Ein „Homo ludens“ – Experiment und Hybris

 

Die Auseinandersetzung des kindlichen Individuums mit seinem sozialen Umfeld begann sehr früh. Während mir allmählich einzelne Privilegien und Freiheiten bewusster wurden, nutzte ich sie, indem ich sie weiter ausbaute, förderte und mich gleichzeitig von Hemmnissen aller Art absetzte.

Noch liberalere Bedingungen als daheim, fand ich in unmittelbarer Nachbarschaft vor, nur ein paar Schritte weiter im Herzen der Schwarzwälder Gasse, auf dem großzügigen Anwesen des fast gleich alten Bäckersjungen Hans, wo wir Kinder nach Belieben schalten und walten konnten. Ein strebsamer Großonkel hatte sein in Amerika bitter verdientes Geld in die Errichtung eines mächtigen Steinhauses investiert, eine kleine Burg, mit gepflastertem Innenhof, Schuppen und einem weiten, sich weitgehend selbst überlassenen Garten. Tarzans Dschungel mit Mais und Sonnenblumen hoch wie Mammutbäume lag also vor der Haustür und bot uns ungeahnte Möglichkeiten. Wer sich wacker durchs Gestrüpp kämpfte, stieß auf alte, einsame Obstbäume, in deren Geäst manchmal drei, vier gut genährte Eulen sich von den Beutezügen der Nacht ausruhten.

Die Störche klapperten vom Schornstein, wenn sie ein paar Frösche aus den nahen Teichen genüsslich verschluckt hatten – und die Schwalben segelten galant durch die Lüfte wie Albatrosse viel weiter unten am Meer. Junge Spatzen schrien hungrig aus den Nestern unter der Dachrinne; Stieglitze, Meisen und Zeisige zwitscherten in den Bäumen. Nur nahmen wir Kinder keine besondere Notiz davon, denn da war nichts, was uns aufgefallen wäre. Nichts war außergewöhnlich. All das, was sich den Sinnen darbot, was mit Aug und Ohr erfasst werden konnte, war dazugehörig, natürlich und vertraut.

Der Pferdestall stand seit Langem leer; und der Geräteschuppen war zu einer großzügigen Werkstatt ausgebaut worden mit Werkzeug aller Art, mit Schleif- und Bohrmaschinen und einem elektrischen Schroter zum Mahlen von Mais, Weizen, Gerste oder Hafer für Hühner und Schweine. Ein selbst gefertigter, grasgrüner Tischtennis-Tisch mitten im fensterlosen Raum machte diese „Werkstatt“ zu einem Ort der Begegnung. Erich von vis-à-vis stieß schnell zu uns … und bald darauf kamen immer mehr Kinder und immer ältere, bis aus dem Schuppen ein Klub-Haus geworden war.

Das „Spiel“ stand im Mittelpunkt unseres Tuns im Knabenalltag. Erst Jahre später, als bei all den Sport- und Spielarten die schulischen Leistungen nachließen, ja das Lernen fast ganz vergessen wurde, kam das plötzliche Ende. Bäcker Janny, der den Tisch mit geschickter Hand lustvoll gezimmert hatte, zertrümmerte ihn genauso entschlossen mit einigen Axthieben, wie er ihn gefertigt hatte. Netz, Schläger und die sonderbar klingenden „Ping -Pong – Bälle“ wurden weggeschlossen. Daraufhin löste sich die jugendliche Gemeinschaft rasch wieder auf, um später bei Fußball und Musik wieder zusammenzufinden. Die große Freiheit war zunächst zu Ende, doch nur für die anderen, nicht aber für Hans und mich. Wir machten – von schadenfrohen Argusaugen hinter dem Fenstervorhang der Nachbarn beobachtet – munter weiter und trieben noch Einiges auf die Spitze. Kontrolle war keine angesagt; und kein tadelnder Zeigefinger sagte uns, was so alles verboten oder gefährlich war. Das antiautoritäre Laisser-faire wurde zumindest tagsüber zur ultimativen Lebensphilosophie erhoben. Solange die Katze nicht im Haus war, tanzten die Mäuse auf dem Tisch. Und der Hund Rex erfreute sich seines Hundedaseins, das nur aus Schwanzwedeln und freudig bellen bestand. Hans’ Mutter ließ uns gewähren, nach Belieben. Damit bot sich uns Knaben die einmalige Chance, die Grenzen unserer kindlichen Möglichkeiten auszuloten. Also nutzten wir sie, indem wir mit allerlei herumexperimentierten und alles Mögliche nach Lust und Laune ausprobierten. Schließlich übten wir noch vor der Schulzeit für das Leben … und lernten auch manches dabei … spielend! Wir werkelten und zündelten. Alles, was daheim und anderswo verboten war, durfte hier sein. Ja, hier war der Kinder wahrer Himmel, da waren wir Kind, da durften wir sein … in einer Welt der Freiheit, der Selbstgestaltung und der Selbstentfaltung, über die nie richtig nachgedacht, die aber in vollen Zügen genutzt wurde. Sogar den verwegenen Seiltanz trainierten wir täglich auf der eisernen Turnstange im Hof. Kurz, wir übten uns unbewusst ein in das gefährliche Existieren und in ein Leben mit dem Wagnis und mit Mutproben aller Art.

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