“Stadtluft macht frei” – in Temeschburg geboren

 

Die zwanzig Jahre später in der Bundesrepublik ausgestellte „Heimkehrer-Urkunde“ spezifiziert die Umstände meiner Geburt aus formaljuristischer Sicht: „In Verschleppung geboren“, heißt es dort unmissverständlich und trocken in bestem Beamtendeutsch wie in einem Ursprungszertifikat für Waren. Von diesen äußeren Determinanten wusste ich noch nichts, als ich in einer Klinik in Temeschburg in die Welt geholt wurde.

Temeschburg, ebenso historisch korrekt „Temesvar“, im alltäglichen Gebrauch der Menschen vor Ort nur „Temeswar“ genannt, für uns im nahen Dorf einfach „die Stadt“, weil es im gesamten weiteren Umfeld keine andere ebenso bedeutende gab, war zum Zeitpunkt meiner Geburt ein lebensfrohes, kosmopolitisches Zentrum von nahezu westlichem Zuschnitt, eine Stätte der Bildung mit alten technischen Hochschulen und einer noch jungen Universität. Temeschburg war unbestritten der geistige und kulturelle Mittelpunkt des Banats und gleichzeitig, seit der Zugehörigkeit zu Rumänien, galt Temeschburg als das bedeutendste urbane Zentrum des Landes nach Bukarest. Die „Stadt“, für rumänische Verhältnisse mit ihren mehr als dreihunderttausend Einwohnern bereits eine „Großstadt“, blickte auf eine mehr als siebenhundertjährige Geschichte zurück; sie war viele Jahre Teil des Habsburger Reiches, ebenso des Königreichs Ungarn. Für lange Zeit jedoch, nach der Befreiung durch Prinz Eugen im Jahr 1716, war das systematisch zur Festung ausgebaute Temeschburg eine „königliche Freistadt“, die seinerzeit nicht Ungarn sondern dem Haus Habsburg unterstand. Temeschburg wurde nach der Vertreibung der Türken von deutschen Siedlern aufgebaut; nicht viel anders als die Deutschordensgründungen Hermannstadt und Kronstadt in Siebenbürgen fast fünfhundert Jahre früher. Für die Zeit von zwei Jahrhunderten blieb Temeschburg eine Stadt, in der die deutsche Bevölkerung die Mehrheit stellte, eine homogene Volksgruppe, die mit den nur schwach repräsentierten Rumänen, Ungarn, Serben und mehreren Tausend Juden friedlich, ja harmonisch zusammenlebte.

Nach der Zerschlagung der k. u. k. Doppelmonarchie in der Folge des Ersten Weltkriegs und gemäß der Regelungen im Vertrag von Trianon, der ein Teil des Versailler Vertrages ist, fielen zwei Drittel des Banats – und mit ihm Temeschburg – an das kaum erst gegründete Rumänien, das aus dem Zusammenschluss der Fürstentümer Walachei, Moldau und dem jahrhundertelang autonomen Transsylvanien, der Heimat der Siebenbürger Sachsen, hervorgegangen war. Rumänien verdoppelte dadurch seine Bevölkerungszahl und erweiterte sein Territorium um die Hälfte. Ein Drittel des Banats fiel an Jugoslawien. Ungarn blieben gerade noch zwei Prozent des Banats.

In Temeschburg, das bis zu seiner Befreiung durch Prinz Eugen, einhundertvierundsechzig Jahre von den Türken belagert wurde, bildete sich in den beiden letzten Jahrhunderten eine Bürgerschicht aus, die weitgehend dem österreichischen und deutschen Kulturgut verpflichtet war. In den Arbeitervierteln der Stadt dominierten hingegen proletarische Gepflogenheiten und die Wertvorstellungen des Kleinbürgertums. In einigen Vierteln der Stadt, in den später eingemeindeten Vororten Mehala, Fratelia und anderen wurde eine Art Wiener Dialekt gesprochen, der sich seit den Zeiten von Kaiserin Maria Theresia kaum verändert hatte. Temeschburg, ein miniaturisiertes Wien, hat in manchem Punkt auch heute noch Ähnlichkeit mit der alten Kaiserresidenz. Es gibt dort vieles, was es in Wien auch gibt, verwandte Strukturen, Bauten, Straßen, ganze Viertel, die von österreichischen Architekten geplant und dem Vorbild Wiens nachempfunden worden waren, eine Josephstadt, eine Elisabethstadt, ferner eine Fabrikstadt und ein paar Außenbezirke mit überwiegend deutscher Bevölkerung, wie der Stadtteil Freidorf als ein Relikt ehemaliger freier Dörfer, die sich der Umschlingung der expandierenden Stadt im Industriezeitalter nicht mehr entziehen konnten.

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