Sakal-haus, Sakelhaus und Sackelhausen wurde. Die Nachkommen der deutschen Siedler, die „Sacklaser“, nannten und nennen ihr Dorf in der ortstypischen Mundart kurz „Sacklas“.

Als nach der für das Königreich Ungarn verhängnisvollen Schlacht bei Mohacs im Jahr 1528 und der Einnahme der Festung Temeschburg das Banat für einhundertsiebzig Jahre unter Türkenherrschaft kam, soll der Ort verfallen und länger als ein Jahrhundert aus der Geschichte verschwunden sein. Vermutlich besiedelten dann im frühen 18. Jahrhundert heimatlose Rumänen den Geisterort und nannten ihn Sakalusch oder in ihrer Schreibweise „Săcăluş“. Kurz vor der Neugründung des Dorfes durch Abgesandte der Kaiserin Maria Theresia, namentlich durch Administrationsrat Hildebrand, sollen – nach historisch belegten Quellen – die Bewohner dieses „Sechsundsechzig-Häuser-Dorfes“ auf kaiserlichen Erlass hin aus dem Dorf umgesiedelt worden sein. Sie wurden angeblich an einen anderen Ort im Banat, nach dem etwa dreißig Kilometer landeinwärts gelegenen Torak, zwangsumgesiedelt, allerdings mit dreißig Morgen Land pro Haushalt entschädigt. Zurück ließen diese Menschen ihre Toten und den Kern ihrer Siedlung, die sogenannte „Walachische Gasse“, die später mit dem neuen Ort verwachsen sollte.

Aus heutiger Sicht, nach dem Exodus der Deutschen aus dem Banat, mutet es an wie eine Randglosse der Geschichte und ist zugleich wie eine merkwürdige historische Ironie. Kaum zweihundert Jahre nach dieser staatshoheitlich angeordneten „Vertreibung“ der Rumänen, nach diesem eindeutigen Präzedenzfall der Geschichte, fand mit dem schlagartig einsetzenden „Exodus“, der in nur wenigen Jahren zur fast vollständigen Ausreise aller Deutschstämmigen aus dem rumänischen Teil des Banats und Siebenbürgens führte, auch die Historie des Heidedorfes Sackelhausen ein nahezu tragisch anmutendes Ende. Auf einen Schlag verließen jetzt die Nachkommen der deutschen Siedler von einst ihre kaum erst begründete Heimat, um „zurück zum Ursprung“ zu streben, zu den Wurzeln hin, um wieder ins Land ihrer Ahnen zurückzukehren. War das eine ausgleichende historische Gerechtigkeit? Sühne für früheres Unrecht, das sie zwar nicht selbst begangen hatten, das aber von anderen für sie begangen worden war?

Vertrieben, im eigentlichen Sinne des Wortes, und vergleichbar mit den richtigen Vertreibungen der Deutschen aus Schlesien, Böhmen, Mähren und anderen Siedlungsgebieten unmittelbar nach dem Kriegsende, wurden die Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen nicht. Sie gingen weitgehend „freiwillig“ – und doch nicht „ganz freiwillig“, weil sie über Jahre mürbegemacht und von offiziell kommunistischer Seite praktisch „hinausgeekelt“ wurden, wie es manchmal derb, aber treffend ausgedrückt wird. Wer lange existenziell belästigt, ja schikaniert wird, wessen Lebensgrundlagen systematisch zerstört werden – mit der rosigen Aussicht auf die noch geplante „Systematisierung der Dörfer“, der geht bald von selbst – und löst die Assimilierungsfrage auf seine Art.

