Erste Kontakte zu Rumänen – das „Fräulein“ und der Desperado

Als kleiner, unscheinbarer Junge war ich eigentlich privilegiert. Da von mir keinerlei Gefahr ausging, wurde ich überall toleriert, hatte Zutritt zu den entlegensten Winkeln und erhielt Einblicke in Bereiche, die anderen ewig verschlossen blieben. Und das kostete ich auch aus. Betrat ich die Straße, die sogenannte Kleine Kreuzgasse, fiel mein Blick gleich auf vier bis fünf Häuser, die von rumänischen Familien oder Einzelpersonen bewohnt wurden. Diese Häufung von Rumänen und Zigeunern auf engstem Fleck war für unser Dorf, in welchem die deutsche Bevölkerung nach wie vor die Mehrheit bildete, etwas untypisch. Dadurch bot sich mir die Chance, die in vielen Punkten anders erscheinenden Rumänen im alltäglichen Umgang zu beobachten und ihr Verhalten im Rahmen meiner Möglichkeiten zu analysieren.

Gleich gegenüber, im Haus der Familie Staub, gute Nachbarsleute, die bereits vor meiner Geburt nach Amerika ausgewandert waren und bald darauf in Cincinnati, Ohio, eine neue Heimat gefunden hatten, lebte das Fräulein, eine Grundschullehrerin aus der Automobilstadt Piteşti im Herzen Rumäniens. Frau Tănăsescu, die erst vor Kurzem, fast dreißig Jahre nach meiner Ausreise, im greisen Alter verstarb, war eine kleine, zierliche, höflich ernst erscheinende, bisweilen pedantische Person, die stets darauf beharrte, nur mit der Anrede Fräulein angesprochen zu werden. Sie lebte weltlich wie eine Nonne – und die Tatsache, dass kein männliches Wesen sich ihr hatte nähern dürfen, empfand sie als die Tugendhaftigkeit schlechthin. Gerne kam man in Sachen Anrede ihrem Wunsch nach – und sie blieb dann auch für alle Zeiten die alte Jungfrau, die sie sein wollte. Ihre Gesinnung war elitär – und ihr erklärtes Berufs- und Bildungsideal bestand darin, die von ihr unterrichteten rumänischen Schulklassen auf unsere Ebene, also auf deutsches Niveau zu bringen. Es sollte bei dem angestrebten Ziel bleiben, aus vielen Gründen.

Meine arbeitsamen Eltern halfen der vornehmen Dame aus gutem Hause in der fernen Stadt bei der Bestreitung der täglichen Existenz, indem sie etwa ihr brachliegendes Gartengrundstück in Pacht mit bewirtschafteten. Ferner unterstützten sie das fragile Fräulein bei vielen Dingen des Alltags, bei profanen Aufgaben und Tätigkeiten, die ihre Physis oder ihre oft übersensible Psyche überforderten. Beim Holzhacken musste man ihr ebenso zur Hand gehen wie beim Schlachten eines Suppenhuhns. Die Brühe löffelte sie gern; doch einem Hahn den Hals umdrehen oder einem Kaninchen ins Genick schlagen und ihm dann das Fell über die Ohren zu ziehen, das brachte sie nicht fertig. Sie konnte kein Blut sehen – und töten, das lehnte sie aus Prinzip ab. Also übernahmen andere das Töten – auch für sie.

Gelegentlich weilte ich, damals noch im Vorschulalter, in ihrer penibel sauberen, stets nach einem eigenartigen Parfüm duftenden Wohnung; manchmal auch als Tischgast in der guten Stube, wenn sich vornehme Gäste einfanden, etwa ihre beiden Schwestern, ebenfalls Lehrerinnen, die von Zeit zu Zeit aus der weit entfernten Piteşti anreisten. Da die Tănăsescus gutbürgerlichen Verhältnissen entstammten, sprachen sie ein gepflegtes Rumänisch mit mild-sanfter Intonation, von dem ich noch nicht allzu viel verstand, das aber Sinn und Ohr für den Wohlklang romanischer Sprachen formte. Kultiviert hörte sich das an – und Manieren hatten die Damen auch. Darüber hinaus wurden mir eine Reihe kultureller Eigenheiten vermittelt, die mir neu waren und die ich im Elternhaus wohl auch nie erfahren hätte; etwa die sittliche Kleinigkeit, den benutzten Zahnstocher nicht wieder zu den anderen zurückzustellen, wie ich es in aller Bescheidenheit getan hatte. Daheim, im Haus vis-à-vis, hatte ich nie einen Zahnstocher zu Gesicht bekommen! Das Fräulein verehrte die deutsche Kultur. Als eines Tages der bundesdeutsche Märchenfilm „Das Wirtshaus im Spessart“ im damals um 1965 noch liberalen rumänischen Fernsehen gezeigt wurde, mit der sympathischen Schweizerin Liselotte Pulver in der Hauptrolle, war das Fräulein ganz hingerissen von der Sprache der Deutschen, von ihrer alten Kultur und dem Gesang des Troubadours … Ich klopf heut Nacht an Deine Tür und lass den Mondenschein zu Dir herein … Die Melodie höre ich heute noch. Damals beobachtete sie stumm und staunte. Ihre Ergriffenheit war echt. Also hassten uns die Rumänen doch nicht – sie bewunderten uns sogar!?

