Herr „So-ist-das“

Kaum ein paar Schritte von unserem Hof entfernt stand ein imposantes Eckhaus mit großem Festsaal, in welchem bei Festschmaus und Blasmusik nahezu alle Hochzeiten des Dorfes abgehalten wurden. Auch einer der letzten Dorfläden, inzwischen zugemauert, fand noch darin Platz. Rumänen hatten das Objekt erworben – ein älteres Ehepaar aus der Moldau mit ihrer bereits erwachsenen Tochter Aurica. Es waren bescheidene, freundliche Menschen. Der Hausherr, ein kleiner, unscheinbarer Mann mit kurzem Schnauzbart, hieß Marin. Er galt als geschäftstüchtig, ja bauernschlau, hatte aber ein gutmütiges, konziliantes Wesen. Im Gespräch mit anderen Ortsansässigen verhielt er sich stets verständnisvoll zustimmend. Seine jeden denkbaren Konflikt vorwegnehmende Einfühlsamkeit ging sogar soweit, nie ein Anliegen gleich abzulehnen oder gar brüsk zu verneinen. Er war der geborene Zuhörer, ein Geist, der stets bejahte – und das mit Recht! Schließlich konnte man alles so und anders sehen! Weshalb sollte man der Negativität das Wort reden, wenn man im gleichen Atemzug Positives Denken kultivieren und praktizieren konnte? Marins Lebensart war eben positiv und sie drängte ihn dazu, etwas vom guten Geist weiter zu geben. Wenn jemand irgendwie belehrend auf ihn einredete und dabei eine Weisheit nach der anderen zum Besten gab, pflegte Herr Marin nur zu staunen: „Ach, so isch des?“ Das war sein Dauerkommentar im eigenen Idiom. Wurde er aber mit diversen Überlegungen konfrontiert, dann sagte er fast nach jedem Satz mit betroffenem Ernst nur die Worte: „Ja, so ist das, ja, so ist das!“ Gewöhnlich verhielt er sich zustimmend – wie ein Psychologe, der gerade das positive Konditionieren seines Gesprächspartners zum Programm erhoben hat. Aus der zur Floskel reduzierten Aussage „So ist es“ entstand bald der entsprechende Spottname in Rumänisch, den ein Vorschulkind als solchen noch nicht durchschauen konnte. Ein Spottname? Was war das? Wie hätte ich daraufkommen sollen? Schließlich war nur zu vernehmen, wie die Leute ihn nannten. Und dieser stets verständnisvoll kopfnickende kleine Herr mit dem grauen Schnauzer im ovalen Gesicht wurde von allen nur „Aschai“ genannt,  manchmal auch „Aschaeste“.

Als ich ihn eines Tages noch im Vorschulalter-Kauderwelsch naiv mit Herr Aschai anredete, genauso, wie ich es den Erwachsenengesprächen entnommen hatte, sah mich der gütige Alte etwas gekränkt an, um mir dann zu sagen: „Mein lieber Cari, nenne mich künftig bitte nicht mehr „Herr So-ist-das“! Nenne mich bitte einfach „Domnu Marin“ – oder „Nea Marin“, denn mein richtiger Namen lautet schlicht Marin! So heiße ich wirklich!“ Marin war der Vorname – und die Anrede „Herr Marin“ oder „Onkel Marin“ entsprach voll der üblichen Anrede im Banat, wo Erwachsene von Kindern und Jugendlichen noch ehrfurchtsvoll mit „Vetter Hans“ oder „Wes Gret“ angesprochen wurden.

