Der „Philosoph“ Heinrich Rombach – „Phänomenologie der Freiheit“

 

Der andere Heidegger-Schüler war Heinrich Rombach, mein langjähriger Lehrer und Doktorvater, dessen Vorlesungen und Kolloquien ich – teils bei Wasser, teils bei Wein im dionysischen Kreis – über die Jahre hinweg besuchte.

Heinrich Rombach, 1923 in Freiburg geboren, unterschied sich von anderen Philosophiedozenten an deutschen Universitäten vor allem dadurch, dass er nicht nur ein akademischer Lehrer, sondern ein „Philosoph“ war, ein eigenständiger und zugleich eigenwilliger Denker, der originelle Denkansätze vertrat. Als ich nach Würzburg kam und ihm begegnete, war er bereits ein berühmter Mann, der oft vor großem Auditorium im Toskana-Saal las. Er hatte bei Heidegger studiert, bis die Alliierten diesem als Folge von Verstrickungen in den Nationalsozialismus die Lehrerlaubnis entzogen. Einer Empfehlung seines Lehrers folgend, verlegte sich Rombach von Physik ganz auf Philosophie und exponierte seine eigenen Ansätze in der Arbeit „Über Ursprung und Wesen der Frage“, die von Heidegger als beachtlich eingestuft worden war. Bereits in dieser zur Dissertation ausgebauten Arbeit, werden die Grundzüge von Rombachs späterem Philosophieren deutlich, das die kritische Phänomenologie Martin Heideggers und Eugen Finks weiter denkt.

Rombach geht davon aus, dass sich der philosophierende Geist nicht mehr mit einer objektiven Phänomenbeschreibung von außen begnügen darf, sondern dass er im Phänomen steht und von dort aus im Erleben des Phänomens, dessen Strukturen offen legt. Den Schlüssel dazu fand Rombach bei Pascal, den er aus seiner Sicht neu interpretierte. Ergebnis dieses Zugangs war das zweibändige Werk „Substanz, System, Struktur“, in welchem er den großen Epochen der Philosophiegeschichte, der Antike und dem Mittelalter, der Neuzeit je einen ordnenden Begriff zugrunde legt und dabei als Alternative zur Substanz und zum System seinen Leitbegriff Struktur anbietet. Die weiteren Werke „Strukturontologie“ und „Strukturanthropologie“ weiten diesen Denkansatz aus und vertiefen ihn. Rombachs Strukturontologie weist einen Untertitel auf, in welchem meine Annäherung an sein Philosophieren einsetzte: „Eine Phänomenologie der Freiheit“.

Dieser Ansatz führte weiter zur Kategorie des „menschlichen Menschen“ und in den Bereich der „Konkreativität“, Gedanken, die mir die Möglichkeit einer philosophischen Integration boten. Sieben Jahre lang erlebte ich das schon in der ersten Schrift verkündete „Mitsein im Kreis“, im Wechselverhältnis, im Dialog, nach seinen Worten – im „Gespräch“ und hatte dabei die Möglichkeit, die Genese der „Strukturanthropologie“ mittelbar und unmittelbar mit zu erleben.

Heinrich Rombach ging davon aus, dass ein phänomenologisches Auge notwendig ist, um bestimmte Strukturen zu erkennen. Zu den wenigen Philosophierenden, die diese spezielle Sicht hatten, gehörte ich bestimmt nicht. Vielmehr beschränkte ich mich darauf, literarisch exponierte Phänomene maieutisch zu heben und hermeneutisch zu vermitteln, indem ich sie kritisch objektivierend methodenpluralistisch deutete und beschrieb – vor allem Phänomene der Romantik wie die Einsamkeit, das Streben, die Wanderschaft, den Weg und lebensphilosophische oder existenzphilosophische Grundphänomene wie Angst, Leiden, Liebe und Tod.

„Was wollen Sie einmal mit Philosophie in der Realität anfangen, in unserer Welt, die mit Philosophie genauso wenig anzufangen weiß wie vor zweitausend Jahren?“ fragte mich Rombach während unserer ersten Begegnung, nicht weniger verantwortungsbewusst und mahnend wie einst Karl Jaspers im Dialog mit Herbert. Meine Antwort fiel ausweichend aus, doch plausibel, indem ich generell den grundlegenden Charakter der Philosophie als „Weltwissenschaft“ – wie es der große Rivale vor Ort Rudolph Berlinger formulierte – hervorhob, als die denkerische Basis für alle anderen Wissenschaften und Künste. Das entsprach dem klassischen Bildungsideal des Humanismus, das in neuster Zeit der Computerisierung geopfert wird. Wir hatten fast ein Jahrzehnt, um uns näher kennenzulernen. „Rombach hatte die Gabe, als akademischer Lehrer seine Zuhörer in den Bann zu ziehen, nicht nur philosophisches Wissen zu vermitteln, sondern sie zum Philosophieren selbst zu bringen. Rombach gehört zu den ungewöhnlichsten Philosophiegestalten der Gegenwart, denn trotz des Bewusstseins der historischen Gebundenheit der Philosophie hat er eine eigenständige philosophische Forschungsrichtung eröffnet“, betont Thomas Franz und ergänzt: „An Rombachs Philosophieren scheiden sich die Geister, da er die gängigen Muster des philosophischen Lehrbetriebs sprengt.“ Jeder, der viele Jahre um ihn war und seine Art des Philosophierens erlebte, wird zu einem vergleichbaren Urteil kommen.