Interkulturelle Kompetenz ergab sich so ganz nebenbei und fast im Spiel. In dem Eckhaus in der sechsten Gasse, an dem ich täglich vorbei musste, wenn es zur Schule, zur Kirche oder ins Kino ging, wohnten ebenfalls Rumänen. Allein schon ihre äußere Erscheinung, geprägt von einer besonderen Physiognomie mit Hakennase und auffälligen Gesichtszügen, fiel mir auf. Ebenso die unvertraute Kleidung mit grünblauen Farbtönen der selbst gestrickten Wollpullover. Vor allem aber die traditionellen Pelzmützen aus Schaffell verwiesen auf ein Anderssein dieser „Moisis“. Viorel, ein Sohn der Familie, mit dem ich so gut, wie es mir damals möglich war, in seiner Sprache zu kommunizieren versuchte, spielte die Geige – ein rätselhaftes Instrument, das ich bis dahin nur bei Zigeunern gesehen hatte, nicht aber in den Instrumentenkästen der Dorfmusikanten, die in zwei große Blasmusikkapellen bei Festen aller Art aufspielten, auch noch nicht bei Reinhart und Gretchen aus der unmittelbaren Nachbarstadt, die erst Jahre später zur Violine greifen mussten und Orchestermusiker wurden. „Machte das Violinspiel das Rumänische aus“, fragte ich mich frühzeitig, „den musischen, lyrischen und kunstfreudigen Rumänen“? Oder war es doch die Flöte der Hirten und des Pan, deren Ton die rumänische Musik durchzog und prägte? Die Violine, auch von Zigeunern virtuos eingesetzt, ist neben Flöten aller Art bis hin zur „Taragota“ tatsächlich das bestimmende Instrument der rumänischen Volksmusik. Nachdem ich dem mehr oder weniger virtuosen Geigenspiel des kleinen Paganini mehrfach gefolgt war, verfestigte sich der Eindruck, die „Geige“ sei das rumänische Instrument schlechthin. Von der klassischen Funktion der Geige hatte ich noch keine Ahnung, da im Elternhaus kaum ernste Musik gehört wurde. Symphonisches erklang nur im Radio. Die Welt war einfach strukturiert mit Thesen und Antithesen, die gut auseinanderzuhalten waren: Geige kontra Blasmusik – das war „der musikalische Gegensatz“ meiner frühen Kindheit, die bald unbewusst auf die beiden rivalisierenden Kulturen ausgedehnt wurde. Klang und Ton bestimmten Identität und Sein – in der Sprache wie auch in der Musik. „Was ist typisch deutsch?“ Und was ist bezeichnend rumänisch, fragten wir uns immer wieder. Beim genauen Hinhören der so verschiedenen Volksmusikarten kristallisierte sich schnell ein kontinuierliches, gelegentlich penetrant empfundenes Leitmotiv heraus: „Foaie verde, foaie verde“! Das war das ewig grüne Blatt der musica populara, der Volksmusik der Rumänen aller Gegenden und Stämme im „mioritischen Raum“ – dies aber im krass kontrastierenden Kontrast zur musikalisch umgesetzten deutschen Landschaftsmotivik im Dreivierteltakt der Walzer oder der schnellen Polka mit Motiven aus dem Egerland, dem Westerwald, der Lüneburger Heide und aus Tirol. „Viorel cănta cu viora“ – Viorel spielt die Geige, formulierte ich eines Tages in reinstem Rumänisch. Das war, glaube ich, mein erster vollständiger Aussagesatz mit Subjekt, Prädikat und Objekt in dieser Fremdsprache, die zugleich Landessprache war.

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