Am Brunnen vor dem Tore … und im Krämerladen an der Ecke

Wer unter mehreren Völkern aufwächst, wird zwangsweise mit dem permanenten Vergleich konfrontiert. Zufallsbedingt hatte ich jene strategische Ausguckposition inne, unmittelbar an der Quelle des zwischenmenschlichen Geschehens, ganz so, wie ich oft an unserem einzigen artesischen Brunnen saß, an der Ecke in der Schwarzwälder Gasse, den Blick auf das Kruzifix gegenüber gerichtet, auf das langsame Volllaufen der Wassereimer und Gießkannen wartend. Manchmal dachte ich über den Lauf des Wassers nach und darüber, dass alles im Fluss ist und ewig im Fluss bleiben wird, das Werden und Vergehen. Gelegentlich sah ich dem Treiben der Menschen auf der Straße zu und sann über das nach, was sie so zufällig sagten. Zeit war damals unwichtig. Das lange Leben lag noch vor mir, dunkel und offen. Trotzdem war ich froh, wenn keiner vor mir am Brunnen war, gar einer der gleich mehrere Gießkannen und Eimer zu füllen gedachte. Die sich weitgehend selbst überlassene Süßwasserquelle floss, da sie kaum noch gewartet wurde, von wuchernden Grünalgen gehemmt, immer langsamer, so als wollte sie mit ihrem schon absehbaren Versiegen andere Endzeitphänomene andeuten: den Untergang des Deutschtums in Rumänien, im Banat und im Siebenbürgen, wo seit achthundert Jahren deutsch gesprochen und gelebt wurde? Der Exodus vollzog sich bereits, tröpfchenweise. Nahe Verwandte, Schulkameraden, Nachbarn waren längst auf und davon. Hans zuerst, dann Erna, dann Annemarie … und andere, das fühlte jedermann unbestimmt, würden folgen.

Endzeitstimmung. Am Brunnen vor dem Tore … Schuberts Lieder vermehrte die Wehmut noch … Untergang wie in Thomas Manns Zauberberg … am Schluss. Lindenbäume gab es bei uns keine, dafür aber Akazien in großer Zahl mit spitzen Dornen, die an das karge Afrika erinnerten, aber auch mit lieblich duftenden, schneeweißen Blütentrauben, die wir Kinder herunter zupften und verschlangen wie Salat, ohne Rücksicht zu nehmen auf die kleinen, schwarzen Insekten im Nektar des Blütenbodens.

Der viel genutzte, heute leider schon versiegte „Alleinläufer“ war – ohne dass es einem aufgefallen wäre – ein „Ort der Begegnung“ gleich allen Marktbrunnen der Welt. Am Brunnen, am Born des Lebens, kamen die Menschen des Ortes zusammen, um sich das Lebenselixier zu holen, das Element, ohne das kein Leben möglich ist. Aber sie kamen auch nur, um miteinander zu reden. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Tier, ein „Zoon politikon“, nicht erst seit Aristoteles. Er will nicht allein sein, weil das Alleinsein nicht gut für ihn ist. Also zieht es ihn hinein in die Gesellschaft, an den Brunnen. Wer dann und wann doch einmal lange allein dasaß, am Alleinläufer, was kaum passierte, weil immer jemand vorbei kam, der mit einem sprach, der konnte auch träumen … manchen süßen Traum. Eine Gemeinschaft fand dort zusammen, im Mitsein, im Gespräch. Man musste nur hinzutreten – und schon war man mittendrin als Teil des Ganzen. Ausgegrenzt wurde niemand. Schließlich waren alle gleich, seitdem der Kommunismus eingekehrt und alles nivelliert hatte und die früher reichen Bauern ihre Felder und Ländereien hatten abgeben müssen – an den Staat, an die Volksgemeinschaft, wie es offiziell hieß, damals im Stalinismus, als die Bodenreform beschlossen und umgesetzt wurde, zum Nachteil der begüterten Deutschen im Banat, während die rumänischen Bauern ihre Güter teils behalten duften. Von der Ungleichheit, die die in Amerika verdienten Gelder noch vor dem Zweiten Weltkrieg geschaffen hatten, war auch nichts mehr zu sehen. Die Viehställe waren ebenso leer wie die kaum erst erbauten Gewölbeweinkeller, die landwirtschaftlichen Maschinen waren beschlagnahmt – und nur noch die größeren Steinhäuser, Familiengruft und marmorne Grabsteine erinnerten an frühere Tage, an „bessere“, höhere Menschen. Der Geldsegen aus Amerika hatte die Menschen zeitweise sogar verdorben, sie hochnäsig gemacht. Es sei jetzt nicht mehr schön im Dorf, hatten einige gemeint, weil der Unterschied so groß geworden war zwischen Habenichtsen und Krösussen. Inzwischen hatten Krieg und Kommunismus die alte Ordnung wieder hergestellt. Alle besaßen alles – und alle hatten nichts. Alle waren wieder gleich nackt wie nach der Erschaffung des Menschen im Paradies … bis auf einige, die mit dem „roten Büchlein“, die doch etwas gleicher waren, als die Gleichen der egalitären Kommune. Fast alle im Dorf waren verarmt und mehr oder weniger bewusst in Ketten wie die Galeerensklaven auf Raabes „Schwarzer Galeere“. Und alle ruderten unmerklich im gleichen lecken Boot den tosenden Strudel hinab mit der Zeit und ihrem Ungeist. Der „Untergang des Abendlandes“ hatte längst eingesetzt, schon seit 1944, als die Wehrmacht von Temeschburg nahend sich über Sackelhausen zurückzog, Tausende von uns mitnehmend, „heim ins Reich“. Ja, der Untergang vollzog sich vom Osten her, mit dem Lauf der Sonne. Wir waren mittendrin im Exodus – nur hatten es einige von uns noch nicht bemerkt.