Das 1765 in kurzer Zeit förmlich aus dem Boden gestampfte Sackelhausen war eigentlich kein organisch gewachsenes Dorf, sondern eine bewusste Neugründung, eine synthetische Kreation vom Reißbrett, wie viele andere Orte im Banat auch, in der klaren Form eines Rechtecks, durchteilt von drei sogenannten Kreuzgassen, acht Querstraßen und etwa achthundert Wohnhäusern im Waggonstil. Die „Luxemburger“ Gasse, auch „Liezenburger“ Gasse genannt, die „Lothringer“ Gasse, die „Mainzer“ Gasse und die „Schwarzwälder“ Gasse, seit der Ansiedlung bestehend, verwiesen auf die Herkunft der überwiegend südwestdeutschen Siedler. Die erste Welle der Siedler stammte aus den Großregionen Württemberg, Baden, Schwaben, Oberbayern, Franken, Lothringen, Elsass, Frankreich, Schwarzwald, Luxemburg, Holland, Böhmen, Ungarn, Schlesien und aus der Pfalz, also weitgehend aus katholischen Gegenden der Habsburgermonarchie sowie aus den Städten Mainz, Trier, Köln, Homburg, Merzig, Würzburg, Baden-Baden, aus deren unmittelbarer Umgebung und aus kleineren Ortschaften des deutschen Reichsgebiets. Bei vielen Kolonisten steht die genaue Herkunft jedoch nicht fest. Trotzdem ist die Genealogie vieler Familien heute weitgehend dokumentiert und kann in vier dicken Bänden der Heimatortsgemeinschaft Sackelhausen nachgelesen werden.

Die Ansiedlung von 286 Familien in zunächst dreihundert Häusern wurde von Wien aus konzipiert, geplant und gesteuert, dann von österreichischen Ingenieuren vor Ort, so gut wie seinerzeit in der weitgehend noch lebensfeindlichen Gegend möglich, in die Realität umgesetzt. Der Ort selbst entstand nicht unter Einbeziehung des ehemaligen rumänischen Dorfes, sondern unmittelbar daneben, auf einer tiefer gelegenen, von Hochwasser bedrohten, später auch von Fluten heimgesuchten, ungeeigneten Parzelle, die aber auf Wunsch der eigenwilligen Gründer gegen den Rat der Fachleute aus Wien durchgesetzt worden war.

Die Schwierigkeiten der Ansiedlung waren immens. Allein im ersten Jahre der Ansiedlung fielen nahezu die Hälfte aller eingetroffenen Siedler Krankheiten und Seuchen zum Opfer. Malaria, Ruhr und Cholera lösten bis tief in das 19. Jahrhundert hinein große Epidemien aus. Allein in Sackelhausen verschwanden in diesem Zeitraum mehr als dreihundert Familiennamen für immer. Es sollte dann mehr als hundert Jahre dauern, bis lebenswerte Strukturen etabliert und erste Anzeichen eines aufkommenden Wohlstands zu spüren waren.

Mehr als die Hälfte der mehrheitlich deutsch sprechenden Siedler, die in drei größeren Wellen die Gegend kolonisierten und Sackelhausen begründeten, stammte aus dem Saarland, aus der Gegend um Trier und aus dem Hunsrück. In der gesprochenen Mundart dominierte schließlich der Pfälzer Dialekt, dessen sprachliche Elemente sich gegenüber dem Moselfränkischen durchgesetzt hatten. Das Pfälzische Element setzte sich auch sonst durch, im Kulinarischen ebenso wie in der optimistisch bejahenden, von Heiterkeit wie Frohsinn geprägten Lebensart. Die sozialdarwinistischen Verhältnisse der Außenwelt, die gerade während der ersten Ansiedlungsphase die konkrete Existenzgestaltung bestimmten und über Auslese, Anpassung und Verdrängung zum Überleben der Tüchtigsten führten, prägten auch die Entwicklung der Sprache. Dabei setzte sich nicht unbedingt die Sprache der Mehrheit durch, sondern ein synthetisches Sprachgemisch mit einer möglichst einfachen Struktur, wobei jedoch typische Eigenheiten einzelner Dialekte als Relikte erhalten blieben. Es war keine höhere Kultursprache, sondern vielmehr eine effiziente Verkehrssprache. Das einfachste Kommunikationsmedium war zugleich das Effektivste und Erfolgreichste, während alles Schwierige zum Nachteil des kulturellen Niveaus verdrängt und ausgemerzt wurde.

