Verlorene Illusionen – von Opfern der Freiheit

 

Die Freiheit wirkt wie eine Droge. Sie bietet unzählige Chancen, aber sie birgt auch Risiken. Sie kann beflügeln oder töten, gleich dem Wirkstoff eines Medikaments. Wie die paracelsische Dosis entscheidet, ob die gleiche Arznei zum Therapeutikum oder zum Gift wird, will auch der Umgang mit der „Freiheit“ gelernt sein. Die lange Ahnenreihe von der Sophistik bis zu Kants kategorischem Imperativ, der, wie alles auf das Leben Vorbereitende, kaum im Schulunterricht Erwähnung findet, lehrte diese „ethische Selbstbeschränkung“, in einem Wort verdichtet: im „Maß“ – als Gegensatz zur „Hybris“.

Freiheit bedeutet, freie Willensentfaltung durch freiwillige Selbstbeschränkung im angemessenen Umgang mit der Freiheit. Je weiter ich herumreiste und den Umgang anderer mit dieser besonderen Seinsform beobachtete, desto bewusster wurde mir diese Tatsache.

Wie erging es den alten Weg- und Streitgefährten, den ehemaligen Regimekritikern und Dissidenten im freien Westen? Wie kamen sie mit der uneingeschränkten Freiheit aus? Die Demokratie lässt einiges zu, fast alles, solange die Intimsphäre des Nächsten nicht tangiert wird. Um herauszufinden, wer wie „von der großen Freiheit Gebrauch macht, reiste ich in den Wochen und Monaten nach meiner Ankunft quer durch Deutschland und besuchte Freunde, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und einige weitläufige Bekannte. Die Bahn, damals noch ein erschwingliches Volks-Verkehrsmittel, brachte mich überall hin. Da alles relativ neu war, interessierte mich auch fast alles. Die Erkundungsreisen führten mich zunächst dorthin, wo die jungen Fräuleins lebten, zu denen ich früher einige oberflächliche Berührungen hatte; nach Bremen, nach Köln und Frankfurt und schließlich immer wieder nach Bonn, wo mich jene holde Loreley erwartete, die ich auf den Klippen des Pontus Euxinus kennengelernt hatte. Der emotionale Drang der Jugend, der lange auf Eis gelegt worden war, forderte ebenso Tribut wie ein immer noch nicht ausgelebtes, gestautes Freiheitsbedürfnis, das durch permanente Mobilität abgearbeitet wurde.

Ungebremst raste ich durchs Land und sprach nahezu euphorisiert mit den unterschiedlichsten Menschen. Damals war ich noch extrem kommunikativ und verhielt mich wie ein junger Missionar, der voller Eifer ans Werk geht und am liebsten gleich unmittelbar ins Himmelreich aufgestiegen wäre, an den „gefräßigen“ Heiligen vorbei, auch ohne Himmelsleiter.

Erst mit der Zeit wurde ich ruhiger, nachdenklicher und schweigsamer. Verantwortlich dafür waren einerseits ein zunehmendes „Unverständnis“ und „offensichtliches Desinteresse“ einzelner Gesprächspartner an dem, was ich aus dem „unbekannten Osten“ zu berichten hatte. Die Völker Osteuropas waren räumlich nah und emotional geistig doch so fern. Andererseits verbuchte ich weitere Negativerlebnisse im Umgang mit der „in jeder Beziehung offenen Freiheit“, indem ich mein neues Umfeld teils provokativ herausforderte und teils kritisch durchleuchtete. Vielerorts begegnete man mir mit interessiertem Verständnis; gelegentlich schlug mir aber auch – wie bereits bei der Ankunft in Nürnberg befürchtet – viel Dumpfheit, Arroganz und Ignoranz entgegen. Gerade bei jungen Menschen, die aus einem behüteten, bürgerlichen Elternhaus stammten, stießen meine „Erfahrungsberichte aus der osteuropäischen Diktatur Rumänien“ weitgehend auf taube Ohren. Rumänien? Das waren „Dracula“ und Gheorghe Zamfir, der Mann mit der „Panflöte“. Klischees reichten aus. Wer wollte schon hinter die Phänomene gucken, einiges vertiefen, hinterfragen, gar in die Niederungen der Politik absteigen, wo doch Friede herrschte zwischen Ost und West und das Patt des Kalten Krieges!

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