Nur zweihundert Meter straßenaufwärts, vor der Ladentür, das gleiche Bild wie am Brunnen. Doch nicht Geselligkeit und Durst, der Mangel ließ die Menschen zusammenströmen: „Habt ihr es schon gehört? Es gibt Hefe“. Bierhefe zum Brotbacken. Ohne diese „Hefe“ ging nichts, es sei denn, man hatte genügend Sauerteig angesetzt, der den Brotteig auch aufgehen ließ, selbst ohne Hefe. Die große Warteschlange bildete sich immer dann, wenn seltene Güter eingetroffen waren. Dann eilten alle herbei, Jung und Alt, in die Schlange, die eigentlich ein undisziplinierter Haufen war, um wenigstens etwas von den ewig knappen Produkten zu ergattern. Schlichte Bierhefe war eine solche Begehrlichkeit!

Realsozialistischer Mangel passte irgendwie zur Unzulänglichkeit der Menschen. Nichts war perfekt – weder die sozialistische Gesellschaft, die angeblich noch im Aufbau war, noch die mehr oder weniger fleißigen Arbeitsbienen drum herum, die die „Gesellschaft des Lichts“ errichten sollten. In der Regel waren es Erzeugnisse der Lebensmittelindustrie, die man in unserer weitgehend autarken Selbstversorgergemeinschaft nicht aus eigener Kraft produzieren konnte. Der Dorfladen im Eckhaus von Nea Marin, im Volksmund kurz „Kammer“ genannt, weil der Name der langjährigen Betreiber des Geschäftes – die stets freundlichen Leute hießen „Kammerer“ – vielen zu umständlich erschien, war ein Relikt aus der heilen „Welt von Gestern“, aus der Zeit vor dem letzten Weltkrieg, als es im Dorf noch viele Krämerläden gegeben hatte, darunter lange auch drei jüdische.

Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht im Laden gewesen wäre. Süßigkeiten lockten dort in großer Auswahl. Und nicht selten erledigte ich die Einkäufe meines Großvaters, des Pictors aus der Nachbarschaft oder die Aufträge meiner Mutter, die mich gelegentlich losschickte, um eine Fleischkonserve zu kaufen: Rindfleisch oder Schweinefleisch in eigenem Saft, das war etwas, womit man mit etwas gekochtem Reis schnell mal ein Reisfleischgericht herzaubern konnte. Not machte erfinderisch – und selbst mit etwas Mehl, Öl oder Schmalz konnte man tagelang überleben, wenn es denn sein musste und dabei sogar satt werden.

Das Produktangebot, das ich tausendmal vor Augen hatte, war recht ausgewogen und entsprach den Bedürfnissen der Menschen vor Ort, von denen die meisten noch die hohe Kunst der Selbstversorgung beherrschten. Rumänen und Zigeuner hingegen, die weniger konsequent wirtschafteten, konnten nahezu alles gebrauchen, was die Lebensmittelindustrie des Landes herstellte und was da in den großen Holzkisten, Jutesäcken und festen Regalen gelagert wurde. Wir Schwaben erwarben im Laden durchweg nur jene Güter, die wir selbst nicht herstellen konnten. Dazu gehörten Artikel des täglichen Bedarfs: Zucker, Reis, Bonbons, Schokolade, Fisch- und Fleischkonserven, Kekse, Waffeln und Kaffee-Ersatz. Bohnenkaffee war nahezu unbekannt wie vieles von dem, was man in westlichen Kolonialwarenläden verkaufte.

