Rottweiler Intermezzo – „Identitätsfindung“ und „Identitätsverleugnung“

Lever dood ut Slow“ -Lieber tot als Sklave sein,

Leitsatz der Germanen

In Rottweil am Neckar, wohin mich einige der stigmatisierten Mitschüler begleiteten, ging der eigene „Identitätsfindungsprozess“ des jungen Menschen im neuen gesellschaftlichen Umfeld weiter. Speziell während der unsicheren Umbruchsituation, wo junge Mitbürger – etwa aus dem entlegenen wie kulturell verschiedenen Kasachstan herstammend – mit einem neuen „politischen System“ konfrontiert wurden, konnte dieser Prozess schwierig und langwierig sein, weil ungenügende Deutschkenntnisse und sonstige Bildungsdefizite den Rhythmus bestimmten. Während einzelne Mitschüler bestehenden Mängeln abhalfen und dabei sich mehr und mehr sozial emanzipierten, stand ich vor der Herausforderung, ein Übermaß an Energie und Enthusiasmus zurückzuschrauben, zu reduzieren. Dem großen Gefängnis entronnen, fühlte ich mich wie ein entfesselter Prometheus, der die Ketten von sich geworfen hat und nunmehr nach neuen Ufern strebt. Ich war eindeutig übermotiviert, voller Elan und vor Kraft strotzend wie ein Rennwagen in der Fußgängerzone. Abkühlung war angesagt, noch vor der Explosion des Kessels. Die an sich turbulente Situation zwischen überindividuellem Agieren und profanem Tagesgeschehen musste auf ein normales Maß herunter gefahren werden. Obwohl schon leicht zurechtgestutzt und in das Mittelmaß hinab gedrückt, fühlte ich mich immer noch wie ein kleiner Gott und handelte entsprechend. Die Flügel wuchsen wieder im neuen, freien wie toleranten Umfeld der uralten Neckarstadt – und mit ihnen kam die Versuchung, zur Sonne aufzusteigen. War das Hybris, Sünde?

Vieles von den spätpubertären Lausbubenstreichen, die ich zum Verdruss einzelner Lehrer auch in Rottweil noch ausführte, geschah – aus reiferer Sicht betrachtet – im Überschwang, war überzogen, hypertroph und nicht immer gerecht. Aber wir waren jung und ausgelassen. Schließlich waren wir alle nach der langen Zeit im großen Gefängnis – oder, wie ich, zusätzlich noch in einer engen Haftzelle – endlich frei. Körper, Geist und Seele emanzipierten sich. Wie ein Vogel, der aus dem Käfig in die Freiheit des Lichts entflieht, fand ich schnell zum früheren Tatendrang zurück. Morgens wachte ich auf wie Kolumbus, nach neuen Meeren Ausschau haltend. Jeder Tag lockte. Alles schien möglich.

Positivität und Zuversicht bestimmten meine Zeit in Rottweil, die immerhin noch eine sehr „politische Zeit“ war. Die Beschwerde des großen multinationalen Gewerkschaftsverbandes Confederation Mondial du Travail, kurz CMT, über die ILO der UNO in Genf gegen das Ceauşescu -Regime stand an, eine Zeit zahlreicher Reisen in die mit Rottweil seit Jahrhunderten verbundene Schweiz. Eine erst jüngst wieder aufgetauchte Postkarte aus der Sammlung meines Mitstreiters bei SLOMR Erwin Ludwig belegt das genaue Datum meines seinerzeit abgelegten „Testimoniums“ bei der Repräsentanz der Völkergemeinschaft. Sie zeigt die Stadt Genf mit dem markanten „Jet d’ Eau“, einem senkrecht in den blauen Himmel aufsteigenden Wasserstrahl und den schneeverhüllten Mont Blanc-Gipfel im Hintergrund. Der Poststempel verweist auf den 02. 02. 1981.

Aber auch sonst reiste ich viel durch das Land, agitierte in Sachen Freiheit, Menschenrechte wie Antikommunismus und schrieb Tage und Nächte an einem Buch über meine jüngste Vergangenheit in der Opposition, das aber seinerzeit weder adäquat fertiggestellt, noch verlegt werden konnte. Ein Fehler, ein Versäumnis? Vielleicht? Denn statt der tatsächlichen Wahrheiten über Opposition und Widerstand während der Ceauşescu -Diktatur setzten sich Jahre danach über belletristische Veröffentlichungen teils aus unberufenem Munde allerlei konfuse Mythen und Legenden durch, die mehr verwirrten, als dass sie aufgeklärt hätten und dabei ahnungslos naiv auch noch die historische Wahrheit verfälschten. Ich hätte schon viel früher in die Debatte eingreifen und einiges revidieren müssen, meinen einige altkluge Leute heute, Personen, die selbst nie etwas für die Allgemeinheit getan haben. Jetzt sei es zu spät, wo doch die Lüge schon triumphiert habe. Nur keine Bange! Die volle Wahrheit kommt noch früh genug – und wer hoch stieg … mit fremden Federn, der wird tief stürzen … wie Ikarus!

Endlich hatte ich Zeit für Musik, für Symphonik in vielen Formen und für die Oper. Mozarts Opern verfolgte ich nun genauer, besonders eine. Dann lotete ich die eigenen Don Juan- Qualitäten aus und übte mich ein in der „Kunst des Verführens“, auch ohne die „Ars Amatoria“ oder Kierkegaards einschlägiges „Tagebuch“ gründlich studiert zu haben. Im Überschwang leistete ich mir einige Liaisons gleichzeitig, auch kleinere Eskapaden wie jene Romanze mit einer in manchen Dingen wesentlich reiferen Lehrerin; dabei versuchte ich sogar, nebenbei ein ganz normaler Schüler zu sein.

