Guru Baghwan und seine glücklichen Sklaven

 

Weiter unten am Neckar, in Tübingen, wo ich mehr nach Parkplätzen Ausschau hielt, als nach Hörsälen, wurde ich massiv mit offensichtlichem Desinteresse einzelner Studenten konfrontiert, mit denen ich die einst vornehmen Räume einer ehemaligen Unternehmervilla in Gomaringen bezogen hatte. Gleich drei Kommilitonen aus unserer Sechs- Personen- Wohngemeinschaft nutzten die kaum erst errungene Freiheit vom Zwang des Elternhauses, um sich während der ersten Studiensemester an der Universität dem neuen „Heilsbringer Baghwan“ zuzuwenden, einem Guru aus Indien, der heute noch als „Osho“ verehrt wird, um, nach dessen Vorstellungen von Freiheit, sensualistisch, ja hedonistisch zu leben, zunächst den lange gehemmten Sexualtrieb befriedigend.

Baghwan hatte – an den Bedürfnissen einer gelangweilten, sozial desinteressierten und weitgehend apolitischen Saturiertenjugend orientiert – eine Art „Glücksphilosophie“ ausgearbeitet, einen billigen, einfach gestrickten Hedonismus, der vor allem eines versprach: Glück durch sexuelle Emanzipation, Glück durch den „immerwährenden Koitus“ maximus, ohne Rücksicht darauf, dass bereits vor zweitausend Jahren große Geister der Literatur und des Denkens wie Titus Lucretius Carus durch „übermäßige Sexualpraxis“ in Melancholie oder Depression getrieben wurden.

Mit nahezu sklavischer Folgsamkeit legten meine Kommilitonen, die bei der Begründung der Wohngemeinschaft noch ganz normale Menschen waren, ihren gesunden Menschenverstand beiseite, schlüpften dafür in eine orangefarben bis bordeauxrot-violette Kluft, hängten sich einen hölzernen Rosenkranz um den Hals, den sie „Mala“ nannten und legten dann mit dem „common sense“, zumindest in ihrem Sektenumfeld, ihren „bürgerlichen Namen“ ab, um sich hinter einem indisch klingenden Fantasienamen zu verkriechen, der ihnen vom Guru höchstpersönlich im Rahmen einer rituellen Aufnahme zugewiesen worden war. Sie schlüpften so in eine „neue Identität“, ohne sich der alten überhaupt bewusst geworden zu sein! Irrungen und Wirrungen? Da ich ganz andere Dinge erlebt hatte und mein Sexualtrieb als Mittel zum Erdenglück erst nach Verstand und Vernunft und allen anderen lebenserhaltenden Trieben angesiedelt war, schüttelte ich nur den Kopf.

Der neue Name, dessen Etymologie und Bedeutung sie mir nur schwer erklären konnten, markierte eine „Zäsur zur konventionellen Außenwelt“, aber auch zum verachteten Abendland mit seinen Rationalismen. Er bot ihnen Zuflucht in eigenen Fantasiewelten und vermittelte ihnen eine „Aura von Exklusivität“ und gleichzeitig die „Zugehörigkeit zur neuen esoterischen Welle des „New Age „- Spektrums“. Sie waren nun „Sanyassins“, Jünger, Anhänger eines indischen Gurus, dessen eklektische Heilsphilosophie unter drei verschiedenen Namen im Umlauf war. Statt sich zu ihrem, wenn auch wenig ausgebildeten, „Selbst“ zu bekennen, dies zu stärken und auf dem akademischen Weg auszubauen, „verleugneten“ auch sie ihre Herkunft, ihre Vergangenheit, ihr Sein, um sich dann unreflektiert in eine „synthetisch erzeugte Identität“ zu stürzen, die im Grunde nur eine „Pseudoidentität“ war: Guru Baghwan sagte ihnen, wer sie zu sein hatten – und die „glücklichen Sklaven“ folgten blind dem Meister, der ihnen dann bald auch noch raten sollte, etwas von ihrem übergroßen Vermögen in die Gemeinschaft der Seligen einzubringen, damit diese auch künftig weiter wachse, blühe und gedeihe.

Nachdem ich den bereits halb vollendeten Messianismus der Roten hatte ausgiebig studieren können, ohne jedes Verlangen, dem materialistischen Heil zu folgen, kam mir der sonderbare Wandel aufstrebender Menschen und ihre freiwillige Auslieferung an eine geistig undifferenzierte „Ideologie der Lust“ mit Staunen höchst merkwürdig vor. Was hätten meine Leidensgefährten aus der Zelle dazu gesagt? Vermutlich hätten sie nur bedenklich den Kopf geschüttelt und alles der Unreife zugeschrieben.

Früher hatte ich „sozialistische Chamäleons“ erlebt, die in Anbetung eines neuen Gottes virtuos in neue Häute schlüpften, ohne dass ihnen die Selbstverleugnung ein Problem bedeutet hätte. Jetzt erlebte ich den Typus des dekadent gewordenen „kapitalistischen Chamäleons“; und mit ihm eine Masse „willenloser Individuen“, die einem Kraken huldigten, die aber, statt zur Selbsterkenntnis zu gelangen, in ein Leben in Uneigentlichkeit schlitterten. Der Krake rief wie ein Rattenfänger – und die Jünger folgten dem Ruf des Erleuchteten in großen Scharen; unter ihnen auch interessante Leute und künftige Protagonisten der intellektuellen Szene wie Fernseh-Philosoph Peter Sloterdijk, ein Nietzsche-Interpret, an dessen „Denker auf der Bühne“, ich zwei, drei Jahre später herumrätselte. Auch kritische Charaktere durchliefen unkritische Phasen und folgten den als Meister getarnten Chamäleons, bevor in innerer Distanzierung ihre „Kritik der zynischen Vernunft“ einsetzte. Erst nach der Überwindung erscheint ein Teil des Tao als Krise, aus dem die Chance erwachsen kann. Sloterdijk, der seinerzeit auch ins indische Poona pilgerte wie andere selbstvergessene Hippies der „Flower Power-Generation“, schaffte noch den Absprung, um dann der „heuchlerischen Gesellschaft“ den Spiegel vorzuhalten – bis heute. Andere Jünger aber blieben in ihrer „Fremdbestimmtheit und Abhängigkeit“ gefangen.

Als der Reiz der Wälder und Hanffelder im grünen Oregon verflogen war und der Meister, der in seiner Rolls Royce –Sammlung zu ersticken drohte, selbst im „Land der unbegrenzten Religions-Freiheit“ kriminalisiert wurde, blieb bei einigen seiner Gefolgsleute nicht mehr zurück, als ein „entleertes Selbst, innere Hohlheit und apathische Willensschwäche.

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