Tabu und Stigmatisierung

 

Unmittelbar neben dem geigenden Viorel lebte eine meiner Grundschullehrerinnen in einer dort recht selten anzutreffenden Mischehe mit einem waschechten Rumänen, der zufällig als kommunistischer Parteisekretär die Geschicke unseres Dorfes nicht unwesentlich mitbestimmte. Er war, was mir erst später bewusst wurde, wohl ein loyaler Repräsentant des Systems, ein moderater Kaderkarrierist und Funktionär, der als solcher viele Dinge des gesellschaftlichen Zusammenseins beeinflussen konnte und wohl auch beeinflusst hat, zum eigenen Vorteil natürlich und mit aufgehaltener Hand – bis hin zur möglichen Ausreise einzelner Landsleute, die mit seiner Befürwortung und Absegnung ihren Anfang nahm. Dass dabei massiv nachgeholfen und „geschmiert“ wurde, gehört in den Bereich des Menschlichen, Allzumenschlichen. Eine Hand wäscht die andere, hieß es schon damals – und „pecunia non olet“! Was auf gut Deutsch heißt: Geld stinkt nicht. Das wussten nicht erst die Römer; das hatten auch ihre dako-römischen Nachkommen beherzigt, im Banat, in Siebenbürgen und auch sonst wo im weiten Land der Ceauşescu- Kommunisten. Geld war zwar nicht wichtig, aber es beruhigte, ermöglichte Annehmlichkeiten und öffnete Türen; dort und überall auf der Welt. „Mischehen“ waren ungewöhnlich und galten – nicht anders als in anderen historisch konservativen Siedlungsgebieten der Deutschen, in Siebenbürgen, Schlesien, im Egerland oder in Südtirol – hinter vorgehaltener Hand als unsittsam, weil sie die streng aufrecht zu erhaltende, nationale Identität der deutschen Gemeinschaft angeblich gefährdeten. In Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg waren Verbindungen dieser Art weniger aus Liebe zustande gekommen. Vielmehr wurden sie aus Opportunismus begründet, um auf diese Weise Repressalien gegen deutsche Familien abzuwenden oder um in Einzelfällen den drohenden Deportationen in die Sowjetunion sowie später in die unbesiedelten Wüsteneien des Bărăgan zu entgehen. Mischehen waren aber nicht unproblematisch. Äußerlich wurden sie zwar zähneknirschend hingenommen und toleriert; innerlich aber missbilligten die auch sonst recht konservativen Deutschen vor Ort Eheschließungen mit einem rumänischen Partner aufs Schärfste. Kinder aus deutsch-rumänischen Mischehen hatten noch in der Jugendzeit unter der halb tabuisierten Ausgrenzung zu leiden. Einer, leider allzu früh verstorbenen, fernen Verwandten gleichen Alters, die es gewagt hatte, einen Rumänen zu heiraten, wurde angeblich die Hölle heißgemacht. Sie soll ausgegrenzt worden sein, gar verstoßen – und dies von der eigenen Familie. Als späterhin, schon zur Zeit des tosenden Exodus, der eigene Bruder von Deutschland aus den Tabubruch wagte und eine Rumänin heiratete, blieb das ohne dramatische Konsequenzen. Vater behagte es kaum; nicht zuletzt deshalb, weil wir den Erfahrungen des rumänischen Kommunismus gerade erst entronnen waren. Auch ich nahm es kommentarlos hin, ohne zu frohlocken. Nur Mutter hatte keine Probleme mit der rumänischen Schwiegertochter auf Zeit und akzeptierte sie so, wie sie war, als Mensch.

Solange die Gemeinde noch stark war und die Gemeinschaft noch autark dastand, wurden Sittenbrecher sozial geschnitten. Beim Kirchweihfest, dem zentralen Großereignis des Jahres, hatten Abkömmlinge aus Mischehen kaum eine reelle Chance, geeignete Partner zu finden. „Willst du etwa einen Rumänen in der Familie haben“, hieß es lapidar als Begründung, sub rosa, versteht sich! Ein Halbrumäne war in den meisten Köpfen gleich ein ganzer Rumäne, einer aus dem Volk, die nach vierjähriger Allianz mit Deutschland den Deutschen in den Rücken gefallen waren; einer, der die Enteignung, Deportation und vielfaches Unrecht mitgetragen und somit auch zu verantworten hatte, ein Kolonist gar oder ein Armutsflüchtling aus dem Norden. Solch ein Rumäne an der eigenen Tafel, „in der eigenen Gerechtigkeit“, im Schoß der Familie? Das war eben unerwünscht. Es war schlicht eine Frage der Ehre, des Anstands, der Verantwortung und irgendwo der Selbsterhaltung!? Wie auch immer – es wurde so empfunden, und die Mehrheit auf dem Land im deutschen Dorf hielt sich daran. In der Anonymität der Großstadt vor der Haustür tickten die Uhren natürlich anders – der Zeit voraus?

Die Tradition war noch übermächtig auf dem Land und konnte auch nicht durch persönliche Stärken und Meriten kompensiert werden. Das Stigma zog sich manchmal bestimmend durch die gesamte Existenz, wobei das dominant Trennende so einfach nicht aus der Welt zu schaffen war. Das „latente Übermenschentum in den Köpfen“, von einigen kritischen Linken absolut gesehen, mit „Faschismus“ identifiziert und stigmatisierend gegen die eigenen Leute eingesetzt, um eine Mehrheit in der deutschen Minderheit moralisch-intellektuell in Sippenhaft zu nehmen, war ein nicht zu ignorierendes Faktum, doch eines, das allerdings keine ideologisch-rassistischen Wurzeln hatte, sondern auf die selbsterhaltende, eine Distanz begründende Tüchtigkeit zurückzuführen war, die im relativen Wohlstand der Deutschen sichtbar wurde. Die Deutschen vor Ort gaben in ihrem „Selbstverständnis als Kulturvolk“ Werte vor, denen alle anderen nachzueifern hatten. Selbst die Linken aus der Kommunisten-Partei, die sonst Marx, Lenin, Trotzki und Stalin verehrten, hielten an ihrer nationalen Identität fest, wollten Deutsche sein, deutsch dichten … und denken. Schließlich definierten die Deutschen das Paradigma. Sie legten die Messlatte an, ein deutsches Maß im Banat wie in Siebenbürgen, das auch von den Rumänen als Wertinstanz respektiert wurde. Dass es neben den eng reglementierten Wertvorstellungen der deutschen Gemeinde auch andere lebensphilosophische Prioritäten gab, vermittelten zumindest mir die Zigeuner um die Ecke: Welt und Gegenwelt prallten aufeinander.

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