Das misslang gründlich. Man kann zwar Rollen wechseln, sich in neue Situationen einfühlen, doch lässt sich eine organisch gewachsene Persönlichkeitsstruktur nicht aufspalten. Das „Jekyll und Hyde-Syndrom“, das ich seinerzeit nur an mir diagnostizierte, entspricht der Verabsolutierung einer fiktiven Tendenz, die da ist, doch nicht in extremer Gespaltenheit. Der Einzelne nimmt seine Persönlichkeit mit und bringt sie ein, wie er seine Identität einbringt. Noch Jahre musste ich mit dieser Spaltung, die auch Konflikte verursacht, leben, bevor sie durch den Zeitfaktor korrigiert wurde.

In Rottweil lernte ich junge Menschen kennen, die fern der deutschen Kultur, in den Weiten der Sowjetunion zur Welt gekommen waren. Die meisten von ihnen stammten aus den asiatischen Staaten des großen Völkergefängnisses, wohin ihre Vorfahren auf einen Erlass Stalins hin deportiert worden waren. Einige der einstigen Wolgadeutschen kamen gar vom Ende der Welt, aus Kasachstan und von der Halbinsel Kamtschatka, wo sie Hunde und Bären gejagt und auch verspeist hatten.

Ihre „deutsche Identität“ war tief verschüttet und musste erst geweckt werden, über das Wissen und über die Kultur. Während der russische Germanist und Autor einer Heine- Biografie Lew Kopelew als Gast von Heinrich Böll auf Bundesebene missionierte und für Völkerfreundschaft zwischen Deutschen und Russen warb, regte ich im Kleinen den „interkulturellen Dialog“ an, indem ich unter anderem vorschlug, Alexander Solschenizyns bahnbrechendes Werk „Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch“ im Deutschunterricht durchzunehmen – als eine Art „Brücke zwischen den Kulturen“, über Thema und Sprache. Lehrer Hans-Martin, ein sensibler, verkannter Menschenfreund, machte mit und eröffnete damit eine differenzierte Gesprächsmöglichkeit, die sich für die „Identitätsfindung der jungen Aussiedler aus der Sowjetunion“ als sehr wichtig erweisen sollte. Die Abiturzeit in Rottweil wurde von einer insgesamt liberalen wie toleranten Atmosphäre bestimmt. Wieder einmal als „Klassenprimus und Klassensprecher“ wie seinerzeit in der Neunten „als Esel unter den Schafen“ nutzte ich meine natürliche Autorität, um immer mehr „Freiheiten“ durchzusetzen, „Freiheiten“, die teilweise schon den Rahmen des Schulischen sprengten und für die eigentlichen Autoritäten in der Schule, namentlich für die Lehrer, zunehmend zum Problem wurden.

 Bis zu meinem Abgang aus Rottweil im Februar 1982 nach erfolgreich absolvierter „Reife-Prüfung“ im eigentlichen Sinne des Wortes wurden diese „Freiheiten“ zähneknirschend toleriert, eben weil der Kompensationseffekt erkannt worden war, dann aber um so radikaler abgeschafft, noch bevor die „Anarchie“ um sich griff. Einige Lehrer aus der „68ger-Generation“ hatten mich intuitiv verstanden. Für die Persönlichkeitsentwicklung der bisher in totalitären Systemen gegängelten Menschen war jenes „großzügige Erleben“ von „Freiheit“ bestimmt auch ein Gewinn.

Während ich, diktiert durch die von außen zugewiesenen Rollen auf der politischen Ebene als Sprecher der inzwischen in Rumänien zerschlagenen „freien Gewerkschaft“ SLOMR im Westen und als Aktiver im demokratischen Exilspektrum der Rumänen, noch für längere Zeit in der „Jekyll und Hyde- Gespaltenheit“ ausharren musste, beobachtete ich den Selbstfindungsprozess meiner Mitmenschen auf ihrem Weg in die gesellschaftliche Integration, die weiter ihren Standort suchten; die „Identitätsfestlegung“ der Mitschüler, aber auch der Lehrer.

Den „besseren Deutschen“, den Böhmen aus dem Böhmerwald, der seine Herkunft vergessen hatte, der aber „diese Herkunft“ anderen vorwarf, die dorther stammten, kannte ich bereits. Ferner kannte ich auch noch ein paar „böhmische Dörfer“ nach „Potjomkins Muster“ und andere Böhmen, die, seitdem sie in Bayern gestrandet und dort Zuflucht gefunden hatten, nur noch „Altbayern“ sein wollten, „hundertfünfzigprozentige Alt-Bajuwaren in Überkompensation“, indem sie sich verbal verrenkten und Purzelbäume schlugen, viel breiter schwatzend als jene „Bärtigen aus Oberammergau“ während der Passion und deshalb – wohl aus pragmatischen Gründen – alle Taue, die sie mit der einstigen Heimat Böhmen verbanden, gekappt hatten, bis hin zur Unfähigkeit, traditionelle Knödel oder Strudelteig zuzubereiten. Neue „Identitätsfindung“ bei krasser Identitätsverleugnung war ein Phänomen, wie ich es ähnlich drastisch noch nicht erlebt hatte.

Das „Ja, ich weiß, woher ich stamme“ Nietzsches kam mir immer wieder in den Sinn. Andere fragten nicht einmal danach – und was in meinen Augen noch viel schlimmer war: Sie verleugneten ihre Herkunft! Allen voran der „bessere Deutsche“, der auch gern ein „besserer Mensch“ gewesen wäre. Leider hat die Natur das verhindert – a priori.

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