„Werke der Freiheit“ – philosophische Orientierung bei Rudolph Berlinger

1985 wechselte ich von der Universität Freiburg an die Universität Würzburg, wo ich ein ganzes Jahrzehnt verbringen sollte und konzentrierte mich dort primär auf die wissenschaftliche Forschung, wobei das nahezu schon abgeschlossene Studium der Politikwissenschaft in den Hintergrund trat und jenem der Germanistik, der Literaturwissenschaft und der Philosophie weichen musste.

Die Politikwissenschaft war in Würzburg aus meiner Sicht wenig reizvoll. Der Ungeist des in die bundesweiten Schlagzeilen geratenen Doktormachers Bossle lag über dem gesamten politologisch-soziologischen Institutsgebäude, hemmte mich und andere und stieß uns ab. Da auch die Lehrenden die atmosphärischen Mängel nicht ausgleichen konnten, distanzierte ich mich recht schnell von der gesamten Fakultät und fokussierte zunächst auf die Philosophie, deren drei Lehrstühle allesamt in den vornehmen Räumen der Residenz untergebracht waren. Bevor ich jedoch meinen beiden langjährigen Lehrern begegnete, sah ich mich gründlich um und studierte mehr die Dozenten als den Stoff, auf der Suche nach einem persönlichen Verhältnis zu den Lehrenden.

In Freiburg hatte ich bei einigen Nachfahren Martin Heideggers studiert, bei Professoren, die den Nachlass des Existenzphilosophen und Ontologen von Weltruf betreuten und diesen in historisch-kritischen Werkausgaben herausgaben. Dabei hatte ich auch etwas von der Bergluft geschnuppert, die einem bei Todtnauberg, wo Heideggers Hütte steht, um die Ohren weht. Der Zufall wollte es, dass ich gerade in der Residenzstadt am Main weiter machte, in einem Geistesumfeld, das dem Denken Martin Heideggers sehr verpflichtet war. Als die Städte Augsburg, Regensburg und München zur Wahl standen, wo ich zusammen mit meiner späteren Ehefrau weiter zu studieren beabsichtigte, entschied ich mich – nachdem ich den Garten und die Räume der Residenz gesehen hatte – spontan für Würzburg, weitgehend aus ästhetischen Gründen.

Das schöne Ambiente des Philosophierens beeindruckte mich mehr als die Fortsetzung phänomenologischer Studien bei hier wirkenden Dozenten, die Martin Heidegger viele Jahre hindurch nahe standen.

In Freiburg hatten wir oben auf dem Berg in der Blockhütte philosophiert. In Würzburg fanden die philosophischen Gespräche über den „menschlichen Menschen“, über das Wesen von Wahrheit und Freiheit, über das Sein und das Nichts, über In-der-Welt-sein, über Angst und Geworfenheit, über Sorge und Todeserfahrung – und über das Nichten des Nichts oft unter den Fresken Tiepolos statt, nicht selten bei einer Flasche Frankenwein im Kolloquium der Fortgeschrittenen, wenn es etwas zum Feiern gab.

Würzburg war seinerzeit eine Hochburg der Phänomenologie, einer Geistesrichtung, der auch einige rumänische Köpfe recht nahe standen; unter ihnen Ionesco, Eliade, der Musiker Celibidache und – in der Verborgenheit – im fernen siebenbürgischen Păltiniş der Noica-Schüler Gabriel Liiceanu, der heute der rumänischen Gesellschaft für Phänomenologie vorsteht. Die Erforschung des Urgrunds und der Wesenheiten, der Basis- und Epiphänomene stand hoch im Kurs. Würzburg bot mir eine phänomenologische Kontinuität an, die ich so nicht erwartet hatte, da ich, bei aller Existenzbezogenheit, doch ins Positivistische tendierte und eher ein Freund der praktischen Philosophie war, speziell der Ethik und der Staatsphilosophie. Das konkret Erlebte war dafür verantwortlich und legte mich auch geistig fest, während andere unbelastete Kommilitonen sich auch in kühnste Abstraktionen versteigern konnten. Trotzdem ging ich einen Teil der Wegstrecke zur offenen Lichtung hin mit, als Kuckucksei zwar und als krasser Außenseiter im Kreis der wirklichen Phänomenologen; ich wurde aber toleriert und selbst respektiert bis zum Abschluss hin im Februar 1991 und noch länger darüber hinaus.

Als ich, nach dem Studiumsauftakt in Erlangen und zwei unerheblichen Gastspielen in Tübingen und Wien, als Studiosus in Würzburg antrat, erlebte ich noch Rudolph Berlinger, einen Heidegger sehr nahe stehenden Existenzphilosophen, der – ganz in meinem Sinne, doch lange vor meiner Zeit – ein Buch über mein Lieblingsphänomen geschrieben hatte unter dem Titel: „Das Werk der Freiheit“.

Das gute Verhältnis, welches mein späterer Lehrer und Freund Theo Meyer zu ihm unterhielt, bewog mich, den Kontakt zu dem damals bereits emeritierten, doch immer noch lehrenden Philosophen zu suchen.

„Woher kommen Sie?“ fragte mich Berlinger in unserem ersten Gespräch, versuchend meiner geistig-philosophischen Herkunft auf die Spur zu kommen. „Aus Freiburg“, antwortete ich spontan, ohne über den tieferen Sinn der Philosophenworte nachzudenken. „So, so, aus Freiburg kommen Sie also“, gab er mit unveränderter Mine zurück. Da erst fiel mir der leichte ironische Unterton auf. Er hatte herauszufinden versucht, welches mein geistiger Hafen war, was ich von seiner Philosophie wusste und weshalb ich gerade zu ihm kam. Und ich hatte ihm auch geantwortet, blamabel, korrekt, missverständlich und doch sehr aussagekräftig.

Als ich später amüsiert über die komische Situation nachdachte und auch anderen davon erzählte, erinnerte ich mich an das Gespräch, das mein langjähriger Dichterfreund Herbert Metzger aus Pforzheim in seinen Jugendjahren unmittelbar nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft mit Karl Jaspers geführt hatte. „Ergreifen Sie einen bürgerlichen Beruf“, hatte der Existenzphilosoph dem seinerzeit von Hölderlin, Goethe und Steiner berauschten Gedankenlyriker geraten. Herbert, auch heute noch ein Freund der Anthroposophie, hielt sich daran.

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