In einer unserer etwas weiter entfernt gelegenen Nachbargemeinden, in „Triebswetter“, sprachen viele der ersten Siedler ausschließlich französisch und lehnten Mischehen ab. Erst in späteren Generationen setzte ein Assimilierungsprozess ein, in welchem das Französische aufgesogen wurde und im dominanten Deutsch des Banater Umfelds aufging. Während französische Namen einfach eingedeutscht und manchmal so grob entstellt wurden, dass eine Rekonstruktion des Ursprünglichen kaum noch möglich ist, blieb die französische Sprachstruktur im dort gesprochenen Deutsch bis in die Gegenwart hinein erhalten. Auch meinen Vorfahren, die väterlicherseits aus England stammten, möglicherweise aber doch erst aus dem Saargebiet ins Banat ausgewandert waren, erging es nicht besser. Wie andere „Exoten“, namentlich Italiener, Tschechen, Ungarn, verloren sie bereits nach wenigen Generationen mit ihrer Muttersprache auch ihre „nationale Identität“, die freiwillig-unfreiwillig in der dominanten deutschen Identität aufging. Diese neu erworbene Identität, die in ihrer Bedeutung weit über eine reine „Dorf-Identität“ hinausging, war für das eigene Selbstverständnis und für das künftige erfolgreiche Bestehen in der Gesellschaft überaus wichtig. Auch der kleine Landstrich Banat war irgendwo ein großer Schmelztiegel, der ganze Nationalidentitäten auflöste und zu einer deutschen Identität umschmiedete. Doch anders als im Westen, wo die Identität deutscher Auswanderer etwa in einer amerikanischen aufging, setzte sich im Osten, speziell im Banat und in Siebenbürgen, diese deutsche Identität nachhaltig durch. Sie behauptete sich trotz der „Magyarisierungs“- und Assimilationsbestrebungen Ungarns und der Weltkriege bis hin zum finalen Exodus und zur nicht „ganz freiwilligen Verabschiedung der beiden deutschen Gemeinschaften aus der Geschichte“.

Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen gingen bereits nach einer Generation im deutschen Volk auf. Damit hörten zwei völkisch definierte Identitäten auf zu sein. Der Einzelne hingegen, das Individuum, fragte auf seinem Weg durchs Leben weiter nach seiner „Identität“, weil sie Teil seines Wesens war und weil die eigene Herkunft seine Zukunft mitbestimmte. In Einzelfällen bestimmte die Identität sogar das gesamte Sein. Wer war ich? Wer waren wir? Diese Fragen beschäftigten mich seit frühesten Stunden tieferer Denkfähigkeit. Dabei versuchte ich die eigene Identität über Herkunft, Geburtsort und Wohnort zu definieren, wobei mir statt präziser Auskunftsquellen nicht viel mehr zur Verfügung stand als die reine Spekulation. Wer war ich also aus völkischer Sicht? Der Nachkomme eines englischen Pioniers, der auf der Suche nach Freiheit und Selbstverwirklichung in diesem entlegenen Teil Europas gestrandet war? Oder war ich gar kein Angelsachse, kein Engländer, sondern ein Nordmann, ein Wikinger, der vor Generationen von Schweden, Norwegen oder Dänemark aus zunächst die Britischen Inseln erobert, besetzt, kolonialisiert und sich dann im Gefolge irischer Mönche und dem Christentum den Weg ins Heilige Römische Reich deutscher Nation gebahnt hatte, bis in die entferntesten Teile der habsburgischen Monarchie? Was war eigentlich noch englisch an mir – außer dem eindeutigen Klang des Namens, der besagte, dass wir väterlicherseits alle „Söhne“ eines germanischen Urahns, eines gewissen „Gib“ waren? Nicht unangenehm empfand ich es, dass sich der eigene Name etwas auffällig in der langen Reihe der Mayers und Müllers abhob und damit etwas anderes signalisierte. War hier schon etwas von dem später deutlicher hervortretenden Nonkonformismus angelegt? Von einer Sonderrolle? Vielleicht! Für viele Rumänen aus dem städtischen Umfeld, die das Angelsächsische zum Amerikanischen reduzierten, weil für sie nicht mehr das alte ehrwürdige Empire, das England des Commonwealth, sondern das moderne Amerika der Wolkenkratzer als Leitbild galt, war ich schlicht der „Amerikaner“, während ich für die Zigeuner aus der Nachbarschaft nur ein „Ott“ war.

