Ein „Strom-“ Schlag – symptomatisches Scheitern?

 

Einmal wäre die Verwegenheit fast ins Auge gegangen; nämlich an jenem Tag, als ich – nach dem schon langweilig gewordenen Spiel mit dem Feuer – nun auch mit dem elektrischen Strom in der Leitung herumzuhantieren begann. Seinerzeit war ich etwa fünf bis sechs Jahre alt – und Hans, der fast zwei Jahre jünger war, konnte noch nicht einmal richtig sprechen.

Der „Homo ludens“ lernt in Spiel, manchmal auch spielend, bevor er sein großes Spiel macht – und verliert. An Dostojewski dachte ich damals noch nicht, auch nicht an die gnadenlose Macht des Zufalls. Im unbewussten Experimentieren überschritt ich spielend eine Grenze. Ein Hybrisakt, der von höherer Warte aus geahndet werden musste? Ohne es recht zu fassen, erlitt ich beim Versuch, eine Glühbirne an offener Leitung zum Leuchten zu bringen, einen kräftigen Stromschlag, der mich von der Leiter warf, hinab in das Stroh des Kuhstalls. Auch heute noch erinnert eine große Narbe am rechten Unterarm an die verwegene Unternehmung. Die klar abrollende Geschichte bis hin ins Krankenhaus ätzte sich tief ins kindliche Gehirn und in die Seele, war es doch das erste Erleben der Todesangst. Gegen jenen „Strom“ war nicht anzukommen – somit wandelte sich der volkstümliche Begriff „Strom“ schnell zum mehr-, ja vieldeutigen Ausdruck, nicht zuletzt zum Synonym für Gefahr und Lebensgefahr! Heute noch fühle ich die Erschütterung und das anhaltende Rütteln, als Millionen Elektronen durch meinen Körper rasten, um irgendwo im gepflasterten Steinboden des Kuhstalls zu verschwinden.

Zufälligerweise hatte uns Hans’ Mutter gerade erst eine Gruselgeschichte erzählt, um uns von dem schwer kontrollierbaren Spielen im dunklen Stall abzuhalten. Ein böses Ungeheuer hause dort, hatte sie uns berichtet, eine Bestie, die liebend gern über schlimme, kleine Jungs herfalle und sie mit Haut und Haar auffresse. Während der Sekundenbruchteile des intensiven Durchgerütteltwerdens sah ich dann dieses Ungeheuer – mächtig und schwarz wie eine überlebensgroße Maus, die aus einer Paarung mit einem Igel hervorgegangen war – im Spitzmausgesicht ein hämisches Grinsen. „Es hat mich, es hat mich gepackt“, schrie ich so laut ich konnte, noch hinzufügend „Schlag mit dem Hammer drauf, Hans! Damit es mich loslässt!“ Statt meinem Wunsch entgegenzukommen, rannte Hans zur Mutter in die Küche und berichtete ihr in unvollständigen, stammelnden Worten, ich hätte mich „verbrannt“! Mehr konnte er noch nicht aussagen.

Mutter Gertrud, volkstümlich bayerisch- österreichisch bei uns nur Traudl genannt, eilte zur Bäckerei und berichtete ihrem Gatten von dem Vorfall. Der ließ alles stehen und liegen, raste mit einem Damenrad die drei, vierhundert Meter von der Bäckerei heran, packte mich mit kräftigem Arm, setzte mich auf das linke Oberbein und strampelte mit einem Arm lenkend zum „Dispensar“ in die Dorfmitte, wo unser Arzt, unterstützt von einer Krankenschwester und einer Zahnärztin, die Kranken des Dorfes versorgten. Während wir so im Trance unter blühenden und schwer süßlich duftenden Akazienbäumen dahinschwebten fühlte ich mich etwa so, wie das fiebernde Kind in Goethes „Erlkönig“, umhüllt von Schubertscher Musik: „Mein Vater, mein Vater …“ Ob der große Vater im Hohen Himmel ein Auge für mich hatte und mir die frühkindliche Hybris, die noch ohne Sünde war, verzieh? Schließlich hatte ich die Gottheit nicht bewusst herausgefordert – wie Prometheus, Tantalus oder Sisyphus! Wir erreichten den Hof mit Müh und Not – und in den Armen das Kind war … quicklebendig, wie es schien! Mir wurde eine Beruhigungsspritze verabreicht. Der Puls war da. Das Herz pochte noch. Doktor Gabriel blickte besorgt, doch ruhig drein. Dann wurde mit einem größeren Krankenhaus in Temeschburg telefoniert. Bald darauf traf der Krankwagen ein und fuhr mit mir in die Stadt, wo ich ein paar Tage verbringen sollte, bis sich herausgestellt hatte, dass die Götter im hohen Himmel mein Weiteleben beschlossen hatten. Vielleicht kamen noch Aufgaben auf mich zu, Taten wie Pflichten, die gerade für mich auserkoren waren. Ja, ich überlebte das im Entdeckungs-Spiel herbeigeführte Wagnis. Es blieb mir aber eine Warnung und ein permanenter Fingerzeig darauf, wie schnell die gefährliche Existenz, die Experimentalexistenz des Seiltänzers, in endgültiges Scheitern umschlagen kann.

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