Der „bessere Deutsche“ als „besserer Mensch“

 Nur der vierte Mann, unser Deutschlehrer, tanzte aus dem harmonischen Reigen. Er war ein „Flüchtling aus Böhmen“ und stolz darauf, Martin Walser bei einer Lesung einmal die Hand geschüttelt zu haben.

Groß war er nicht, glaubte aber Größe zu besitzen; schließlich beschäftigte er sich mit Geschichte und Philosophie und sah sich dementsprechend als Denker. Seine Bewusstseinshaltung verwies irgendwo auf das Übermenschentum des Doktor Faust. Uns halbe Untermenschen, einige davon aus seiner Heimat Böhmen, schien er mehr aus Pflicht zu unterrichten als aus Leidenschaft. Fern erinnerte er mich an den unmöglichen Pädagogen Theophil, an den kauzigen Liebling der Götter, der uns einst aus dem Ressentiment heraus unterrichtet und in den Schülern seine „natürlichen Feinde“ gesehen hatte. Sympathie jedenfalls kam keine auf. Im Gegenteil – ich eckte an, und wir misstrauten uns gegenseitig einfach so – und von Anfang an.

Manches an dem zerknirscht, ja griesgrämig dreinblickenden Pedanten war mir suspekt. Seine Methoden, Wissen abzufragen, widerstrebten mir ebenso wie seine Art, solches weiter zu geben. Doch neben der verschrobenen Pädagogik irritierte mich sein Stil permanenter Selbstinszenierung, die in Absetzung von den sprachlich weniger perfekten Schülern aus Schlesien und – man will es nicht glauben – aus Böhmen vollzogen wurde. Wo eine schnelle und effiziente „Integration der Neubürger“ angesagt war, polarisierte dieser „Lehrer“, indem er „brandmarkte“ und ausgrenzte; doch agierte er nicht grob und plump wie der rabiate Götterfreund im „willkürlichen sozialistischen Bildungssystem“, sondern perfide subtil von höherer Warte aus, aus der übermenschlichen Perspektive des großen Individuums. Manchmal gebärdete sich der kleine Mann wie ein Genie, das auf einen Haufen Idioten trifft. So etwas ging an die Substanz und tangierte die Würde der Betroffenen. Wie oft hatte ich in den letzten Jahren gegen ähnliche Formen der Arroganz und des misanthropischen Ressentiments angekämpft, hinter dem Verachtung, Hass und Hetze lauerten?

In der Willkürherrschaft eines totalitären Systems, in einer kommunistischen Diktatur, wunderte das keinen! Doch hier und jetzt? Hatte ich das alles wieder, Überheblichkeit, Anmaßung? Auf dem Boden eines Staates mit einer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung, die auf der Würde des Menschen aufbaute!?

Bisher hatte ich laut aufgeschrien und mit Zola gerufen: „J’accuse!“ Sollte ich jetzt aus „reinem Opportunismus heraus den Schweif“ einziehen, wie der feige Wolf in der Fabel und kuschen? Hier genauso parieren und verstummen, wie andere hinter dem Eisernen Vorhang zu permanenten Verbrechen schwiegen, nur um sich einen Vorteil zu sichern und obwohl sie redliche Intellektuelle sein wollten? Was war alle bisherige Dissidenz wert, das Ankämpfen gegen die Hydra und gegen das Heer der Basilisken, wenn ich jetzt schwieg?

Als er eines Tages die zynische These herausposaunte, einige aus der Gruppe der Böhmen und Schlesier könnten sich von der Vorstellung, einst Germanistik studieren zu wollen, schon jetzt verabschieden, weil die sprachlichen Voraussetzungen unzulänglich seien, ging ich – als natürlicher „Advocatus diaboli“ in Sachen Menschenrechte – auf Konfrontationskurs, widersprach und steigerte das Ganze zu der schon früher eingeübten Polemik, die ich damals noch als intellektuelle Herausforderung empfand.

Der sonderbare Deutschlehrer hingegen, der sich selbst als uneingeschränkte Autorität empfand, den breiten Gesichtskreis und vielfache Sachkompetenz vor unserem bescheidenen Auditorium stets hervorkehrend, sah darin den „geworfenen Fehdehandschuh“, den er auch begierig aufgriff, um allen zu beweisen, wer hier der Lehrer ist und wer der Schüler. Daraus wurde ein Anschauungsunterricht über die Durchsetzung des Willens zur Macht – nur einmal anders als bei den Kommunisten.