Der um 1750 geborene Urahn Lorenz Ott mütterlicherseits stammte laut Eintrag im Pfarrbuch der Gemeinde Sackelhausen aus Svevia, aus der oberschwäbischen Bädergegend um Ravensburg und Biberach, wo es auch heute noch zahlreiche „Otts“ gibt. Dieser Ott war um 1800 vermutlich eben aus Oberschwaben oder aus dem nahen Schwarzwald in das Banat eingewandert. Schließlich wohnte ich nicht ganz zufällig in der „Schwarzwälder Gasse“ im „Ottschen Haus“, welches mein Urgroßvater mit dem Beginn des Jahrhunderts errichtet hatte und das später von Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg massiv ausgebaut worden war.

Dort wuchs ich auf … in gefährlicher Existenz – nicht unter einem brodelnden Vulkan, aber immerhin über einem dicken Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der nie entschärft worden war. Also auch jederzeit hoch gehen konnte. Fragen kamen auf. Wer war ich denn nun wirklich? Der Spross eines kriegerischen, skandinavischen Germanen väterlicherseits? Oder der Abkömmling jener Rebellen aus dem Hotzenwald, die auf Erlass der Kaiserin Maria Theresia mehrfach in Ketten gelegt und ins Banat deportiert worden waren, um dann aber immer wieder auszubrechen und heimzukehren? Von der Donau zurück an den Rhein? Ein Freiburger Politik-Dozent, der sich mit dem Wesen und der Geschichte der freiheitsliebenden Hotzenwälder Rebellen wissenschaftlich beschäftigt hatte, trug später einmal diese These an mich heran, mit der halbironischen Bemerkung, so viel oppositionelle Gesinnung käme nicht von ungefähr. Abwegig war das nicht ganz, denn manche unserer Vorfahren kamen nur „um der Freiheit willen“. Vieles war denkbar und möglich. Schließlich hatten die nicht immer zimperlichen habsburgischen Despoten nicht nur die rebellischen „Salpeterer“ ins Banat deportiert und die neu kultivierte Gegend so zu einem Verbannungsraum gemacht; sie hatten auch Freidenker und religiöse Minderheiten wie die protestantischen „Landler“ in ihr Kronland Siebenbürgen verbannt und sie mit Macht gezwungen, dort sesshaft zu werden, für Jahrhunderte – bis zum Exodus. Doch ich ein Hotzenwälder? Ein später Hotzenplotz? War das wahrscheinlich? Wohl kaum!

Als Kind ahnte ich noch nichts von diesen Ursprüngen, konnte auch nichts Bestimmtes herausfinden. Trotzdem rätselten wir gelegentlich im kleinen Kreis über solche Themen, speziell mit genealogisch-linguistisch interessierten Mitschülern, die sich aus eigenem Antrieb heraus schon mit ähnlichen Identitätsüberlegungen beschäftigt hatten. Das „Ja, ich weiß, woher ich stamme“, war für uns noch längst keine Gewissheit, ebenso wenig wie die Frage, was die nahe Zukunft bringen würde, denn der Exodus war schon still im Gange. Tröpfchenweise vollzog sich der Aderlass, der die Gemeinschaft schwächte und bald zum Tode krankmachen sollte.