Großvater Ott aber, der als Soldat schon etwas von der Welt gesehen und in Wien bereits einen Braunen getrunken hatte oder einen Pharisäer mit Schuss, schätzte Bohnenkaffee über alles. Doch was macht ein Connaisseur und Bon vivant, wenn weit und breit keine Bohne aufzutreiben ist und der Lösekaffee aus Deutschland längst aufgebraucht war? Er gibt sich mit billigem Ersatz zufrieden und träumt von echten Genüssen. Da sonst nichts zu kriegen war, trank Großvater ein selbst gemischtes Gebräu aus gerösteter Zichorie-Wurzel und Gerste, das so ähnlich schmeckte wie richtige Kaffeebohnen. Wie oft besorgte ich ihm jene Packungen Ziguri und Enrilo? Manchmal benötigten wir in unserer sonst recht schweineschmalzlastigen Küche auch Sonnenblumenöl zum Kochen und Backen, ein seltenes Gut, das in einem alten, verbeulten schwarzen Dieselfass hergekarrt und dann mit einer antiquierten Blechpumpe in einen emaillierten Eimer gepumpt wurde. Von dort aus schöpfte es der nette Herr Kammerer – und nach seinem Tod seine nicht minder freundliche Gattin – den zäh fließenden Sonnenblumenextrakt heraus, um das Öl anschließend geduldig mithilfe eines großen Blechtrichters in die oft trüb ranzigen, wenig appetitlich anmutenden Ölflaschen einzelner Käufer zu füllen. Das alles war fast schon eine rituelle Angelegenheit der besonderen Art, die gerade kleine Jungs, die zum Spielen drängten, ungeduldig herumzappeln ließ.

Zigeuner setzten beim nahezu täglichen Einkauf ganz andere Prioritäten – und ihren Bestellungen zu folgen, war ein Vergnügen eigener Art, jedenfalls für mich: „Meeensch, Kammer, gib mir einen halben Liter Zuika, von dem alten! Dann noch ein paar Rippen, von diesen geräucherten, ein knappes Kilo vielleicht … einen Batzen Schweineschmalz … und zweihundert Gramm Marmelade. Dann krieg ich noch … Kekse, für zwei Lei etwa, von den viereckigen … und von den langen, gespritzten … für einen weiteren Leu … gefüllte Karamellbonbons …   für den Rest aber … Mărăseşti …ohne Filter …  und … ein Zündholz!“

Ein Zündholz? Fragte ich mich stutzig, was fängt man mit einem Zündholz an, wenn gar der Wind weht? Natürlich war eine ganze Schachtel gemeint. Schließlich mussten zwanzig Zigaretten angezündet werden … und man saß ja nicht immer am Lagerfeuer mitten in der Stube. Doch wie lange reicht eine Schachtel aus? Bis morgen? Und in der Tat. Am nächsten Tag war die gleiche Litanei wieder zu hören. Alles wurde wieder erworben, in gleichen Mengen. Basta! Fertig! Aus! Schnaps, Zigaretten – und Feuer: Damit war der Tag gerettet! Alles andere war unwichtig. So schien es. Die lange Einkaufsliste der Zigeuner änderte sich kaum. Nur die Kleinstmengen variierten, je nachdem, wie üppig der Taglohn ausgefallen war. Hatten sie Arbeit, gab es was zu essen; hatten sie keine, darbten sie oder versuchten sich irgendwo etwas zu borgen. Auch hier derselbe Ritus wie beim Ölpumpen. Den Zigeunern musste ein kleiner Schein zum Großeinkauf reichen. Der wurde dann in winzige Beträge aufgeteilt, nicht in Mengen. Dem Verkäufer, einem Kriegsversehrten, kam dann die höhere Denkaufgabe zu, die richtige Menge zu dem genannten Betrag herauszufinden. Eine Kunst für sich!

