Drei Kulturen – Menschen vor der Haustür

 

Im krassen Gegensatz zu meinen beiden Töchtern, die ihre ersten Lebensjahre zwar in relativem Wohlstand, doch in einer introvertierten, menschenentleerten, fast schon lieblosen Gesellschaft verbringen mussten, erfreute ich mich noch einer schönen, sorglosen Kindheit, geprägt von nahezu grenzenloser Freiheit, von deren positiven Ausstrahlungen ich ein ganzes Leben lang gezehrt habe. Es war eine Welt der täglichen Neuentdeckungen in allen Bereichen, eine Zeit der konkreten wie geistigen Abenteuer und eine Zeit frühester Kameradschaft und positiver menschlicher Gesinnung. Sackelhausen – das war ein recht typisches Dorf im Banat – doch es war keinesfalls ein „Sodom oder Gomorra“, wie es – aus einer Zerrperspektive wahrgenommen – vielleicht Literaten erschienen, die selbst nicht in der Lage waren, zwischen Fiktion und Realität, zwischen Albtraum und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Potjomkinschen Dorf und echter Gemeinde zu unterscheiden. Sackelhausen war keine Welt des Hasses, der Diskrepanz und der Disharmonie, wie das Banater Dorf jenseits von Temeschburg in subjektiver Brechung wahrgenommen und aus dieser mir unergründlichen Perspektive heraus bald auch literarisch beschrieben werden sollte – mein Heimatdorf war das Gegenteil davon: Ungeachtet einer bestehenden Enge und zahlreicher Unzulänglichkeiten im menschlichen Bereich war das von mir erlebte Sackelhausen immer noch eine weitgehend „heile Welt“!

Der Zufall versetzte mich seinerzeit räumlich in eine Lage, die sich als strategischer Beobachtungspunkt erweisen sollte. Ein paar Schritte über unseren akribisch bewirtschafteten Garten hinaus – und ich befand mich im Haus eines Zigeuners, der in der etwas herunter gekommenen Spelunke mehr schlecht als recht mit Frau und Kindern nicht wohnte, sondern hauste. Verglichen mit den Favelas der Armen in Südamerika oder den Bretterbuden im Zigeuner-Getto bei Belgrad war das windschiefe Häuschen aber immer noch ein Palast. Aus dem Rufnamen war herauszuhören, dass er von Wanderzigeunern herstammte. Das Schicksal hatte ihn gerade vor unsere Haustür verschlagen und aus dem Nomaden einen Sesshaften gemacht. Davon wusste ich damals nichts. Für mich war er der „Flackerzigeuner“, ein Mensch wie andere auch, nur etwas verkommener, oft angetrunken durch die Gegend torkelnd mit dem urigen Aussehen der mexikanischen Desperados aus den Italo-Western. Wenn er die Zuika- Flasche ansetzte, sah man große Zahnlücken und ein paar faule Restzähne, die vom vielen Tabakqualmen braun geworden waren. Mit seinem Schlapphut und seinem Fetzengewand erinnerte er uns Kinder an die Gringos aus dem fernen Mittelamerika, die wir aus den damals aufkommenden Italo-Western mit Clint Eastwood kannten. Wenn er aus dem Dösen aufwachte und nichts Trinkbares vorfand, blickte er mürrisch-vorwurfsvoll und finster in die Welt. Schnaps – das war sein Zauberwort.

Einem schwebenden Geist gleich, den nur noch an einem anderen Geist interessiert ist, taumelte er die fünfzig Schritt zum Dorfladen hin, wo er sich baldige Linderung erhoffte. Dabei wankte er mehr als er schritt, festgeklammert an das ihm wohl wichtigste Objekt seines nur noch nebelhaft wahrgenommen Umfelds, eine noch teilgefüllte Flasche mit dem kargen Rest eines billigen Pflaumenfusels, „Zuika“ genannt. Bevor der letzte Tropfen ausgetrunken war, musste Nachschub her, sonst begann der Weltuntergang in Verzweiflung. Hatte er dann ein Viertel-Liter-Fläschchen erstanden, war die Welt wieder in Ordnung – und das Leben lebenswert. Diese Zuika war ein gutes Mittel zur Verdrängung der wenig erbaulichen Realität, die für Menschen am Rande der Gesellschaft noch unerträglicher war als bald auch für uns. Die billige Droge war ein Stimulans zur Weltverneinung, zur schnellen Rauscherzeugung und zur Vermittlung eines dionysischen Lebensgefühls. Gelegentlich entstand der Eindruck, dieser verfallende Mensch sehne den Rausch geradezu herbei und versetze sich so oft wie möglich künstlich in die Welt des Taumels und des Scheins, um so den Alltag, der ihm nicht zu genügen schien, trotzig hinter sich zu lassen. Dreimal haben sie mir gezeigt, wenn das Leben uns nachtet, wie man’ s verraucht vertrinkt und vergeigt – und es dreimal verachtet. So etwa machte es mir der „Flackerzigeuner“ mehrfach vor – nur blieb die Fidel zu oft an der Wand hängen. Realitätsflucht vollzog sich für viele in der sinnentleerten Gesellschaft über Alkohol – bis in die Tiefen Russlands hinein und in die Kälte Sibiriens. Weshalb dieser rumänisch sprechende Nachbar im Fetzen, ohne geregelte Arbeit und Einkommen, zu den Zigeunern gezählt wurde, war mir ein Rätsel. Seine Haut war hell – wie auch die Gesichtsfarbe seiner Frau und seiner Kinder, während andere Zigeuner braun bis pechschwarz waren. Vielleicht war er ebenso wenig ein genuiner Zigeuner aus dem Volk der Roma wie die Donauschwaben des Banats waschechte Schwaben waren und ausschließlich der Donauregion entstammten – oder wie die „Sachsen“ Siebenbürgens völkisch Sachsen waren. Entschied die Fremdbezeichnung über die eigentliche Identität, über das Sein – und war die nationale Identität alles? Zählte die Humanität nicht mehr, das wahre Menschsein? Die beiden großen Gruppen der Volksdeutschen in Rumänien lebten – nicht viel anders als einzelne Zigeunerstämme – jeweils in einer „Als-ob“ – Identität“, die sich gemäß einer Gesetzlichkeit des Gewohnheitsrechts auf völkischer Ebene über Jahrhunderte ausgebildet und festgesetzt hatte, obwohl sie nicht stimmig war. Bei vielen unserer „sogenannten Zigeuner“, die in Wirklichkeit oft keine Nomaden aus Hinterindien und Pakistan waren, lagen die Dinge ähnlich. Es waren Rumänen, Bulgaren, Serben, Ruthenen und andere Minderheiten, die aus sozialen Gründen am Rande der Gesellschaft lebten und dem freien Zigeunertum lebensphilosophisch näher standen als der stark reglementierten deutschen Dorfgesellschaft. Zigeuner sein, das war wohl oft mehr Weltanschauung als genetische Anlage? Mir jedenfalls war das Zigeunertum sympathisch.

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