„Gaya scienza“ im „dionysischen Zirkel“ mit Theo und Freunden

 

Nicht alle Blütenträume reifen, wusste schon Goethe. Jahre an akademischer Erfahrung benötigte ich, um irgendwann zu begreifen, was der Dichterfürst damit meinte. Das Philosophiestudium war eine elitäre Angelegenheit. Es vollzog sich in ästhetischem Ambiente unter den Fresken Tiepolos in den abgeschotteten Hallen der Residenz in stiller Kontemplation, nicht viel anderes als hinter den dicken Mauern eines Klosters. Die grundlegende „Weltwissenschaft“, wie sie Berlinger definierte, blieb einigen wenigen Privilegierten vorbehalten, die sich mitten in der Leistungsgesellschaft diesen an sich realitätsfremden Luxus gönnten, ohne daraus großen praktischen Nutzen ziehen zu können oder zu wollen. An den drei anderen Universitäten hatte ich es nicht viel anders erlebt. Doch die Germanistik war lebendiger und lebensnaher. Zumindest mir erschien sie jahrelang so, weil ich in ihrer poetischen Aura noch unmittelbarer lebte als in der abgeklärt abstrakten Welt des reinen Geistes.

Ausschlaggebend für meine Entscheidung, die „neuere deutsche Literaturgeschichte“ noch mehr in den Mittelpunkt meiner seit Jahren betriebenen Forschungen zu rücken, war die Begegnung mit meinem späteren langjährigen Lehrer Theo Meyer, der damals über Nietzsche arbeitete und Seminare hielt. Lehrstuhlinhaber Professor Schöpf, ein Philosoph und Psychoanalytiker, der sich wohl als einziger unter den Lehrenden mit der von mir favorisierten praktischen Philosophie abgab, lenkte in einem Gespräch über ein mögliches Nietzsche- Projekt meine Aufmerksamkeit auf Theo Meyer: „Oben, am Hubland ist ein Germanist, der sich mit Nietzsche beschäftigt. Vielleicht ist er der richtige Ansprechpartner für Ihr Vorhaben“, wimmelte er mich ab, weil ihm der Überschneidungsbereich von Literatur und Philosophie, der meine eigentliche Domäne war, nicht ganz behagte. Literatur – das war ein weites Feld, das nicht jedermann gerne beackerte. Doch der Tipp war goldrichtig. Als die nächste Nietzsche-Vorlesung Meyers anstand, fuhr ich zum Galgenberg hoch, setzte mich unter die Studierenden und lauschte. Zum Galgenberg? Dorthin, wo lange Zeit willkürlich abgeurteilte Menschen aufgeknüpft worden waren? Welch eine Bezeichnung für einen Ort des Geistes?

In London am Hyde Park, wo früher auch Galgen errichtet worden waren, hatte sich der Unort zu einer Stätte der Freiheit gewandelt, zur „Speakers’ Corner“, wo jedermann auch ohne akademische Qualifikation frei reden konnte. Galt das freie Wort auch für die Schädelstätte oben in Würzburg?

Hexen und Juden waren hier vermutlich exekutiert worden und andere unliebsame Zeitgenossen in großer Zahl. Eigentlich hätte ich stutzig werden sollen! Doch ich dachte mir nichts dabei. Kreuzberge und Hexenkreuze gab es schließlich überall, nicht zuletzt deshalb, weil das Abschlachten von Menschen zum abendländischen Kulturkreis gehörte, nicht nur vor den Toren von Temeschburg, in Freiburg und eben auch in Würzburg. Ahnte ich etwas davon, dass sich in moderner Zeit nur die Form des alten Ritus geändert hatte?

