Das „Wir“, die Gemeinschaft und das Fremde

 

Viel von unserer Freizeit verbrachten wir Kinder an den Teichen am Dorfrand; wir durchstöberten das Schilf, scheuchten brütende Wildenten oder Blesshühner auf, lauschten dem Dauerkonzert des Rohrsängers und dem polyfonen Quaken der Frösche, die bei uns in Sackelhausen noch natürlich quakten – und nicht in germanischen Kultursprachen oder wie bei Aristophanes. Wir studierten die regenbogenfarbenen Fischlein, verletzten uns an den stachligen Flossen bunt schimmernder „Zigeuner“, streiften die ekligen Blutegel von den Waden und Beinen, durchwateten die seichten Sandpfützen, Gräben und Kanäle; angelten Aale und Schleie, badeten, wenn die schwarzbraunen Zigeunerkinder das Feld geräumt hatten, testeten nahezu alle Spiele der Welt aus; wir formten Mannschaften, in denen auch Mädchen mitwirken durften; wir spielten Fußball, Handball, Völkerball – wir musizierten bald in der selbst gegründeten „Band“ und diskutierten im selbst begründeten „Klub“. Selbst sein und am besten alles selbst machen, ohne nach Rat und Mitwirkung anderer zu fragen, das war die Devise. Vieles erfolgte in freier Selbststimmung und Improvisation im kontinuierlichen Wechsel – und immer naturnah in Gesellschaft, nie allein. Erfindungsreich waren wir alle miteinander – und wie wir annahmen, durchaus auf der Höhe der Zeit. Einsamkeit war nahezu unbekannt. Zwar gab es auch paar wenige Einzelgänger; nur fielen sie uns nicht weiter auf, da wir durch die eigenen Aktivitäten viel zu abgelenkt waren.

Die Einzelentwicklung vollzog sich aus der Gesellschaft heraus. Die zehnjährige Schulkameradschaft, die bereits im Kindergarten einsetzte, wurde durch zusätzliche Bindungen in der Fußballmannschaft, in der Musikkapelle oder Musikband noch verstärkt. Das schweißte zusammen und schuf Vertrauen; Kameradschaft, zwischenmenschliche Solidarität – bis heute. Von einzelnen Fällen bewusster Selbstisolation einmal abgesehen, konnte keine individuelle Vereinsamung aufkommen. Das Phänomen war unbekannt. Gemeinschaft und Gesellschaft fingen selbst die potenziell Strauchelnden auf. Keiner wurde öffentlich ausgegrenzt oder stigmatisiert, auch wenn manchmal einige Ressentiments gegenüber Kindern aus ärmlichen Verhältnissen oder aus Mischehen mit Rumänen nicht zu übersehen waren. Die Freiheit vielfacher Selbstentfaltung war ein gemeinsames Gut. Ein Wert, der da war und als solcher nicht gewürdigt werden konnte, bis zu dem Zeitpunkt, als über das Schulsystem die regulierende Hand des Staates einzugreifen begann.

Als die schönen Tage der Kindheit im weitgehend harmonischen Ablauf vorübereilten, ahnte ich noch nicht, wie sehr auch mein Schicksal durch äußere Vorgaben, Ereignisse und Gegebenheiten bereits vorherbestimmt war und dass sich meine noch überhaupt nicht wahrgenommene Freiheit im Grunde als sehr begrenzt erweisen sollte.

Im Alter von fünf Jahren kannte ich zunächst nur das familiäre Umfeld, vor allem die Welt der Großeltern, die mehr Zeit für mich übrig hatten als die noch aktiveren Eltern. Mein Umfeld war deutsch, der Dialekt, die Muttersprache, schwäbisch derb und unreflektiert, doch natürlich und historisch gewachsen. Abends vernahm ich vor dem Schlafengehen noch Schlagermelodien vom Saarländischen Rundfunk und hörte nahezu täglich das vertraute Sandmännchen vom Bayerischen Sender mit den auch heute noch identischen Erkennungsmelodien, die uns über die mittleren Wellen des Äthers erreichten. Erst als ich damit begann, die Grenzen der kindlichen Freiheit gezielter auszuloten, indem ich die Möglichkeiten der Straße zu entdecken suchte, drängten sich noch andere Fakten auf. Die Fremde begann vor der Haustür.

Kaum hatte ich den häuslichen Hof verlassen, blickte ich in die Augen von Menschen, die anders aussahen, anders dufteten und anders redeten. Sie kleideten sich auch anders als wir; trugen Pelzkappen und schwarze Schaffellmützen aus gekrausten Astrachan-Fellen frisch geborener Lämmer. Ihre Gesichtsfarbe war dunkler, braun, ja schwarz wie ihre schwarzbraunen Augen. Manche dufteten recht seltsam nach dem Qualm billiger Zigaretten und nach dem Rauch unserer Selchkammer. Sie redeten miteinander – und ich verstand nichts von dem, was sie sagten. Das sind „Walachen“! Erklärte man mir kurz. Und dies hier, fügten die Unterweisenden noch eine Spur verächtlicher hinzu, indem auf die Dunkelbraunen mit den rehbraunen Augen und den pechschwarzen Haaren hindeuteten, das sind: „Zigeuner“! Doch der Hinweis auf diese Zigeuner klang nicht absolut abwertend und ausgrenzend, eher mitleidsvoll, ungeachtet der eigenen Überlegenheit. Zigeuner, das war der allgemein gebrauchte, undifferenzierte, historisch gewachsene Sammelbegriff für Roma, Sinti und andere Stämme wirklicher Zigeuner, die großen Wert auf die ausdrückliche BezeichnungZigeuner“ legten – und darüber hinaus für all diejenigen, die im Umfeld der Zigeuner nahezu zigeunergleich lebten, aber anderen Nationalitäten angehörten. Wie ich bald darauf erfuhr, wollten die Walachen, die ursprünglich aus dem Fürstentum Walachei stammten, nunmehr „Rumänen“ genannt werden, da doch ihr einstiges Fürstentum in der größeren, kaum hundert Jahre alten Staatsformation Rumänien aufgegangen war.