Über das rein Völkische, in welchem das schwäbische Element den englischen Eigennamen noch überlagerte, hinausgehend, definierte ich mich selbst „lokal“. Die kleinste Identitätszelle außerhalb der Familie war dabei das unmittelbare Umfeld vor der Haustür, die Schwarzwälder Gasse, deren Begriff sich im Unterbewusstsein bereits festgesetzt hatte und der die eigentliche Identifikation mit dem fernen, aber noch weitgehend unbekannten Schwarzwald in Süddeutschland begründete. Dabei stand ich mit dieser markanten Straßenbezeichnung viel näher an einem greifbaren Kristallisationspunkt als meine Spielkameraden aus den anderen „namenlosen“ Gassen, die sich nur mit einer Zahl – „fünfte Gasse“, „sechste Gasse“ oder mit abstrakten Begriffen „Hauptgasse“, „Neugasse“ oder „Kreuzgasse“ begnügen mussten oder deren Straße nach einer fernen unbekannten Stadt benannt war.

Wer von uns heranwachsenden Kindern unter den blühenden Akazienbäumen im trockenen Banat hatte schon eine Vorstellung von der katholischen Bischofsstadt Mainz oder vom noch exotischeren Luxemburg, das Stadt und Fürstentum zugleich war? Was wussten wir im entlegenen Banat von Frankreich oder von dem seinerzeit noch habsburgischen, über gewaltige Weiten ausgedehnten Lothringen? Prinz Eugen, der Edle Ritter, war Lothringer wie Feldherr Graf von Mercy, der Turenne – Bezwinger bei Mergentheim! „Mercydorf“ im Banat war nach einem seiner Nachkommen benannt. Doch viel mehr wussten wir kaum von Lothringen, dem Land zwischen den erbfeindlich gespaltenen Brüdernationen, dessen Bewohner nicht immer selbst entscheiden durften, wohin sie gehören wollten – zu Frankreich oder zum Deutschen Reich, das Otto von Bismarck geschaffen hatte. Eine nähere Identifikation mit Mainz, Luxemburg und Lothringen war fast ausgeschlossen. Der ebenso weit entfernte, aber doch irgendwo ungleich nähere Schwarzwald hingegen war etwas grundlegend Verschiedenes, ein konkret Begreifbares, Erfühlbares, schlicht eine andere Kategorie, wenigstens für mich!

Wo entspringt die Donau? Bei Donaueschingen, im Schwarzwald? Donaueschingen, eine kleine Fürstenresidenz wie viele auf deutschem Boden, besagte nicht viel! Doch der Schwarzwald, das war ein legendärer Raum aus der Imagination – das war die halb märchenhaft, halb reale Fantasie-Welt des Kohlenmunk Peter aus Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ – eine ergreifende Rübezahlwelt mit hohen Tannen, dunklen Wäldern, mit einem Glasmännlein, einem Tanzbodenkönig, mit verwandten Sitten und Gebräuchen, eine autarke Bauernwelt mit karger, derber Kost, selbst erzeugten Gütern des Alltags, mit armen Schluckern und menschlichen Menschen, mit Poesie und Atmosphäre, die das noch unverfälschte Herz eines Kindes erreichen konnten – und mit ihm seine Seele. Eine märchenhafte Wirklichkeit, romanhaft- romantisch erlebt und noch konkreter beschrieben als der „Spessart“, als das nebulöse „Bremen“ der Stadtmusikanten oder das verstockte Hameln in der niedersächsischen Heide, dessen Spießgesellen aus Geiz und Geldgier die eigenen Kinder ins Verderben gestürzt hatten, bevor sie im fernen Siebenbürgen in ein neues Leben geführt wurden. Der „Schwarzwald“ – ein wahrhaftiger Mythos! Und die Schwarzwälder Gasse – das waren wir, wir Kinder aus der Schwarzwälder Gass’, deren Bezeichnung selbst im Dialekt noch klar ausgedrückt wurde, während die Benennung Luxemburgs schnell im unidentifizierbar verwaschenen Ausdruck Litzenburg verschwand.

