Im Garten Eden – Zauberstab und Prisma

 Zahme Vögel singen von Freiheit – wilde Vögel fliegen. Anonym

 

Mein “Symphonie der Freíheit”-Manuskript war inhaltlich weitgehend abgeschlossen, als mir, dem inzwischen fast Fünfzigjährigen, während eines gemütlichen Zusammenseins bei Freunden einige Verse gereicht wurden, die ich im zarten Knabenalter in ein poetisches Erinnerungsbuch geschrieben hatte: Sorglos wie ein kleiner Vogel, fliege durch das Leben hin, nimm von jedem grünen Zweige, Hoffnung als Begleiterin.

Der Ton dieser schlichten Zeilen, damals irgendwo abgekupfert, war repräsentativ für die Gestimmtheit meiner gesamten Kindheit. Er verwies auf Jahre heimisch heimatlicher Geborgenheit ungetrübter Positivität, auf Tage der Zuversicht ohne ernsthafte Sorgen sowie auf Zeiten einer noch intakten wertstrukturierten Welt – „jenseits von Sodom“!

Perfekt war die Welt längst nicht. Aber sie erschien weitgehend intakt, getrübt nur von den emotionalen Entgleisungen Erwachsener, die ihre Gefühlsausbrüche nicht immer unter Kontrolle hatten. Die Sünde – die stand im Katechismus.

Sackelhausen war ein Dorf unter vielen in der äußerst fruchtbaren Tiefebene des Banats, die sich um Temeschburg, dem geistigen Zentrum Westrumäniens, scharten wie bunte Steine eines Mosaiks um den strahlenden Mittelpunkt. Allerdings war unser strategisch geschickt am Eingangstor zur Stadt gelegenes Dorf auch eine der bedeutenderen Gemeinden der Region mit dem Anspruch, in verschiedenen Sektoren Maßstäbe zu setzen. In jenem Sackelhausen, das nicht viel niederer oder höher lag als Jahrmarkt, Nitzkydorf, Sankt Andreas oder Sankt Michael, verbrachte ich, wohlbehütet in der dort typischen Großfamilie, die ersten sieben Jahre meiner Kindheit in nahezu absoluter Freiheit. Doch was wusste ein Kind vom hohen Ideal der Freiheit? Von ihrer langen Geistestradition im Abendland und im Deutschen Idealismus? Fast nichts! Den besonderen Wert erahnte nur, wer keine Einengung fühlte, keinen Zwang, keine Grenze und kein Gesetz. Freiheit erlebte und lebte ich als gottgegebene Selbstverständlichkeit, natürlich und unmittelbar, ohne ihre tiefere Bedeutung ergründen zu können.

Worin bestand nun diese kindliche Freiheit und wie gestaltete sie sich? Das in den ersten Lebensjahren erfahrene Freisein, jene „unreflektierte Freiheit“ des Kindes, wurde möglich, weil das Restriktive des Umfelds fehlte. An echte Zwänge erinnere ich mich kaum. Freiheit – das war die nicht vorhandene Gängelung durch Beschränkungen, durch strikte Grenzen oder einer direkten Steuerung von außen. Es war ein Hauch antiautoritärer Erziehung noch vor dem Einsetzen schulischer Pädagogik. Das Phänomen des Antiautoritären war bereits da, lange bevor es als solches ausgemacht und definiert war.

In einer Welt, die für Philosophie und Theologie genauso wenig Zeit aufbrachte, wie sie in Wissenschaften und Künste investierte oder in die Kunstfertigkeit des Nachdenkens über die Galaxien des Universums, dessen Staubkörner wir waren, blieb ich mir zunächst weitgehend selbst überlassen, mit vielen Fragen und spärlichen Antworten. Ein Privileg? Eine Gnade? Oder ein Fluch? Gerade einmal vier bis fünf Jahre alt, wurde mir allmählich die eigene Existenz bewusst. Das Bewusstsein formte sich, ein Selbst zu sein, eine Einmaligkeit und Einzigartigkeit im Kosmos, ein Individuum, welches in einer eigenen Welt lebte, die in hohem Maße immer noch eine märchenhaft versponnene und romanhaft fiktionale war. Traum und Wirklichkeit gingen ineinander über. Ebenso Wahrheit und Lüge.

