Ein Wiedersehen mit Felix in Dortmund

                      Das Wesen der Musik ist Wahrheit. Sergiu Celibidache

Andererseits wurde meine zunehmende Schweigsamkeit auch von Erkenntnissen bestimmt, die nichts mehr mit der Welt des Idealen zu tun hatten, sondern im Umfeld der materialistischen Wirklichkeit angesiedelt waren.

Mein alter Freund am Klavier, Felix Waldteufel alias Georg Weber aus dem Temeschburger Vorort Mehala, inzwischen in Dortmund zu Hause, war in eine Schuldenfalle geraten. Mozart und Wagner hatten nicht unerhebliche Geldprobleme gehabt. Felix hatte sie auch. Vom klingenden Namen verleitet, hatte er als guter Patriot gerade beim „größten deutschen Geldinstitut“ ein Konto eröffnet und bald darauf eine bedeutende Summe geliehen. Mit dem geborgten Geld hatte er einen für seine Verhältnisse unerschwinglich teuren Konzertflügel erworben, einen pechschwarzen „Kawai“, weil kein „Bösendorfer“ zu haben war. Das Gehör des Musikers war mit zunehmender Sensibilität und ansteigendem Perfektionsdrang anspruchsvoller geworden; das einfache Piano genügte nicht mehr. Er war dann in Verkennung der Verdienstmöglichkeiten eines schlecht entlohnten Musiklehrers bald mit den Rückzahlungen so sehr in Verzug geraten, dass der Branchenprimus, der sich sonst nie um peanuts scherte, ihm überhaupt kein Geld mehr auszahlte. Felix pilgerte täglich mit der Bahn nach Meppen und Lingen an der Ems, wo er Musikunterricht erteilte. Damit verdiente er trotzdem gerade mal so viel, um schlicht überleben zu können. Während ich ihn für einige Monate aus den Augen verlor, verschlimmerte sich seine existenzielle Situation schlagartig. Von einem Tag zum anderen war er nicht mehr in der Lage, mir eines seiner traditionellen Schweinekoteletts zu braten, einen Kartoffelbrei aus der Tüte anzurühren und einen pappig süßen Wein aus Tokaj auf den Tisch zu stellen. Der alte Gastfreund von einst, der Regisseur des kultivierten Symposions antiker Prägung, sah sich plötzlich außerstande, seinen alten Freund aus dem Untergrund zu bewirten. Ihm fehlte selbst der billige Instantkaffee, den er in dem vom Mangel geprägten Temeschburg fast immer zu besorgen wusste. „Ich wollte dir dein Steak braten – aber sie haben mir selbst zehn Mark verweigert“, entschuldigte er sich ganz betrübt, als er mir überhaupt nichts mehr kredenzen konnte. Wie viele Künstler hatten im Elend gelebt und ausgeharrt – oder waren daran gescheitert. War Felix jetzt an der Reihe?

Während meines letzten Besuchs in Dortmund hatte ich keine Rosen mitgebracht, denn die Zeit der Rosen und der Eheharmonien war verflogen, sondern eine Platte, von der ich annahm, dass sie ihn erfreuen würde. Die Zeit der Liebe war verklungen. Die Vögel hatten ausgesungen. Was noch blieb, war Musik aus der Konserve. Eine Rarität – es war das Capriccio von Felix Mendelssohn-Bartholdy, vom Namensvetter und Idol. Nachdem wir uns mit einigen Kleinigkeiten, die ich aus einem benachbarten Tante-Emma-Laden geholt hatte, gestärkt hatten und der feurige Ungarwein samtrot aus der Tulpe schimmerte, legte ich die Komposition auf. Im Sessel zurückgelehnt, die Gläser in den Händen, hörten wir vertieft zu – herzergreifende Musik der Wehmut in Moll; Musik gewordenes Erleiden, ganz nahe an der Melancholie. Die Seele erbebte – und die Tränen waren nicht weit. War es eine Vorahnung, dass wir das letzte Mal zusammensaßen, in Gedanken an die höheren Sphären der Musik und des Geistes – und immer noch im festen Glauben daran, während äußerlich Ideale und Würde verrauschten? War es ein Hinweis darauf, dass die kurzen Hochs in Dur bald von langen Tiefs in Moll verdrängt wurden? Kam die Trauer zurück und die Passion? Für beide? Ich sah ihn in sich versunken, ins Leere starren, erfüllt vom Schmerz der Musik, der Trost spendete und Balsam war für eine Seele, die von der Außenwelt gemartert wurde.