Was konnte ich Herrn Marin entgegnen? Nichts! Konsterniert, da empfindlich getroffen, würgte ich den Kloß hinunter. Blamiert hatte ich mich und falsch benommen. Die Zurechtweisung saß, nur war ich mir keiner Schuld bewusst. Etwas Zeit musste vergehen, um zu begreifen, was die sanfte Ermahnung bezweckte. Ohne es zu wollen, hatte ich einen liebenswerten Mitmenschen verletzt; aus Unwissenheit – und nur, weil ich reinen Herzens unverblümt geredet hatte. Was wusste ein kleiner Junge von den Zweideutigkeiten der Sprache, von den Mehrdeutigkeiten der Worte in den Sprachen anderer Völker, von Hintergedanken, Boshaftigkeiten oder von der blanken Heuchelei der Menschen um mich herum. Bigotterie? Gab es das wirklich? Auch bei uns? Schließlich gingen doch alle in die Kirche, zur Heiligen Messe, zum Beichten und zum Speisen! Und die Sündhaftesten sangen am lautesten im Kirchenchor!? Der peinliche Vorfall, der mir vorkam wie die späteren Watschen und Ohrschellen meiner nicht immer zimperlichen Lehrer war ein erster Hinweis darauf, den erkenntnisreichen Segnungen der Erwachsenenwelt künftig noch mehr zu misstrauen und diese weitaus kritischer aufzunehmen.

Der gütige Herr Marin hatte sich oft Zeit für mich genommen. Er hatte Drachen mit mir gebaut aus feinen Holzlatten und blauem Papier. Gemeinsam hatten wir diese Drachen später im aufkommenden Wind steigen lassen. Ein Vergnügen, die zitternde Schnur zu halten und gegen den Wind anzukämpfen! So muss das Segeln funktionieren, kombinierte ich, immer hart am Wind! Nea Marin hatte mir von einer um Weihnachten in die verschneite Sowjetunion unternommenen Reise bunt illustrierte Märchenbücher mitgebracht mit neuen, kulturfremden Inhalten. Indische Volksmärchen enthielt das dicke Buch und viele Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die vom Leben armer Bauern berichteten, deren sehnlichster Wunsch ein gefüllter Reistopf war, mit einem Hähnchenschlegel darin. Erstmals vernahm ich etwas von Menschen fressenden Tigern, von alles niedertrabenden Elefanten, von Turbanträgern, schmuckbehangenen Prinzessinnen, von Säulenheiligen am Ganges, von Heiligen Kühen und Ratten, von Maharadschas und lumpenumhüllten Bettlern, Göttersöhnen, von Vishnu und von Buddha, von tausend Gottheiten dahinter – ebenso von anderen Sichtweisen und Werten. Das tägliche Brot der Inder war der Reis? Staunen erfüllte mich. Interkulturelle Unterschiede fielen auf – und neue, unbekannte Welten. Da war viel bildhafte Romantik und Fantasiereiche Kurzweil in den Märchen. Die pittoresken Ausmalungen ferner, exotischer Welten beflügelten die eigene Vorstellung. Das Unbekannte faszinierte doppelt und förderte das Interesse an fremden Kulturen. Wenn die allabendliche Märchenstunde anstand und Vater, in einer Küchenecke auf dem gemauerten Sparherd sitzend zum Vorleser wurde, übersetzte er mir die Inhalte aus dem Rumänischen. Gleichzeitig betätigte er sich als Zensor, indem er aus der Sammlung nur diejenigen Märchen auswählte und vortrug, welche die zarte Seele eines heranwachsenden Kindes am wenigsten zu belasten drohten. Ohne viel von theoretischer oder angewandter Psychologie zu verstehen, setzte Vater weitgehend intuitiv psychologische Kriterien an und sonderte die seelisch grausamen Geschichten aus, um so meinen unbelasteten Schlaf zu gewährleisten, frei von Albträumen, während Mutter sich geradezu konträr verhielt. Für sie waren die „Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm“ ein probates Mittel, das manchmal trotzige, eigenwillige Kind schnell zur Raison zu rufen, es in die Schranken zu weisen, während Vater, intellektuell versierter und an Lebenserfahrungen wesentlich reicher, vielmehr auf Trostspenden und Harmonievermittlung bedacht war. Nach ihrem pathetischen Vortag vergaß Mutter fast nie, „die Moral von der Geschichte“ nachdrücklich mit erhobenem Zeigefinger in Klartext zusammenzufassen, in der Regel mit einer gelinden Drohung verbunden und dem dazugehörenden Hinweis auf Strafe: „Siehst du, wenn die Kinder den Eltern nicht folgen, wenn sie nicht brav sind und tun, was man ihnen sagt, dann werden sie ausgesetzt im Wald wie „Hänsel und Gretel“ und in wilde Tiere verwandelt wie die „sieben Raben“. „Brüderchen und Schwesterchen“ ähnlich sentimental vorgelesen und nachträglich interpretiert, verursachte mir frühkindliche Albträume und brachte mich zum Weinen. Was wusste die Mutter von der Psyche des Kleinkindes? Nicht viel. Fast nichts.