Oft stand ich staunend an dem den Raum teilenden Holzpult und fragte mich, weshalb denn alle Zigeuner gerade diese stinkenden Mărăseşti rauchten, die zweitbilligste Marke aus der untersten Schublade des Zigarettenangebots – und nicht die noch billigeren „Nationale“ oder die kaum teureren „Carpaţi“? Damals wusste ich noch nichts von jener Volksweise, in welcher der Ausspruch vorkommt: „Eine Mărăseşti im Zigeunermund“. Selbst eine Zigarettenmarke kann ein Identitätsmerkmal sein und eine Identität mit begründen wie die Zugehörigkeit des Fans zur Fußball-Klub-Gemeinschaft. Schnaps, Speck und Zigaretten – das war genug für das alltägliche Fest und für ein paar Stunden Lebensfreude. Auf die Substanz kam es an, nicht auf Akzidenzien, auf das Drumherum. Der Dorfladen hielt noch manches andere bereit, bis hin zu Losen, wo Leute wie unser „Pictor“ ihr Glück versuchen konnten. Auch der Zufall sollte seine Chance haben. Schließlich war die Welt aus einem Zufall heraus entstanden – und auch wir waren gerade da und nicht dort, weil die Macht des Zufalls, andere nannten es Schicksal, es so wollte.

Zeit war keine Kategorie. Kleine Jungs, wie ich einer war, hatten es immer eilig. All die anderen Leute aber, so schien es mir, Alte, Zigeuner, Hausfrauen, hatten unendlich viel Zeit. Trotzdem drängte sich eine immer wieder nach vorn in der Schlange, ungeniert und zu meiner Verblüffung stets mit dem gleichen dummen Spruch auf den Lippen: Macht Platz, lasst mich vor, Kinder, mein Reis brennt an! Kochte die gute Frau immer nur Reis, fragte ich mich gelegentlich. Da die Käufer sich weitgehend natürlich verhielten und frank und frei das aussprachen, was ihnen gerade einschoss, war es einfach, sie zu studieren; die heimischen Zigeuner mit ihrer Pidginsprache, den verballhornten Ausdrücken und den vielen dialektalen Eigenheiten ebenso wie die schwäbische Mundart der Donauschwaben, die in ihrem breiten, von fränkischen und pfälzischen Wortfetzen dominierten Dialekt die Inhalte dieser Nachrichtenbörse bestimmten. Ein fein kultiviertes Deutsch war unsere Mundart nicht. Jeder sprach so, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und wie er redete, so war er meistens auch. Die Grobschlächtigkeit des Schwäbischen fiel mir bereits damals auf, und dies, obwohl es die eigene Mundart war. Manchmal erinnerte der derbe Dialekt an die karge Sprache der Cowboys aus den Groschenheften und sprachkargen Italo-Western, wo man gut mit ein paar Dutzend Worten auskam.

Waren die Erwachsenen in ihrem Element, unter ihnen nicht selten Leute, die zwei Weltkriege unmittelbar erlebt hatten, hörten wir Kinder andächtig zu und staunten, wie viel Weisheit und Lebenserfahrung aus mancher Sentenz sprach. Dabei wurde selbst uns Kleinen ein Faktum recht bald bewusst: Je geringer das Wissen des Einzelnen, desto radikaler war seine These.

Eine der Theorien, die im Zusammenhang mit dem ewig erörterten Thema „Deutschland“ und einer eventuellen Auswanderung dorthin in einem vehementen „Pro und Kontra“ erörtert wurde, wartete mit der Feststellung auf, in Deutschland gäbe es kein Brot auf dem Tisch – dort würden die Speisen ohne Brot verzehrt. Und worin bestand die Quintessenz der Botschaft? Ein Leben ohne Brot ist kein Leben – also ist es auch nichts mit Deutschland! Solches hörte ich und staunte nicht schlecht. Soviel Weisheit aus dem Mund eines alten Mannes, der ein leidenschaftlicher Brot-Esser war? Ohne Brot konnte er nicht satt werden. Die Abstrusität dieser scheinbar logisch anmutenden Syllogismen irritierte selbst das Bewusstsein eines Vorschulkindes und führte zu einer weiteren Destruktion der Erwachsenenautorität.

Vis- a- vis des Krämerladens waren ebenfalls Rumänen eingezogen, fromme Baptisten, die später, nach der Ausreise meiner Eltern in mein Geburtshaus umziehen sollten. Dort leben sie auch heute noch. Und unweit in der Nachbarschaft wohnten weitere sogenannte „Zigeuner“, deren genaue ethnische Herkunft nicht feststand, deren Namen aber russisch oder bulgarisch klangen. Zigeuner, das wurde mir langsam bewusst, waren in unseren Augen alle, die sich nicht explizit als Rumänen, Deutsche oder Ungarn ausgaben. Es waren eben die Anderen, Menschen jenseits eines imaginären Limes, Menschen, die im Alten Griechenland oder im Römischen Weltreich als Barbaren bezeichnet wurden – Barbaren im eigentlichen, im nichtpejorativen Sinn des Wortes.

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