Teil I: Präludium – ein Fisch im Wasser

 Im dunklen Drang

      Der erste Seufzer der Kindheit gilt der Freiheit. Vauvernaques

Wer, in der Mitte seines Lebens angekommen, zurück blickt, Bilanz zieht und die eigene Existenz in einen großen Sinnzusammenhang zu stellen versucht, wird viele Fragen stellen. Fragen, auf die er keine endgültigen Antworten finden wird. Da keine höhere Einsicht möglich ist und der göttliche Plan, insofern es ihn gibt, stumm und verschlossen bleibt, gleich einer Klagemauer, an der das Leid des Menschen abprallt wie ein Wassertropfen auf dem Rosenblatt, muss es dort, wo keine Gewissheit möglich ist, auch bei offenen Fragen bleiben, bei subjektiven Deutungen, die kaum über die Grenzen der Individualität hinausgehen.

Trotzdem wird der Suchende immer weiter fragen, solange er lebt und um höhere Werte ringt. Er wird nach eigenen Wesenheiten fragen, nach wesentlichen Merkmalen und Kennzeichen seiner Individualität, seines Seins als Individuum und als Mensch. Er wird mit Heidegger nach dem Sinn von Sein fragen, und mit Kant nach den Grundfragen der Metaphysik, nach der Freiheit und dem freien Willen, nach der Seele, dem Grund und den Untiefen der Seele, nach Gott und der Existenz Gottes und nach anderen tausend Wahrheiten, die das Leben mit sich bringt. Als philosophisch weniger Interessierter wird er aber vor allem nach Ursache und Wirkung fragen, nach den Determinanten und Faktoren, die seine unmittelbare Existenz bestimmen. Es bleibt ihm dann selbst überlassen, wie er sich definiert – über die Geschichte oder geschichtslos – ob er mit historischem Bezug lebt oder ahistorisch und unreflektiert, nicht viel anders wie die Pflanze und das liebe Vieh.

Am Winterhimmel des Jahres 1959 erschien gerade das Sternbild der Fische, als ich an einem ganz gewöhnlichen Märztag – es war zufällig der siebente, fast am östlichsten Rand Europas zum ersten Mal das Licht der Welt erblickte. Auguren hatten nichts Besonderes vorausgesagt für diesen Tag. Sterndeuter, Freunde der Astrologie, meinten nur, „ein Fisch“ sei geboren – das hörte ich noch oft im späteren Leben. Und wenn ich später darüber lachte, ungläubig, nicht überheblich, erntete ich böse Blicke wie ein Frevler, der einen Säulenheiligen vom Podest gestoßen hat. Was war sakrosankt? Und was nur profan? Was machte den „Fisch“ aus, überhaupt – in anderen … und in mir? Genie, Kunst, Melancholie, Wahnsinn, Poesie, Tiefe, Leiden? Und war auch ich ein Fisch unter unzähligen im wilden Strom des Lebens, obwohl mir das Bewusstsein fehlte, ein Fisch zu sein?

Als späterer Aufklärer aus Leidenschaft, der viel von Astronomie halten sollte, aber ganz und gar nichts von Astrologie, kümmerten mich die Sternbilder recht wenig, ebenso wenig wie die determinierende Macht dieser Sterne, die nach altem Glauben unser Schicksal vorher zu bestimmen, es unveränderbar für alle Zeiten festzulegen und darüber entscheiden, ob wir traurig durchs Leben wandern oder froh. Sterndeutung war längst passé seit Faust, dem Nekromanten, und Kepler, der noch Horoskope stellte, aber längst ein Forscher war. Wer glaubte heute noch daran, dass Sternkonstellationen den künftigen Lebensweg des Menschen bestimmen, über seinen Charakter entscheiden, gar sein späteres Denken prägen, sein Fühlen und Leiden, ja sein Menschsein überhaupt! Nach Kopernikus, nach Bruno und nach Galilei? Die Welt, unser guter alter Planet, bewegte sich inzwischen gewiss um die Sonne – und der Mensch war der Mittelpunkt des Kosmos, auch als Übermensch und Machtmensch, der einer triumphierenden Bestie näher stand als Gott im Himmel.