Felix – der Glückliche! Er hatte nicht viel Glück gehabt im Leben. Doch was ist Glück? Ein elementares anthropologisches Phänomen, das jeden betrifft, nach dem jeder intuitiv sucht und das jeder auf seine Weise zur Erfüllung bringen will. Die Philosophen der Jahrtausende haben darauf geantwortet – in vielen Tausend gescheiten Sätzen und so manche Dichter aller Völker und Nationen. „Ach Menschenherz, was ist dein Glück?“ So fragt Lenau und antwortet darauf: „Ein rätselhaft geborener, und, kaum gegrüßt, verlorner Augenblick!“ Um Felix hatte es einen weiten Bogen gemacht, das Zerbrechliche!

Und was war mit mir? War ich jetzt glücklich, wo ich in Freiheit war – und tun und lassen konnte, was ich wollte, nur von einem selbst auferlegten kategorischen Imperativ beschränkt? Die Donau hatte mich nicht verschlungen, sondern mich wieder ausgespien, wie der große Fisch Jonas ausgespien hatte – auf einen Wink von oben hin. Jetzt war ich der Fisch im Wasser – und frei wie ein Vogel. Die Kindheit war vollendet. Mehrfach war ich der Mausefalle entronnen, der kleinen und der großen – jetzt war ich wirklich frei und in einem Zustand, den ich nie mehr preisgeben wollte. Ja, so kann man Glück auch definieren: Freiheit, das ist Glück!

„Carl“, hatte Felix noch in einem letzten Anflug von tiefer Resignation zu mir gesagt, „der Feind wird gut empfangen in Deutschland! Doch auf uns hört hier niemand!“ Mit dem Feind meinte er ein kleines Häufchen Linksintellektueller aus der Temeschburger Literaturszene, Akteure aus jener nicht repräsentativen Minderheit der Banater Minderheit der Donauschwaben, die inzwischen in die Bundesrepublik einreisten und deren schamlose Selbstinszenierung als Verfolgte und Widerständler ihn beleidigte. Er hatte irgendwoher erfahren, dass Berwanger, den er stets als Handlanger der Kommunisten in Temeschburg empfunden hatte, in Deutschland recht freundlich, ja wohlwollend empfangen worden war. Das erschien ihm ungeheuerlich. Darüber hinaus hatte ihm ein linker katholischer Pfarrer aus der APO-Generation jene unselige Spiegelrezension vor die Nase gehalten, in dem sein geliebtes Banat aus unberufenem Munde als rückständiges Reich des Bösen, als die „Hölle auf Erden“ dämonisiert worden war. Nicht ihm, dem deutschen Patrioten und Christen, glaubte man in Dortmund, sondern anderen, die zwar weniger erlebt hatten als er, aber viel besser kommunizierten. Felix war kein Marketingexperte, der klapperte, um das Geschäft zu fördern, er war auch kein Public Relations-Genie, der wusste, wie man die Medien mit PR-Gags manipuliert, um sie geschickt für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Er war lediglich ein konservativer „Zeitzeuge“, ein aufrichtiger Mahner alter Schule, der das berichtete, was er tatsächlich erlebt hatte.

Felix fühlte sich nach den Verunglimpfungen des Banats in der Presse persönlich zurückgesetzt und beleidigt. Es kränkte ihn sehr, dass die aus seiner Sicht naiven Intellektuellen der Bundesrepublik, unter ihnen auch Hochschullehrer mit lebensfremden politischen Vorstellungen und totaler Unkenntnis der Verhältnisse in den Ostblockstaaten, die Selbstmythisierung einzelner nicht durchschauten.

Als die Not groß war, konnte man die Andersdenkenden und Dissidenten im offenen Widerstand an den Fingern abzählen – landesweit; Dichter wie Dinescu bezeugten es. Und danach? Nach der Revolution und dem Sturz des Diktators, als die individuelle Bedrohung weggefallen war, kamen sie aus allen Löchern und Verstecken und gaben sich als „innere Dissidenten“ aus, als solche, die immer schon opponiert hatten mit der „Metapher“ aus dem Verborgenen heraus, doch unter der Tarnkappe versteckt wie Alberich. Déjà-vu?

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