Andererseits existierten auch für die Bezeichnung der Deutschen im Land, die schon während der Zugehörigkeit des Banats zu Ungarn als Minderheit hatten bestehen müssen, zwei Begriffe. Das aus der lateinischen Wurzel abgeleitete „german“, das auch offiziell gebraucht wurde, des Weiteren das archaischere Wort „neamz“. Es entstammt dem Slawischen und existiert auch in einigen anderen slawischen Sprachen als wertungsfreier Begriff, wurde aber im Rumänischen hauptsächlich genauso pejorativ gebraucht, wie wir das Wort „Walache“ einzusetzen pflegten; ganz im Geiste der literarischen Tradition. Wenn ein Bühnendichter der Donaumonarchie wie Nestroy von der Walachei sprach, meinte er eine entlegene, in jeder Hinsicht rückständige Region Europas, ein sibirisches Niemandsland. Diese semantische Hypothek war uns im Umgangssprachlichen erhalten geblieben, war kaum auszumerzen und wurde, selbst von mir, manchmal mit leicht chauvinistischer Vorliebe gepflegt. Nicht nur ich vermied absichtlich den korrekten, neutralen Ausdruck, um den provokativ abwertenden Begriff zusetzen, der damit zum indirekten Schimpfwort wurde. In der Regel wurden die Schmähbegriffe durch ein weiteres begleitendes Eigenschaftswort negativer Art verstärkt, welches gleich mit ausgesprochen wurde oder einfach nur mitschwang, ganz im Geist überkommener Ausdrücke wie polnische Wirtschaft oder Judenschule, die unsere Ahnen schon mit eingeschleppt hatten. Aus dieser permanenten Reiberei, die nicht ganz ausbleibt, wenn unterschiedliche Völker oder Stämme auf engem Raum zusammenleben, entstand ein stehender, gern gebrauchter Ausdruck, der sich in den Köpfen festsetzte, eine distanzierende Zäsur markierte und unweigerlich einen völkisch begründeten Kulturkampf einleitete.

Mit dem Beginn der Einschulung und der ersten Konfrontation mit einer übergeordneten Gesellschaftsstruktur, die über das wohlgeordnete Dorfleben hinaus ging, kamen weitere Aspekte historischer, religiöser und vor allem ideologischer Art hinzu, die den Aufeinanderprall unterschiedlicher Lebensarten und Wertauffassungen weiter förderten. Jetzt kam es vor allem darauf an, in klarer Absetzung von anderem die eigene „Identität“ zu erhalten, um damit die Selbstentfaltung zu sichern.

In den folgenden Jahren unbeschwerter Kindheit, als mich die Lausbubenstreiche noch mehr beschäftigen als tiefer gehende Gedankengänge, wurden mir trotzdem ganz so nebenbei eine Reihe von Tatsachen bewusst, die mich schon bald beunruhigen sollten. Wir, die Nachkommen deutscher Siedler, waren nicht mehr allein in Sackelhausen und unter uns. Es gab konkurrierende Wertvorstellungen innerhalb der drei Nationalitäten. Und, was noch viel dramatischer war, ja selbst schockierend: Nicht wir waren dort zu Hause – die Anderen waren es!

Das wurde mir schmerzhaft deutlich, als ich mit Schmährufen konfrontiert wurde, die ich noch nicht richtig verstand: „Hitlerspross“, “Hitlerjunge“ – „Geh zu Hitler“, hieß es gelegentlich aus dem Munde nichtdeutscher Kinder. Wer war dieser Hitler? Das fragte ich mich damals. Und was sollte ich bei diesem Hitler? Mit der allmählich über mich hereinbrechenden Erkenntnis, nicht zu Hause zu sein, brach auch die bis dahin noch weitgehend „heile Welt“ in sich zusammen. Doch sie zerbrach nicht aus sich heraus an der erst späteren Absetzung von den eigenen Werten, sondern sie scheiterte im Vorfeld an der Auseinandersetzung mit der fremden Umwelt. Die Zeit der sorgenlosen Präludien, die Zeit des Spiels und der spielenden Welterfassung ging zu Ende – und aus dem Spiel wurde mit dem Bewusstwerden bestimmter Tatsachen schnell bitterer Ernst. Die Unschuld der Kindheit flog dahin und mit ihr das sorgenfreie Glück der Kindheit. Die Geborgenheit der eigenen Familie und das unmittelbare Umfeld der deutschen Gemeinschaft konnten nicht mehr das wettmachen, was durch die äußere Ungeborgenheit vernichtet wurde. Die Kategorie Heimat war bereits zerstört, bevor sie richtig begründet worden war. Mit dieser Diskrepanz, die durch nichts versöhnt werden konnte, begann eine tragische Entwicklung, die bis zum Exodus anhalten sollte.

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