Diese mehr oder weniger bewusste „Identität der Straße“ ging der „Identität des Dorfes“ voraus. Dann erfolgte – nicht nur in meinem Werdegang – eine „Gesamtidentifizierung“ mit der Heimatregion Banat, mit der „deutsch- donauschwäbischen Volksgruppe“ und ihrer mühsam in einem Jahrhundert herausgebildeten Werte-Struktur. Später erst stellte sich über den Intellekt und das mehr werdende Wissen eine „völkische Identität“ ein, eine „nationale Identität“ und somit ein geistig mentales Aufgehen im gesamten „deutschen Volk“über Herkunft und Kultur.

Auf den Gedanken, als Minderheitler eine „rumänische Identität“ auszubilden, um so eine tiefer gehende Identifikation mit dem Gast-Land Rumänien herbeizuführen, dessen Staatsbürger wir ja faktisch waren, gar noch mit dem „kommunistischen Rumänien  Ceauşescus“, war für 95 Prozent der Deutschen in Rumänien undenkbar, ja abwegig. Staatspolitisch betrachtet waren wir rumänische Bürger „deutscher Nationalität“ – im eigenen Kopf waren wir nicht nur „deutschstämmig“, „deutscher Herkunft“ sondern „Deutsche“ im eigentlichen Sinne des Wortes – ebenso im Sinne des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. In den Augen der Kommunisten sowie der Linken im In-und Ausland waren wir „Volksdeutschen“ sogar die „besseren Deutschen“, die, was gerade erst in den Schützengräben und Kampfgewittern unter Beweis gestellt worden war. Deshalb auch der einzigartig brutale Schock der Vielen nach der Ausreise, für „Rumänen“ gehalten zu werden.

Im Gegensatz zu vielen Gläubigen, die bis an ihr Lebensende streng und unerschüttert an der Glaubensrichtung oder Religion festhalten, in die sie hineingeboren wurden, war ich späterhin sogar bereit, die national- religiöse Basis, das Fundament Identität, zugunsten eines allumfassenden Humanitätsglaubens kosmopolitischer Ausrichtung aufzugeben. Doch diese Werte-Relativierung über Erhöhung vollzog sich erst Jahre nach meiner Ausreise, zunächst auf philosophisch- weltanschaulicher Ebene in der Identifikation mit der Wertegemeinschaft des Abendlandes und letztendlich mit der gesamten Menschheit. „Homo sum“! – Und edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Zum Humanum – von der Antike bis zu Goethe und Schiller verkündet. Dorthin wollte ich. Zu jenem Menschen verbrüdernden „Kosmopolitismus“, den bereits ein Sokrates und die Stoiker gelehrt hatten, den ich intuitiv fühlte, ohne von seinen Begründern und Verfechtern je gehört zu haben. Er war bereits im jungen Menschen angelegt, ohne dass dieser gleich zum „vaterlandslosen Gesellen“ werden musste. „Ubi bene ibi patria“? Weit gefehlt! Doch der lange Weg dahin war ein steiniger Erkenntnisweg, ein Weg des Bewusstseins, der von jedem selbst zu beschreiten war. Manch ein Zeitgenosse blieb auf einer bescheidenen Entwicklungsstufe stehen.

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One Response to Viele Identitäten und ein Selbst – in Sackelhausen daheim

  1. veddr roland says:

    Danke! Ich habe den Bericht mit Interesse und Freude gelesen. Ja mit der Schwarzwälder Gass verbinde ich auch schöne Kindheitserinnerungen!

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