Verfrühtes Requiem

 

In Dortmund hatten wir noch einige schöne Stunden miteinander verbracht – am Klavier und in der Oper. Vieles von dem, was in Temeschburg unerreichbar war, wurde nachgeholt. Er spielte und ich sang dazu – wie damals. Nur andere Töne.

Elegisches, mehr und mehr in Moll. So sang ich auch aus Schuberts „Schwanengesang“, dessen Wehmut mir aus der Seele sprach. Nur konnte ich ahnen, wie sehr wir auf ein verfrühtes Requiem hinsteuerten? Es waren Harmonien der Desillusion, die auch meinen allmählichen Rückzug aus der Realpolitik und aus dem Studium der Politischen Wissenschaften einleiteten. Die Destruktion eines Ideals entwickelte sich wie ein Krebsgeschwür, sie wucherte und fraß die große Gesundheit auf, den Frieden der Seele. Bisher hatte ich die politischen Systeme studiert, die Theorien der praktischen Philosophie, das Staatsrecht, die Parteienlandschaft in Ost und West; ferner hatte ich die Zentralen der internationalen Politik vor Ort ausgelotet, die UNO in Genf und Wien, die NATO in Brüssel; und ich hatte die Entstehung neuer Parteien hautnah verfolgt, die „Grünen“ und die „Republikaner“. Doch im Prinzip gab es nur noch zwei große Volksparteien, die sich nicht mehr substanziell voneinander unterschieden. In Amerika war dies noch drastischer. Was gab es überhaupt noch zu tun? Das war die Tragik der Dissidenz – und die Tragik des Idealismus zugleich: den hohen Werten, dem freien Geist, der Musik, wird alles geopfert – zurück bleibt das tragische Scheitern, das Nichts!

Wir hatten den Vogelhändler zusammen genossen; auch den Tristan und den Lohengrin. Schließlich aber neigte sich seine Suche dem Ende zu. Auch Felix fand den Gral nicht. Als ich das letzte Mal von ihm schied und ihn angeschlagen, ja zerbrechlich zurücklassen musste, ahnte ich immer noch nicht, wie schlimm es um ihn stand – und dass das Hören des Capriccios unser letzter gemeinsamer Musikgenuss bleiben sollte. Wie das Seufzen der Geige im Ohr verklang, so sanft verflog bald sein Leben.

Felix schied dahin, vom Alltag ebenso überfordert wie von den Bedürfnissen einer vielschichtigen Gesellschaft, die er nicht mehr verstand. Im beschaulichen Temeschburg hatte das Leben noch einen anderen Klang und einen anderen Rhythmus. Wir lebten mit dem Bolero. Die Verfolgung machte uns dort paradoxerweise innerlich frei. Hier in Westfalen trieb ihn ein Übermaß an Freiheit in die Orientierungslosigkeit.

Felix, ein Opfer der Freiheit – oder doch nur eines der Krankheit, die andere ausgelöst hatten? Freunde, die vielleicht ordnend hätten eingreifen können, waren in alle Winde zerstreut und konnten – wie in meinem Fall – nichts von den vielen Alltagssorgen mit auffangen.

Bald fehlte es an allem; auch an Verständnis und Toleranz für die behinderte Frau. Es kam zur Ehescheidung. Dann folgten innerhalb von ein bis zwei Jahren, wie so oft in ähnlichen Situationen, rapider Niedergang und existenzieller Zerfall. Rasant ging es bergab. Selbst musste ich mit ansehen, wie Felix, gezeichnet von der tückischen Paranoia, die er nicht erkennen konnte und die auch nie behandelt worden war, von der komplexen Gesellschaft schwer überfordert, auch als Persönlichkeit von Besuch zu Besuch schwächer wurde; wie er mehr und mehr verfiel, um schließlich an den späten Auswirkungen seiner importierten Gefängniskrankheit zu scheitern. Felix, in dessen Haus in Temeschburg die zahlreichen politischen, historischen und kulturellen Gespräche stattgefunden hatten, der in uns, als einer der wenigen, die Prinzipien der Ethik und der Ästhetik verankert hatte, scheiterte nun vor meinen Augen – verkannt, einsam und verlassen in einer freien Gesellschaft als spätes Opfer einer Diktatur.