Die Sache eskalierte. Während er mich mit subtilen Drohungen aller Art in die Schranken weisen und zum braven Biedermann zurechtstutzen wollte, erwachte in mir die noch längst nicht zur Ruhe gekommene Kämpfernatur des Opponenten, der auch in einer Diktatur die Respektierung der Menschenrechte eingefordert hatte. Einem Anwalt der Entrechteten gleich, der nicht mehr einfordert als die „Beachtung der verfassungsrechtlich garantierten Würde des Menschen“, entschloss ich mich zum Handeln. Nicht anders als im kommunistischen Rumänien praktiziert, setzte ich eine lange Petition auf, die sich an die Adresse der uns betreuenden Bundesorganisation in Bonn richtete und schilderte darin die Diskriminierungsmaßnahmen, mit denen meine Mitschüler aus Schlesien und Böhmen konfrontiert wurden. Im Überschwang und in Selbstüberschätzung zog ich natürlich auch wieder einige Register der Polemik und schilderte einiges überspitzt, ohne jedoch den wahren Kern der Problematik, die Kränkung, Erniedrigung, Demütigung, und die offensichtliche Demotivation aus den Augen zu verlieren. Am meisten irritierte mich bei den Vorfällen der identitätsspezifische Aspekt der Materie, nämlich die Tatsache, dass ein übermenschlicher Homunkulus, der zufällig selbst aus den böhmischen Wäldern stammte, seine eigenen, etwas später eingetroffenen Landsleute kritisch ins Visier nahm, um sie in maßloser Selbstvergessenheit herab zu würdigen. Stutzte da ein verkrüppelter Schwan das hässliche junge Entlein zurecht! War das nicht abwegig, gar schizophren?

Da war sie wieder – die Identitätsfrage als Identitätsproblem. Wer war „Deutscher“, unabhängig von der klaren Definition im „Grundgesetz“ – und wer sprach noch richtig deutsch? Der Zerknirschte, der nach der alten „Lex sanguinis“ nicht deutscher war als andere Deutsche, war als „Unbehauster“ gleich nach dem Krieg ins alte Reichsgebiet geflohen, während viele seiner sudetendeutschen Landleute mit langsameren Sohlen und weniger Glück zu Hunderttausenden in gegen Deutsche gerichtete Pogrome von chauvinistischen Tschechen und Slowaken niedergemetzelt worden waren. Das hatte der „Historiker“ wohl vergessen? Als er „heim ins Reich“ flüchtete, brachte er ein noch intakteres Deutsch mit, das Deutsch als Muttersprache, eine Art Luxus, der nicht allen Deutschen, die nach 1945 in Osteuropa aufwachsen mussten, vergönnt war. Sie hatten die Folgen des Krieges, den sie nicht herauf beschworen hatten, unmittelbar auszutragen, oft unter der notwendigen Preisgabe ihrer „deutschen Identität“. Das ignorierte der „ahistorische Denker!?“

Die Ausdrucksweise meiner Mitschüler, die allesamt als Opfer sozialistischer Minderheitenpolitik angesehen werden konnten, war sicherlich nicht ganz perfekt, nur „ohne eigene Schuld“. Was war den aufstrebenden, jungen Menschen vorzuwerfen? Und stand ihm, einem „Pädagogen“, der Aufbauarbeit zu leisten hatte, denn dafür wurde er vom Staat bezahlt, eine „beleidigende Abkanzelung“ anderer zu?

Das Wort „Mobbing“ war noch nicht erfunden. Aber das „Phänomen“ als solches war schon da. Wollte der kleine Übermensch ein „besserer Deutscher“ sein, ein besseres Chamäleon aus der gleichen Brut und aus demselben Nest? War das gerecht? Und nahm seine Haltung Rücksicht auf die Würde der einst Verfolgten? Und war der „bessere Deutsche“ zugleich ein „besserer Mensch?

Die Ungerechtigkeiten rüttelten mich auf und verfolgten mich selbst im Schlaf. Wo war ich gelandet? Damals fühlte ich eindeutig, aufmucken und rebellieren zu müssen: und ich protestierte nicht nur als „partiell Betroffener“, sondern „im Namen der anderen Mitschüler“ so vehement ich konnte – nur diesmal nicht gegen ein entartetes, die Menschenwürde verkennendes, totalitäres System, sondern gegen Missstände, die von einzelnen unwürdigen Repräsentanten eines demokratischen Staates zu verantworten waren. Taten rücksichtsloser Individuen in verantwortungsvoller Position hatten schon oft zu verheerenden Auswirkungen geführt. Die Geschichte kündete davon und forderte dazu auf, den Anfängen zu wehren, den Anfängen von Stigmatisierung und Hetze.

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