In jener teils erfundenen Wirklichkeit träumte ich mich durch die Zeit, versuchend möglichst viel von dem am Vorabend beim Schlafengehen gehörten Märchen in den profanen Alltag einzubinden, um so Sehnsüchte und Wünsche mit dem Alltagsgeschehen zu verknüpfen. Wenn mir die Welt um mich herum nicht gefiel, dann log ich mir eine heile Welt zurecht, eine Zauberwelt ohne Grenzen, aber mit allen Möglichkeiten und versetzte mich in jene neu geschaffene Kunstwelt hinein, getröstet in ihr aufgehend oder nach Rückschlägen und Enttäuschungen trotzig über den Dingen stehend, heroisch, hoch zu Ross als weißer Ritter mit Flammenschwert, auf die verachtete Welt hinunterblickend, entschlossen mich für alle Zeiten über sie zu erheben nach dem zurechtgelegten Motto: Wenn die Welt auch grausam und schlecht ist, dann brauche ich mich doch nur über sie zu erheben – mitmachen aber muss ich nicht. Die innere Freiheit winkte mir zu, ein stoisches Ethos mit allen Möglichkeiten der Selbstentfaltung und individueller Existenzgestaltung.

Idealvorstellungen bestimmten mein frühes Denken und Fühlen. Das Gute der Märchenwelt, der triumphierende Held über die Bestie – das waren Keimzellen einer Moral wie im Religiösen. Mich selbst sah ich als Zauberer – und der selbst entworfene Zauberstab war mein wichtigstes Requisit, weil er der Schlüssel war zu neuen Dimensionen im Reich der Imagination, die uns Vorschulkinder noch ganz erfüllte. Wenn uns dann die Geschichten ausgingen, erfand der Zauberstab neue Geschichten, denen unser williger Geist, der noch nicht streng und folgerichtig denken musste, gerne folgte. Nicht selten übernahm ich Erzählungen aus zweiter und dritter Hand, die Vater aus der Kur in den fernen Gebirgsregionen Călimăneşti und Slănic mitgebracht hatte, formte sie um, schmückte sie aus und schilderte dann alles den verblüfften Kindergartengefährten als selbst erlebtes Ereignis. Der Kampf des Bären mit dem Hirsch, den Vater im Kino gesehen hatte, wurde zum eigenen Erlebnis. Wurde der Erzählstoff knapp, erfand man schnell etwas dazu, spann Fäden weiter, schmückte alles aus, ohne groß zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Im Grunde war alles echt, was zum Besten gegeben wurde. Was faszinierte, glaubte man gern, eben weil es faszinierte. Selbst Eide hätten wir darauf geschworen – wie Till Eulenspiegel oder Baron Münchhausen. Dass Lügen böse Folgen haben könnten, kümmerte uns Knaben kaum – wohl bis zu dem Tag, als uns die netten Erzieherinnen aus der Stadt mit frommen Lebensweisheiten traktierten, mit frommen Sprüchen, die wir gar nicht hören wollten: „Lügen haben kurze Beine“, lautete ein solcher Spruch, dem jemand viel später mal hinzufügte: „Die Wahrheit hat keine!“Aber wir werden ihr Beine machen“, ergänzte ich viel später im Leben, nachdem ich die Auswirkungen großer Lügen auf eigener Haut erfahren hatte.

Für einen Fünfjährigen jedenfalls war das Lügen ein Vergnügen – und je dicker die Lüge ausfiel, die Täuschung und das „Hinters – Licht – Führen“ der anderen, desto größer war der Genuss. Da die sittliche Erziehung des Menschengeschlechts und des verantwortungsvollen Staatsbürgers aber irgendwann beginnen musste, schritten bald Erwachsene ein, fest entschlossen, kindliche Fantasien zu verbannen und Grundsteine der Moral einzurammen: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, ja, wenn er auch die Wahrheit spricht“, belehrte uns ein weiterer Spruch aus der Tugendkiste. Weshalb man uns das Lügen austreiben wollte, verstanden wir nicht. Jedenfalls sollten wir nie lügen, dafür aber immer und allezeit bei der Wahrheit bleiben. Dann folgte die Geschichte mit den drei ungelehrigen Ferkeln, die so zum Spaß immer wieder „Der Wolf, der Wolf, der Wolf“ riefen, so lange, bis das Ungeheuer eines Tages wirklich auftauchte und alle auffraß. Ja, in der Tat, das Lügen kann furchtbare Konsequenzen haben, sagte ich mir damals, hellhörig geworden und beschloss aus eigener Einsicht heraus, mich selbst zu erziehen. Die Angst, aus mangelnder Erziehung zur Bestie zu werden, war groß. Und weil das mir intuitiv vorschwebende Ethos nirgendwo zu greifen war, am wenigsten daheim, beschloss ich, mich selbst zu beschränken, auch wenn der Preis dafür die selbst zu beschneidende Freiheit war. Erst mit dem Lesen kamen Fragen auf, die die eigentliche Existenz betrafen. Wer bin ich wirklich? Wo komme ich her? Weshalb bin ich da? Und wo gehe ich hin? Danach fragte ich früh und gründlich. Und irgendwann fragte ich auch nach dem eigenen Seinszustand, nach dem geistig-politischen Freisein. Vielleicht dann, als man mich zum ersten Mal in einen Karzer steckte, um eine Strafe abzubüßen?

 

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