Die „Idylle vom Bodensee“ und ihr tristes Ende

 Was folgte, kam einem Eklat gleich. Nicht die Gerechtigkeit sollte sich durchsetzen, sondern wie immer und überall: die Macht. Eine Untersuchungskommission rückte an, auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Die „unmittelbarer Betroffenen“ wurden getrennt befragt, unter ihnen mehrere sensible, leicht einzuschüchternde Mädchen, die keinem autoritären Druck gewachsen waren. Sie ließen sich rasch in die Enge treiben und zum Rückzug bewegen; sie schwiegen bald, widerriefen unter dem Druck der so milden Inquisition oder bestätigten die von mir angeblich unbegründet in die Welt gesetzten Vorwürfe „nicht“. Menschliches, Allzumenschliches auch hier.

Während die Wahrheitsfindungskommission ihrer Arbeit nachging und bemüht war, der „ganzen Wahrheit auf die Spur zu kommen“, zog mein Deutschlehrer eigene Erkundungen über mich ein – im fernen Banat, über den Eisernen Vorhang hinweg, und fand über kooperationsfreudige Landsleute – man höre und staune: aus Nitzkydorf und Sackelhausen – heraus, dass ich immer schon ein aufmüpfiger Rebell gewesen sei, ein Tunichtgut, einer, der sich gegen Autoritäten auflehnte, gegen den Staat, ein Taugenichts und Nichtsnutz, an dessen charakterlicher Integrität man durchaus zweifeln konnte, ein Verführer, der gerade für noch jüngere Menschen gefährlich werden konnte. Leute, die in ihrem Leben nichts gewagt und auch nichts für andere getan hatten, Personen, die mir noch nie begegnet waren, beurteilten mich und mein Verhalten aus der Ferne wie einen Schurken. Und der angegriffene Übermensch nutzte „Stasimethoden“, um mich in Verruf zu bringen.

In der Petition hatte ich unpragmatisch und wenig vorausschauend die Auswechslung des Lehrers gefordert, als letzte Konsequenz in einer Sache, die mir prinzipiell verfahren schien. Als der Sturm verrauscht war und die Wogen sich wieder glätteten, blieb nur ein „Geschädigter“ zurück. Nach einigen Gesprächen mit den Beteiligten und angesichts einer für mich atmosphärisch eingetrübten Gesamtsituation, die meinen Abiturnotenschnitt vielleicht sogar gefährdete, ließ ich mich zu einem modrig faulen Kompromiss überreden, der allen die Möglichkeit bot, „das Gesicht zu wahren“.

Der altruistisch motivierte Aufruhr erwies sich als Bumerang und prallte auf mich zurück. Schon nach einigen Wochen sollte ich einlenken und die Schule wechseln, den „schönen Ort“ verlassen, um in einem ähnlichen Kurs in Rottweil am Neckar weiter zu machen, an der Pforte des Schwarzwaldes, der mir damals – ungeachtet aller Vertrautheit aus den Kindertagen – wie ein Sibirien erschein. Fast fühlte ich wie Ovid, als er in die Wüsteneien der Verbannung geschickt wurde. Doch ich fügte mich und ging – nur weniger aus Einsicht, sondern bestimmt von der Erkenntnis, dass auch in einem rechtstaatlichen System garantierte Werte wie Menschenwürde und Gerechtigkeit nicht immer durchgesetzt werden können.

Auf dem „Kerbholz der Freiheit“ wurde eine zweite Kerbe eingeschnitten; tiefer als die erste. Und der Schmerz, den ich dabei empfand, war substanzieller. Die Desillusionierung nahm ihren Lauf. Das Ideal der Freiheit bröckelte weiter. Diese ersten bitteren Lehren erinnerten mich der mahnenden Worte jenes „Securitate-“ Generals vor dem Haftantritt, in denen er mir die Kollision mit dem Wertedenken des Westens geweissagt hatte: „Einmal Dissident, immer Dissident!“?

War dies nunmehr der Auftakt zu neuer Rebellion oder der Anfang vom Rückzug aus der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung? Ikarus hatte sich die Flügel an der Sonne verbrannt, war in den See gestürzt und zum Fisch metamorphosiert, zum Feuerfisch. Doch bald verließ der Fisch den stillen See und suchte Zuflucht im tosenden Fluss, wo es einfacher war, gegen die Strömung zu schwimmen.

Meersburg, der „schöne Ort“ am See, an den ich in späteren Jahren immer wieder gerne zurückkehrte, trotz des Negativerlebnisses mit „einer“ Person, hatte trotzdem seinen Zweck erfüllt. Ungeachtet der herben Erfahrung ermöglichte er mir den harmonischen Einstieg in das Leben der Bundesrepublik Deutschland, in die Normalität des Alltags, die gerade ich, „zwischen Jekyll und Hyde schwebend“, so dringend nötig hatte.

Schöne Tage verlebte ich am See – sorglose Tage der Liebe und des Glücks. Und das Kind meiner ersten Liebe entstammte der Beziehung, die dort ihren Anfang nahm. Gleichzeitig ließen die jüngst gemachten Erfahrungen einen schalen Geschmack zurück, der darauf verwies, dass nicht alle gut gemeinten Engagements auf fruchtbaren Boden fallen. Wieder hatte ich erfahren müssen, wie sehr die Anstrengungen und Bemühen vieler Menschen, den Neubürgern eine angemessene Integration zu ermöglichen, von den ressentimentbestimmten Handlungen einer Einzelperson zunichtegemacht werden konnten.

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