Theo Meyers Nietzsche-Interpretationen ließen mich alle vagen Bedenken vergessen. Was ich mit einigen anderen hundert Studenten hörte, erfüllte mich mit Begeisterung. Nach der Vorlesung, in der ich viel Vertrautes und Verwandtes gehört hatte, ging ich auf Professor Meyer zu, sprach ihn an und berichtete ihm von meinen Nietzsche-Studien und von meinem gerade erst fertiggestellten Aufsatz über den „jungen Nietzsche“, genauer über die Beschäftigung des Pforta-Schülers Friedrich Nietzsche mit der Dichtung Lenaus, dessen Druckfahnen mir gerade aus Wien zugegangen waren. „Ihr Aufsatz interessiert mich brennend“, reagierte Meyer mit einer Begeisterungsfähigkeit, wie ich sie unter Philologen noch nicht erlebt hatte.

Von der Stunde an wurden wir Freunde auf Lebenszeit. Die Basis dafür war eben – neben einer spontan feststellbaren, menschlich-geistigen Verwandtschaft – mein Aufsatz „Nietzsches Lenau-Rezeption“, in welchen ich gerade ein Jahr Forschungsarbeit investiert hatte. Gleich brachte ich ihm die Korrekturabzüge und erläuterte meine Forschungsarbeiten über den Schulpforten-Schüler Nietzsche, dessen Werk bisher erst marginal im Blickpunkt der auf das umfassende Primärwerk konzentrierten Forschung gestanden hatte. Nachdem Meyer am Tag darauf den Beitrag über die lyrischen Anfänge des wirkungsreichen Philosophen überflogen hatte, begrüßte er mich – nicht als Studierender, sondern, wie er gleich betonte, als „eigenständigen Forscher“. Das publizistische Organ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Zeitschrift „Sprachkunst“, druckte den Aufsatz im Jahr 1986. Das bedeutete für mich, den jungen Studenten, einen kleinen Quantensprung in der Entwicklung – und war, praktisch fünf Jahre vor dem eigentlichen akademischen Magister-Abschluss, bereits der „wissenschaftliche Durchbruch“, ein existenzieller Meilenstein des Bewusstseins, der mir auch die Kraft gab, an meiner umfassenderen Lenau-Monografie, weiter zu arbeiten.

In der nahezu täglichen Begleitung Theo Meyers rückte das Werk Nietzsches zu einem weiteren Beschäftigungsschwerpunkt vor. Ganz im Gegensatz zu Kierkegaard, dessen Schrifttum ich ebenfalls vom Fixpunkt Lenau und dem Don Juan Motiv ausgehend lange studierte, ohne zu eigenen existenziellen Neuansätzen und Impulsen zu gelangen, erwies sich für mich Nietzsche als der am nachhaltigsten wirkende Philosoph überhaupt. Maßgebend war dabei das vertrauensvoll freundschaftliche Verhältnis zu Theo Meyer, das, einmal begründet, ein ganzes Jahrzehnt bis zu seinem endgültigen Rückzug von der Universität, ja darüber hinaus andauerte.

Theo Meyer, der sich auch als Romancier versucht hatte und mit Literaten im Austausch stand, betrieb die Literaturgeschichte mit Leidenschaft. Temperamentvoll, wie er war, brachte er Lebendigkeit in die Veranstaltungen, was auch von den Studierenden besonders honoriert wurde. Seine Lehrveranstaltungen platzten aus allen Nähten, während in anderen Hörsälen gähnende Lehre klaffte. Wir studierten und arbeiteten nicht im distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern im Freundeskreis, der den privaten Bereich mit einbezog. Einst im erlauchten „George-Kreis“ und selbst weiter unten im Toskana-Saal bei Rombach erstrahlte nur eine Sonne, umkreist von vielen selbst erleuchteten Planeten. Wir aber setzten auf das echte „Miteinander“ im konstruktiv kritischen Dialog.

In der Regel holte ich Theo morgens an seinem Domizil ab, in seiner geräumigen Wohnung, die er weitgehend zu einem großen Bücherlager unfunktioniert hatte und in der es nicht viel mehr gab, als einige aus dem Mittelmeer gefischte, antike Statuen sowie ein paar wertvolle Stiche. Wir fuhren hinauf zum Galgenberg, absolvierten die manchmal öden Lehrveranstaltungen mit gelangweilten Studenten, aßen miteinander in der gehobenen Mensa oder im nahen Gasthaus, promenierten durch die Natur, diskutierten lebhaft über politische Tagesthemen und fuhren gegen Abend, oft auch erst spät nach der regulären Sprechstunde, vom Frauenland aus in den Stadtteil Versbach zurück.

