Niederungen und Höhen. Von der Freiheit der Kindheit und der Entdeckung der Welt

 

Zunächst entdeckte auch ich krabbelnd das eigene Zimmer. Von unten betrachtet sieht die Welt komisch verzerrt aus mit Erwachsenen, die wie Riesen wirken und wie Kampf-Elefanten trampeln. Ich selbst, ein unscheinbares „Riesenspielzeug“ in rücksichtsloser Hand? Allmählich richtete ich mich auf wie einst der Affe im Urwald auf seinem Weg hinauf zu den Früchten, fest entschlossen, den „aufrechten Gang“ bis zuletzt beizubehalten. Freiheit und aufrechter Gang – ein vielversprechendes Existenzmodell mit Zukunft? Von Leviathan ahnte ich noch nichts und von seiner neusten Ausgeburt, dem Big Brother.

Allmählich lotete ich alle Ecken des Wohnhauses aus, das mir noch wie ein Königschloss vorkam, mit weiten Zimmern, verborgenen Winkeln, einem halbdunklen Dachboden, durch dessen Ritze sich einige Sonnenstrahlen verirrten und mit Stallungen, die nicht mehr gebraucht wurden, weil das Vieh weg war. Alles wurde erkundet, ausgelotet, bis der letzte Winkel des Anwesens erschlossen war. Eine verbotene Kammer fand ich nicht, dafür aber verrostete Ketten und Schlösser sowie merkwürdige Relikte, die mir sagten, der letzte große Vernichtungskrieg sei noch nicht allzu lange vorbei. Auf Granathülsen wurden verbogene, verrostete Nägel gerade geklopft – und beim Umgraben des Gartens fand sich ein verrostetes Gewehr, dessen Kolben schon abgefault war. Seltsame Zeugen der Vergänglichkeit waren das – Quellen der Spekulation und frühkindlicher Inspiration. Spielend erkundete ich meine Umwelt, Stein für Stein, Pflanze für Pflanze und Kreatur für Kreatur – den blumenübersäten Hof mit seinen vielen Rosen und Reben, den Hühnerhof gleich daneben, nur durch einen Lattenzaun getrennt, mit dem bunt gefiederten Gockelhahn, auf den ich bald mit dem Besen einschlug, wenn er die armen Haushühner zu arg traktierte. Ohne Ziel und Zweck durchstreifte ich den Gemüsegarten, naschte hier und dort, durchforstete die Sträucher auf der Suche nach ersten Beeren, rupfte die Früchte von den vielen Obstbäumen und lebte so vergnügt im eigenen Garten Eden, bis schließlich eines Tages der erste Schritt hinaus auf die Straße erfolgte, die Welt der Geborgenheit verlassend, unbewusst hinaus schreitend in die Fremde.

Die natürliche Wahrnehmung der Gasse schloss sich an, die unmittelbare Nachbarschaft, die bereits eine Welt für sich war. Am Eck der Gasse deutete sich die schier unendliche Weite des Dorfes an, Strecken, die mir aus kindlicher Sicht kaum zu meistern erschienen. Wie fern war da erst die nahe Stadt, das große Temeschburg, ganze zehn Kilometer entfernt, wie unauslotbar die Region, das inzwischen dreigeteilte Banat, dann das Land Rumänien, von dem ich nur aus Gehörtem erfuhr, das imaginäre Deutschland dahinter irgendwo im Alten Europa, schließlich Amerika, wo ferne Verwandte lebten und woher zu Ostern und Weihnachten die vielen Briefe herkamen mit den Sternenbanner-Briefmarken darauf und der Statue, die von Freiheit kündete … Und war da nicht noch eine Welt hinter dieser Welt?

Unsicherheit und ein unbehagliches Gefühl von Fremdsein kam auf, wenn ich mir die Weite vergegenwärtigte – und doch stellte sich auch Neugier ein, hinter die Fassade blicken zu wollen. Was war echt? Was war Täuschung? Der Erkundungs- und Erkenntnisprozess nahm seinen natürlichen Lauf, wobei alle Anregungen der Erwachsenen gierig aufgenommen wurden. Dabei wechselten die Perspektive kontinuierlich – und irgendwann erkannte ich, wie sehr es auf die Warte ankommt, von der aus man die Welt betrachtet. Von Niederungen aus können Höhen erahnt werden, wenn man das Sensorium dafür hat; und von der Höhe aus kann man die Niederungen studieren, wenn Fernglas und Brille nicht eingetrübt oder ideologisch eingefärbt sind.