Wenige Tage nach seinem Ableben kam mein an ihn adressiertes Einschreiben ungeöffnet zurück. Vor einiger Zeit war es von mir aufgesetzt und abgeschickt worden. Darin waren Angaben zu Haftzeiten enthalten, die ich zusammen mit Erwin ausgearbeitet und als Zeuge bestätigte hatte, damit er später einmal einen Rentenantrag stellen konnte. Er brauchte keine Rente mehr. Er war bereits tot, bevor ihn unsere solidarische Geste erreichte. Telefonische Nachforschungen brachten dann Gewissheit. Seine Adoptivtochter, der er einst das „Homo sum“ mit Macht einätzen wollte, bestätigte, er sei einer rätselhaften Krankheit erlegen, einem unerkannten Leiden, das viel mit seinem idealistischen Einsatz in finsterer Zeit zu tun hatte. Als er für immer schied, zählte ich gerade fünfundzwanzig Lenze – er kaum das Doppelte. Felix verabschiedete sich jung wie seine Idole, wie Mozart, wie Schubert …

Auf sein unerwartetes Dahinscheiden reagierte ich zunächst geschockt, denn er war plötzlich mitten aus dem Leben gerissen worden. Welchen Tod er wohl starb, fragte ich mich später? Den Tod des Einsamen, der aufhört zu leben – der, symptomatisch für die menschenferne Gesellschaft der Neuzeit – irgendwann einmal, wenn sich Gerüche ausbreiten, gefunden wird? Ging er … von allen verlassen? Und hatte er noch mehr erleiden müssen nach alledem, was er bereits in den Höllenfeuern des Kommunismus erlitten hatte?

Die Vorstellungen, wie er gestorben sein könnte, wie sein Erdenlos für immer zerstob, riefen in mir ein makabres Bild aus der Kindheit wach, jenen Augenblick, als ein anderer, mir nahe stehender Künstler seinen letzten Gang antreten musste. Die mich seinerzeit sehr beeindruckende Schauderszene rollte wieder ab – der einsame Abgang eines Kunstmalers. Es war wie im Kino, nur leider echt: Am Tag, als der nach jahrelangem Siechtum endlich dahin geschiedene Farbenkünstler zum Totenacker gefahren wurde, regnete es in Strömen. Zwei schwarz schimmernde Hengste trabten an unserem Haus vorbei, den mächtigen schwarzen Totenwagen mit dem billigen Sarg und den leiblichen Überresten des zum Skelett abgemagerten Künstlers nachziehend. Bald darauf kam Janny ins Bild, der einzige wahre und letzte Freund, auf dem Fahrrad im Regen den trabenden Rappen hinterher strampelnd. Im Tor stehend folgte ich dem Abgang eines Andersdenkenden als unfreiwilliger Voyeur, beeindruckt von der noblen Geste des loyalen Begleiters. „Sic transit gloria mundi“ – hätte der junge Nietzsche in gleicher Lage ausgerufen. Vielleicht.

Es war ein tristes Ereignis – bezeichnend für den letzten Weg vieler kleiner und ganz großer Künstler. Mozart, das größte Genie der Musikgeschichte, hatte man seinerzeit in Wien nicht viel anders zum Friedhof gekarrt, um ihn anonym in einem Armengrab zu verscharren, als Dank für die Verdienste an der Menschheit. Jetzt war auch Felix tot. Nach dem Schock kamen Trauer und Trauerarbeit. Als ich mich mit der Situation konfrontiert sah, einen guten Freund und alten Weggefährten aus der Zeit der Dissidenz verloren zu haben, weilte ich gerade in Freiburg. Dort ging ich in einen Klavierladen in der Innenstadt, wo ich gegen ein geringes Entgelt manchmal zu üben pflegte, setzte mich an ein Piano und intonierte im stillen Gedenken an den Lehrer von einst, der mich mit dem Tastenspiel vertraut gemacht hatte, ein paar Takte in Moll. Daraus wurde ein sehr persönliches Requiem für einen Humanisten alter Schule, für den – neben Erwin – gütigsten Menschen, der mir je begegnet war. Das Schwarz und das Weiß der Tasten signalisierten Trauer, tiefe Trauer in Orient und Okzident. Dann schlug ich einige nachdenkliche Takte von Brahms an und sang dazu die ernsten Worte aus dem Alten Testament:

Es geht dem Menschen wie dem Vieh, /so, wie es stirbt, so stirbt er auch …

Ein aufrechter Mensch war tot. Ein guter Freund. Als ich ihn verlor, ging etwas von mir mit ihm.

Ave verum!

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