Als ich in den Kreis um Rombach aufgenommen wurde, hatte er weitgehend Jünger um sich, die sich als Schüler verstanden. Es waren langjährige Wegbegleiter des Philosophen, ausgesprochene Phänomenologen, während ich, der ethisch Ausgerichtete, nur anthropologische Phänomene beschrieb, ohne mich ausschließlich dieser einen Zugangsform auszuliefern. Das führte zu einer Sonderrolle, aber auch zu einer gesunden Distanz, die meine geistige Freiheit begründete und wahrte.

Mit seinem gesundheitsbedingten Rückzug in der Mitte der Neunziger Jahre und seinem späteren Tod endete auch mein im Jahr 1993 bei ihm aufgenommenes Promotionsprojekt über das „Phänomen des Faustischen“ in der Geistesgeschichte, ein Projekt, das ich – nach den Schlammschlachten am germanistischen Institut ins Philosophische ausgeweitet zunächst neben dem Beruf fortführte, es aber aus existenziellen Gründen später nicht mehr abschließen konnte.

Eine Arbeit über das „anthropologische Grundphänomen Einsamkeit“ war den Studien vorausgegangen. Nach dem Rückzug Rombachs aus Forschung und Lehre kam es auch zu einer Stagnation meiner Promotionsarbeiten. Der Broterwerb eines geistigen Menschen, der auch eine Familie zu ernähren hat, spielte dabei eine weitere nicht unerhebliche Rolle.

1986 wurde zum einschneidenden Jahr. Während das rumänische Exil mit dem Tod Mircea Eliades sein vielleicht prominentestes Gesicht verlor, wurde meine Tochter Melanie geboren. Familiäre Pflichten kamen auf mich zu – und unterschiedliche Aufgaben im akademischen Sektor. Parallel dazu erarbeitete ich die Lenau-Monografie, die allerdings erst im September des Jahres 1989 in Heidelberg erschien. Jenes Buch war ein Projekt, das ich den nicht immer günstigen existenziellen Umständen abgetrotzt hatte, interessiert, unabhängig von meiner und Lenaus Herkunft, ein Werk über den Dichter zu schreiben, das durch seine freie Konzeption bestechen sollte. Obwohl im Banat geboren, sollte Lenau nicht – wie einst bei Adam Müller Guttenbrunn – als regionaler Mythos verklärt werden; vielmehr sollte der bedeutende Dichter aus sich heraus wirken, ohne als „Ikone einer Verehrergemeinde“ vereinnahmt zu werden. Die gleiche Ambition reklamierte ich für mich und für mein Schaffen – jeden Bonus, der mit früherer Verfolgung und Dissidenz zusammenhing, ablehnend. Bescheiden geworden, wollte ich nur als ganz normaler Forscher arbeiten, publizieren und für eine Sache eintreten, ohne die politische Haltung oder die Herkunft einzubeziehen. Lenau wurde unabhängig von seinem Banater Geburtsort behandelt, nämlich als bedeutender Dichter der Spätromantik und als der wohl größte Lyriker Österreichs im 19. Jahrhundert – also schrieb ich nicht über einen genialen Landsmann aus dem heimatlichen Heideland, sondern über einen weltanschaulich vielfach verwandten Geist, der zufällig unweit meiner Geburtsstätte das Licht der Welt erblickt hatte.

Keiner der Rezensenten und keiner aus der Landsmannschaft der Banater Schwaben, die mein Buch vielleicht nicht einmal registrierten, wusste davon, dass der Autor wie Lenau aus dem Banat stammt. Das regional-heimatliche „Klappern und Trommeln“ hatte ich nicht vergessen, sondern bewusst unterlassen, überzeugt davon, dass sich ein Wert an sich immer durchsetzen würde. Das war eine Frage der Ehre und der wissenschaftlichen Integrität. Auf meinem geraden Weg zum Ziel hin verkannte ich sicher einige Mechanismen des Marktes, bestimmt auch einige akademische Spielregeln, die nicht nur einen konzilianten Stil, sondern auch ein recht hohes Maß an Heuchelei erwarten. Bis sich schließlich das, was ich als Wert erachtete, tatsächlich durchsetzte, musste allerdings viel Zeit vergehen.

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