Die Welt, in die ich hineingeboren wurde, war längst keine perfekte Schöpfung mehr. Sie war unmusisch geworden, nüchtern, prosaisch und kalt, grau sozialistisch eben oder realsozialistisch wie in allen Volksrepubliken im östlichen Europa nach dem Einzug der allein seligmachenden und alle beglückenden kommunistischen Ideologie. Ein rotes Parteibuch hatte man mir nicht in die Wiege gelegt, um alles zu versüßen, auch keinen goldenen Löffel und keine Fee nahte im Traum, um mir Gutes zu verkünden oder Böses zu prophezeien. Für mich war und blieb der Fisch im Konkreten eben nur ein Fisch, ein Fisch im Teich in tausend Regenbogenfarben – und ein Fisch selbst im Straßengraben vor der Haustür, der gleich in Massen angespült wurde, wenn nach langem Regen das Wasser über die Ufer trat. Der Erde treu bleiben und doch nach höheren Sphären schweben – mit zwei Seelen in der Brust, die sich nicht voneinander trennen können? Was das wissenschaftliche Auge sah, was der Realist so fühlte, musste der Poet nicht bestätigen, dem doch alle Ideale zu Gebote standen, bis hinein in die noch nicht erahnbaren Höhen der Metaphysik und in die Untiefen der Seele. Trotz des starken Wirklichkeitsbezugs hielt ich an dem Bild „des Fisches im Wasser“ fest – als Metapher und als regulierende Idee. Im Metaphorischen aber wurde der gleiche Fisch – in harmonischem Einklang mit dem intuitiv gelebten ICHTYS der Christenheit – zum Sinnbild für das Leben selbst als ein freies und bewusst gelebtes Leben und somit zum großen Symbol der Freiheit! Der Fisch im Wasser und der Vogel in den Lüften; Bilder absoluter Freiheit in zwei Zuständen – schwimmen oder fliegen, das waren Synonyme des Freiseins. Fisch sein oder Vogel! Eines von beiden wäre ich immer schon gerne gewesen, nur nicht ein elend kriechender Wurm im Staub, der sich schon freut, wenn er nicht gleich zertreten wird.

Jedes Leben kommt aus dem Wasser – und in das Wasser kehrt es wieder zurück. Das lehrte Thales von Milet siebenhundert Jahre vor dem Erscheinen der Christusgestalt auf Erden. Fast drei Jahrtausende nach ihm kam Goethe, die Botschaft in „Faust“, wiederholend, wo sie später auch mich erreichte. In der Tat – lange verharrte der Mensch im Wasser, bevor sein Geist sich über die Fluten erhob, um über den Wassern zu schweben, zu singen, um zum Vogel zu werden, zum Archaeopteryx, zum Vogel Phönix, zum schwarz gefiederten Adler und zur schneeweißen Taube – um dann erhaben von dannen zu fliegen mit erhebenden Idealen.

Denken konnte ich als Kind das nicht, doch erahnen konnte ich bereits einiges … und erträumen. Denn damals im zarten Kindesalter lebte man intuitiv das aus, was gefühlt wurde: eine Welt des Fühlens und der Gefühle, gefühltes Sein – die „Idemität“ des Fisches im Wasser, seine ursprüngliche Wesenheit in seinem ureigensten Element, sein Einssein mit seinem Umfeld, sein nichtdiskrepantes Sein, kurz sein Freisein von Fremdbestimmung als Sein in der Eigentlichkeit – die Freiheit. Wo kein Zwang herrscht, dort ist Freiheit. Und einige Jahre, fünf, sechs davon, lebte ich ohne Zwang, frei.

Die Kindheit – das war die Zeit des harmonischen Existierens in der Geborgenheit der Heimat. Und dies war ein Synonym für Glück! Letzte Erfüllung und Lebensglück – das waren Fernziele jenseits der Kindheit! War jedermann seines Glückes Schmied? Half dem, der sich selbst half, auch Gott? Und musste der, der glücklich sein wollte, zunächst frei sein, um dieses hohe Ziel zu erreichen? Das alles waren Fragen, die erst auftraten, als die glückliche Kindheit schon zu Ende war, als klar wurde, dass es tatsächlich Faktoren gibt, die das Schicksal des Einzelnen festlegen, irdische Hürden und Schranken, die uns hemmen, ja sogar vernichten.

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