Ein dickes Märchenbuch mit vielen Zeichnungen – das war ein schönes Geschenk! Auch sonst hatte Nachbar Nea Marin mich mit kleinen Präsenten überhäuft, mich mit Süßigkeiten verwöhnt, mit Kuchen und Torten, die von den zahlreichen Familienfeiern im Ballsaal stammten. Weshalb hätte ich diesen guten Menschen überhaupt kränken sollen, den väterlichen Freund, der mehr für mein kindliches Wohlbefinden tat, als die oft gleichgültigen Angehörigen und nahen Verwandten? Erneute Zweifel kamen auf. Also zweifelte ich eher am eigenen Milieu, dessen geistige Autorität langsam bröckelte und allmählich ins Wanken geriet, als an den manchmal argwöhnisch beäugten Rumänen von vis –à- vis.

Mein soziales Umfeld sollte noch mehr in eine chronische Schieflage geraten, als ich auf konkrete Wissensfragen oft falsche oder ausweichende Antworten erhielt – auch im Elternhaus, was mich sehr enttäuschte. Eine Konsequenz bestand darin, die lästige Fragerei bald ganz einzustellen. Für mich, den Knaben im Vorschulalter, zählte bald mehr und mehr die unmittelbare Erfahrung der Menschlichkeit im Alltag, ganz egal, woher sie kam, nicht die Äußerlichkeit oder das trennende Vorurteil. Schon früh kristallisierte sich dabei ein Phänomen heraus, das später im Leben vielfach bestätigt werden und bis zu meiner Ausreise Ende der Siebziger Jahre anhalten sollte: Von wenigen Ausnahmen, die es in allen Nationen gibt, blieb der im Alltag erlebte Rumäne eine konstante positive Größe; oft entgegenkommend, konziliant, freundlich, vor allem aber menschlich. Mit diesen Rumänen konnten wir auskommen, wie es damals hieß – und sie mit uns Deutschen. Es gab sie wirklich – die anständigen Rumänen, auch wenn manchmal am Stammtisch hasserfüllte Stimmen zu hören waren, die im Überdruss oder nach einer persönlichen Enttäuschung gleich das ganze Staatsvolk in Bausch und Bogen verdammten.

Im Gegensatz zu den sonst wesentlich temperamentvolleren Ungarn, die weder in Sackelhausen noch im Temeschburg meiner Zeit nationalistisch militant auftraten, konnte man mit den Rumänen vor der Haustür in der Regel und weitgehend konfliktfrei, ja sogar gut zusammenleben, wenn nicht noch ein ideologisches Element hinzukam, das die kommunistischen Scharfmacher einsetzten, um einen Keil zwischen Nationen und einfache Menschen zu treiben. Von Kindesbeinen an habe ich die nachbarschaftlichen Rumänen als sanfte und konziliante Menschen erlebt – ausgehend von Prototypen und Vorbildern wie Nea Marin und Fräulein Tănăsescu, die Lehrerin. Der abstrakte Rumäne hingegen, der nationalistisch ausgerichtete Chauvinist, Produkt einer stilisierten Geschichte, oft Ideologieträger und Funktionär, wurde bald zum bekämpfungswürdigen Gegner, ja sogar zum Feindbild, zumindest für mich in meiner bald aufkommenden sozialkritischen, antikommunistischen Polemik. Das Hineinwachsen in die Gesellschaft und die zunehmende Ideologisierung vollzog sich in diesem Spannungsfeld.

Schon als Kinder entwickelten wir die Mittel dazu: die Beobachtung, die Analyse und den immerwährenden Vergleich. Die späteren Sozial- und Geisteswissenschaftler unter uns mussten nicht lange nach einer Interpretationsmethode suchen. Sie waren schon geborene „Komparatisten“, von Anfang an. Wer zwischen mehreren Nationen und Kulturen aufwächst, wird später viel zu differenzieren haben – zwischen den Werten einzelner Nationen und zwischen Ideologien, zwischen demokratisch-pluralistischen und monostrukturiert -totalitären.

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