„Heile Welt“?

 

Bevor ein heranwachsender Jugendlicher seine Entscheidungsfreiheit entdeckt, erlebt er, wenn die Voraussetzungen gut sind, die Freiheiten der Natur und der archaischen Gesellschaft. Unsere Voraussetzungen dazu waren optimal, denn um uns herum entfaltete sich eine noch weitgehend „heile Welt“, die nur getrübt wurde, wenn wir in die Erwachsenensphäre hineinhorchen mussten. Wir Kinder schöpften auch beides aus: die stets gegebene Geborgenheit in der Gesellschaft und die Unbegrenztheit der uns umgebenden Natur. Noch in den Kinderschuhen lockte uns das Abenteuer, der selbst geplante Ausflug hinaus in die Natur, möglichst weit weg vom eigenen Dorf, hin zu den Rumänen nach Utvin, nach Rumänisch- Sankt Michael, nach Sankt Andreas, Orte, die im Fußmarsch über das Feld  gut zu erreichen waren.

Ein paar gute Freunde, Ewald, Erich, Erwin und ich, bildeten oft den harten Kern der Truppe, zu dem gelegentlich andere Schulkameraden aus der gleichen Klasse hinzustießen. Am Vorabend schon legten wir ein Ziel fest. Frühmorgens am folgenden Tag packten wir dann unseren „Brotsack“, einen einfachen Beutel aus weißem Leinen, auf die Art, wie wir es bei den Alten gesehen hatten, wenn sie gelegentlich zum Rüben- oder Maishacken „aufs Feld“ gingen. Unsere Großeltern verdienten sich manchmal noch ein Zubrot zur kargen LPG-Rente, die nicht einmal ausreichte, um den monatlichen Bedarf an Genussmitteln abzudecken. Einige Schnitten vom selbst gebackenen Weißbrot kamen in den Beutel, eine gute Portion gepökelter Räucherspeck oder Schweineschinken von der Hausschlachtung, eine Zwiebel, manchmal gar etwas Knoblauch, Tomaten, Paprika aus dem Garten und – gegen den Durst – eine Flasche, gefüllt mit kühlem Wasser aus der nahen Quelle. So mit Verpflegung für einen ganzen Tag versorgt, zogen wir dann hinaus in die weiten Felder der Tiefebene, nicht selten bis zu einem nahen Hain, den wir „Moschee“ nannten. Ob es dort irgendwo während der hundertfünfzigjährigen Türkenherrschaft im Temeschburger Banat eine sakrale Stätte gegeben hatte, konnten wir nie ergründen. Diese „Moschee“ war ein Biotop, ein Wäldchen aus Laubbäumen, Refugium für unzählige Vogelarten, die dort ungestört nisteten und ihre Brut aufzogen. Wenn sich ein Bild vom Garten Eden aufdrängte, vom Elysium oder dem Hort der Hesperiden, dann war es diese „Moschee“.

Die vielen bunten Vogeleier hatten es uns angetan. Man hatte uns gelehrt, nach Nestern Ausschau zu halten, die Eier zu entnehmen und manchmal sogar die Jungen, kurz bevor sie flügge wurden. Aus jungen Wildtauben wurden köstliche Eintöpfe und Braten gezaubert, die selten waren und deshalb begehrenswerter als das am Wochenende geschlachtete Huhn für die „Hinkelsupp“ und das ausgebackene Fleisch zum Hauptgang. Die Kunde, die Italiener würden unsere Singvögel verspeisen und die Armen Afrikas würden mit Pfeil und Bogen auf unsere fortgeflogenen Störche Jagd machen, um sie zu kochen, schockte mich – doch ein Pärchen Wildtauben verzehrte ich dann selbst, nachdem mir die Delikatesse als unwiderstehlich angepriesen worden war. Zuerst kam das Fressen – und dann die Moral. Doch davon ahnte ich noch nichts.

Auf seinem Weg vom Neandertaler zum „Homo sapiens sapiens“ wurde der Mensch bekanntlich zum Früchteernter und „Sammler“, wenn ihn der Kampf nicht gleich zum Jäger oder Krieger formte. Etwas von dieser, früher überlebenswichtigen Sammler-Leidenschaft des Anbeginns aller Tage steckte auch noch in uns, den Kindern von Dorfbewohnern, den die Autarkie über Jahrhunderte das Überleben gesichert hatte. Vorratshaltung betreiben an Getreide, an Holz – das war archaisch verwurzelt. Und selbst in den Jahren des relativen Wohlstands in unserem Dorf nach 1960 war die Sammelwut noch da, auch wenn der konkrete Nutzen nicht mehr zu erkennen war. Das Sammeln war für viele ein Hobby und zugleich eine Art Luxus, denn wir brauchten die Dinge nicht mehr, die wir „sammelten“. Neben Zündholzschachteln aus dünnen Holzplättchen oder Karton mit Etiketten und flotten Sprüchen darauf faszinierten uns die bunten Steine aus der nahen Bergwelt, Granit, Basalt, Grafit, schimmernde Erze aller Art, Fossilien, Quarzkristalle, Mineralien aller Art, ferner Briefmarken aus vielen Ländern der Erde mit exotischen Pflanzen- und Tiermotiven aus den fernsten und ärmsten Ecken der Welt. Wir trockneten Pflanzen, legten Herbarien an, spießten farbenfrohe Schmetterlinge und Käfer auf, darunter imposante Hirschkäfermännchen mit Geweih, wir fingen Frösche und Schlangen ein und konservierten sie in blauem Sanitäts-Spiritus – alles ohne Skrupel und allein im Dienst höherer Erkenntnis und für Forschung und Wissenschaft. Aus einer gewissen Tradition heraus übten wir uns auch als Vogelfänger. Zeisige und Stieglitze steckten wir Papagenos in Bauer und Voliere – den abends in den Dachrinnen mit einem Seidenstrumpf am Stock eingefangenen Meisen aber sahen wir am Tag danach nur noch beim Sterben zu. Sie starben wohl dahin, weil sie in Unfreiheit nicht länger leben wollten!?

Aus der gleichen unreflektierten Tradition heraus sammelten wir auch unzählige Vogeleier, ohne auch nur einen Gedanken an die Bedrohung der Arten zu verschwenden. Manch einer von uns hatte je eine Sammlung daheim: Das Original „Vogelnest“ und die Eier darin. Ein imposantes Bild – Querschnitt des Lebens in seiner Vielfalt: Dutzende Vogelnester, kunstvoll gewebt, und darin viele Hundert Eier, große und kleine, weiße und bunte, gesprenkelte und einfarbige, selbst in Türkis. Jeder von uns wollte mehr Nester und Eier besitzen als der Andere. Die Überfülle der Natur erschien uns damals noch unerschöpflich. Und der Begriff Umwelt, eine Wortschöpfung Goethes, war uns noch unbekannter als der verantwortungsbewusste Umgang mit der Kreatur.

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