Als ich eines Tages auf dem Dachboden ein noch intaktes Periskop entdeckte, mit dem man während der kaum erst verrauschten Kriegstage aus den Schützengräbern heraus nach Panzern gespäht hatte, zerschnitt ich es in mühsamer Arbeit mit einer Eisensäge, wissbegierig das Innenleben offen zu legen. Ein Prisma kam dabei zum Vorschein, ein dreieckiges Glas gleich einer Pyramide in allen Farben des Regenbogens schimmernd, das ans Auge gehalten, die Realität verkehrte, sie auf den Kopf stellte und sie verzerrte wie ein Hohlspiegel. Ein merkwürdiges Erlebnis! Wieder fragte ich mich, was war nunmehr echt, wahr und wirklich? Und was war verlogen und falsch? Was täuschte und was trog? War dem Auge noch zu trauen? Oder log uns dieses zweite Auge Wirklichkeiten vor, die es gar nicht gab? War möglicherweise alles nur Gaukelei auf der Welt? Und jede äußere Erscheinung, jede Fassade ein Trugbild? Kam es vielleicht darauf an, hinter die Fassade zu blicken, hinter das „Potjomkinsche Dorf“ – auf der Suche nach dem Urgrund der Dinge, nach des Pudels Kern? Wie weit waren Mond und Sterne wirklich von uns entfernt – und die alles überstrahlende Sonne? War sie zu greifen, wenn man auf den Dachboden stieg oder in den Gipfel der Akazie kletterte, dorthin, wo Singvögel und schwarze Raben ihre Nester bauten?

Viele offene Fragen deuteten sich an – und manche klaren Antworten blieben aus, weil oft keiner da war, um dem Mangel abzuhelfen. Die Erwachsenen waren mit dem Überleben beschäftigt, weniger mit Erziehung und unnützer Fragerei. Also wühlte ich weiter allein im Misthaufen herum und beobachtete noch nah an der Krabbelperspektive die vitalen Würmer in Dreck und Staub. Wie glichen wir doch dem Gewürm! Nur vollzog sich bei uns alles auf einer höheren Ebene, auch das Niederträchtige.

Das Werden und Vergehen rollte vor kindlichen Augen in unmittelbarer Anschauung ab. So sah ich etwas vom ewigen Kreislauf der Dinge: den Eier ablegenden Schmetterling, das Schlüpfen der Larve, die Verpuppung und den bald darauf neu schlüpfenden Schmetterling in noch prächtigeren Farben. So erlebte ich die Metamorphose. Dass auch Gottheiten metamorphosieren oder gar Menschen zu Chamäleons mutierten, wenn es opportun war und etwas versprach, davon ahnte ich damals noch nichts.

Manchmal stieg ich hinauf auf den Misthaufen neben dem Schweinestall mit dem grunzenden Borstenvieh und verfolgte von der einsamen Höhe des Haufens herabblickend das Keuchen und Fleuchen der Kreatur, das immer gleiche Verhalten des Geflügels in der Hackordnung, die stummen Kaninchen beim Nagen und die grunzenden Mastschweine am Trog, die gierig fraßen wie die nimmersatten Menschen drei Schritt weiter in der Gesellschaft. Wühlen, rackern, häufen, verschlingen – die einen folgten dem Trieb, die anderen agierten bewusst und häuften Haufen auf Haufen, Sack auf Sack, ohne den Hals voll zu kriegen. Wenn das Tier satt war, hörte es auf zu fressen und ließ die goldenen Maiskörner liegen. Der Mensch aber konnte nicht genug kriegen. Giergetrieben machte er weiter und weiter – so lange, bis die Natur ihm Einhalt gebot und ihn an der eigenen Unvernunft scheitern ließ: Mehr Boden, mehr Reichtum, mehr Macht! Einer wollte über den Anderen hinaus. Der Wille zur Macht mit Geld zu noch mehr Geld und Besitz, wobei die Menschlichkeit auf der Strecke blieb. Noch erinnere ich mich: Um eine Handbreit Gartenerde wurde fast ein Prozess geführt … Das waren erste Blicke in die Welt und auf die Welt, vom wankenden Turm herab, mehr Einblicke als Überblick, ein Rundblick als Ausblick! Horizonte taten sich trotzdem auf im flachen Land und veränderte Perspektiven! Dabei fühlte ich mehr als ich es denken konnte – über die determinierende und die Freiheit bestimmende Sichtweise hinaus – wie deutlich der Mensch, unabhängig von Tiefenlagen und Gipfeln, Welten in sich trägt, aus denen heraus er sich jederzeit neu entwerfen kann: positive und negative, gute und böse, hässliche und schöne. Der freie Wille, den Kant gleichberechtigt als ewige Idee neben Gott und Unsterblichkeit stellt, ist sein Mittel dazu, zur Selbstbefreiung und letzten Freiheit. Mein elterliches Umfeld beließ mir zunächst die Freiheit, fast alles zu tun und zu lassen, was mir möglich war – Laissez faire! Nicht aus höherer Einsicht, auch nicht aus Nachlässigkeit oder vielleicht im gelinden Ahnen, ein künftiger Charakter und Geist werde früh damit beginnen, sich selbst zu erziehen, sondern aus dem natürlichen Gefühl heraus, dem Kind solle es besser gehen, als es einem in schwierigeren und strengen Zeiten selbst ergangen war. Während andere – aus pädagogischen Überlegungen heraus – schon im zarten Kindesalter zur harten Gartenarbeit herangezogen wurden, erfreute ich mich einer großzügigen Schonung. Ob der Hätschelkult den Charakter verbog, wie mache meinten? Jedenfalls förderte er den Sinn für die „Freiheit“ und Rebellion gegen Ungerechtigkeiten, die selbst im zarten Kindesalter nicht übersehen werden! Ganz im Gegenteil. Eine zarte Kinderseele empfindet mehr und tiefer, als es die Schulweisheit der groben Erwachsenwelt ahnen lässt.