Tausende Diskussionen über Gott und die Welt, über deutsche Geschichte und Identität, über Widerstand, über Stalin und Hitler, über Kommunismus und Nationalsozialismus, über jugendliche Albträume und Traumata im bombenerschütterten Solingen, über moralische Imperative, über Pietät, Pflichtethik und Humanum, über Glück und Einsamkeit und über das Leben selbst brachten wir so hinter uns.

Nietzsche war für uns beide ein magischer Fixpunkt, ein Faszinosum als Dichter und Geist. Sein umfassendes, am Leben orientiertes hochbrisantes Denken war ein ständiger Anreiz und eine Aufforderung, es in das tatsächliche Leben einzubeziehen. Wir hielten uns daran, auch im dionysischen Zirkel des Privatbereichs.

An Nietzsche orientiert, erlebten wir die Wissenschaft als „fröhliche Wissenschaft“. Zweitweise überlegte ich sogar – nach den Erfahrungen mit der alsbald gescheiterten Literaturzeitschrift nomen – ein literarisch-philosophisches Blatt herauszugeben, das dieser Geisteshaltung verpflichtet war. Zusammen mit dem alten Freund Klaus, der nach jahrlangem Aufenthalt in Südfrankreich auf meine Anregung hin nach Würzburg gekommen war, die Romanistik absolvierte und am Main auch sein Lebensglück fand, dem westfälischen Freund Jürgen, einem Kommilitonen aus Freiburg, der mich nach Würzburg begleitet hatte und auch einige Jahre blieb – und eben Theo, sollte eine lebensfrohe Zeitschrift entstehen, die die Wissenschaft aus ihrer Verkrampftheit lösen, um sie auch an nichtakademische Leser heranzuführen.

Das Blatt sollte „gaya scienza“ heißen, als Reminiszenz an die einst fröhlich freie Wissenschaft im Land der Troubadoure in der Provence; und als Logo sollte sie das von Leonardo da Vinci entworfene Anthropos-Symbol im Namenszug enthalten als Hinweis darauf, dass – seit der Antike, spätestens jedoch seit der Renaissance –  der Mensch im Mittelpunkt des Kosmos steht. Das ehrgeizige Projekt scheiterte wie so oft primär an materiellen Dingen. Doch der frohe Kreis, in welchem die Geistigkeit auch sinnlich ausgelebt werden konnte, blieb uns über viele Jahre erhalten.

Tagein, tagaus arbeitete ich mit Theo Meyer zusammen und begleitete ihn als Vertrauensperson und Freund durch unzählige Vorlesungen und Seminare. Das war mehr als akademischer Alltag. Während viele Studierende den Kontakt zu den Lehrenden vermissten, standen wir im Daueraustausch, der befruchtend wirkte und die wissenschaftlichen Projekte stimulierte. Zusammen mit einigen anderen Studenten und Freunden bildeten wir um Theo einen „dionysischen Zirkel“, der Frohsinn und Geistigkeit vereinte. Persönliche Gedenktage wurden oft in heiterer Runde bei Frankenwein und Sekt abgehalten. Professor Rombach hielt es ähnlich beim „symphilosophierenden Miteinander“ im Kolloquium. Doch unser Zirkel war lebendiger und intimer.

Neben der deutschen Literaturgeschichte, der eigentlichen Geschichte und der Philosophie, Fächer, die ich regulär belegt hatte und auch abschloss, ging ich in jenen Jahren auch noch den anderen Studien nach, speziell den psychologischen. Parallel zum Studium verfolgte ich eigene Forschungsprojekte, studierte die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts gründlich und arbeitete ganze sieben Jahre an meinem Lenau-Projekt, das im Herbst 1989 in dem traditionsreichen Verlagshaus Carl Winter aus Heidelberg im Rahmen einer akademisch gut eingeführten literaturwissenschaftlichen Reihe erscheinen konnte.

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