Während andere Kinder in Nachbarorten von weniger einsichtigen Eltern zu richtiger Kinderarbeit herangezogen wurden, etwa zum Hüten und Melken der Kühe, blieb das frühe Schuften in meinem Umfeld die Ausnahme. Die großzügig bemessene Freizeit nutzte ich bald darauf, um möglichst viele Bücher zu lesen, aus einem Vergnügen heraus und nicht, um streberisch Wissen anzuhäufen. Doch die Erkenntnis, dass Wissen Macht bedeutet, ließ nicht mehr lange auf sich warten. Als dann während der Trotzkopfphase doch erste Einschnitte vorgenommen und Beschränkungen auferlegt wurden, manchmal verbunden mit plumpen Androhungen von Strafe, floh ich tagsüber aus dem Elternhaus hinaus ins Dorf, dessen Menschen mir immer vertrauter wurden. Fast alle Türen waren offen. Und fast überall gab es etwas zu essen oder zu trinken. Wozu brauchte man da noch ein Zuhause? Diese Flucht, aus der später eine „Fuga“ erwachsen sollte, ja eine „Kunst der Fuga“, war ein erster Hinweis darauf, dass die Freiheit durch eigenes Handeln erkämpft werden muss, wenn andere sie einschränken und beschneiden. Gerade in Ferienzeiten nahm ich regelmäßig Reißaus. Frühmorgens schon lief ich davon, oft sogar barfuß, nur eine Unterhose am Leib. Heim kam ich erst wieder, wenn die Sonne am Horizont verschwunden war. Das war meine Freiheit. Kaum einer nahm Anstoß daran in einer Welt, die für ihre angeblich strengen Sitten bekannt war. Soviel Zeit wie möglich suchte ich dort zu verbringen, wo die Freiheiten, die das Kind zu seiner Selbstentfaltung und künftigen Heranreifung braucht, nicht gehemmt wurden. Das frühe Abhauen, wie wir es nannten, war ein erster, selbst begründeter Akt freier Entfaltung, ein Vorgehen, das zumindest mir schon bald den Ruf eines „Dorfbesens“ einbrachte; und mit diesem Ruf das mir nicht ganz angenehme Image des „schlimmen Kari“, der sich an keine Regeln hält. Dieser Leumund folgte mir überall hin auf den Fuß und führte dazu, dass alles, was ich später unternahm, im Dorf oft mit skeptischen Blicken verfolgt wurde bis hinein in die Jahre der politischen Opposition, die von den Braven als Ungehorsam, gar als reine Verrücktheit interpretiert wurde.

Dieser gute Ruf des Unfügsamen war mein Kainsmal, mein Stigma. Das „Unerzogensein“ war das Synonym anderer für meine Vorstellung von Freiheit, hinter welcher Rebellion, ja offene Anarchie lauerte. Mit diesem unbehaglichen, an sich unbegründeten Zeichen musste ich leben, ohne aber unmittelbar mit der Gefahr des Ausgestoßenseins konfrontiert zu werden. Der „Paria“ – Vorwurf traf andere. Also nahm ich die Bürde fatalistisch auf mich und lebte mit der Fügung wie die Zigeuner, die auch ihr Schicksal annahmen und das Leben verachteten, indem sie sich selbstbewusst über es erhoben. Diese Haltung der Gesellschaft, die ein Anderssein geradezu provoziert, war ein weiterer Hinweis darauf, dass derselbe Wert unterschiedlich gewertet wird.

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