„Die Wahrheit wird euch frei machen“ – Freiburger Meditation

 

………….Das Wesen der Wahrheit ist die Freiheit. Martin Heidegger

 

Bis der endgültige Beschwerdetext von der CMT aufgesetzt, bei den Vereinten Nationen eingereicht und schließlich von Genf aus nach Bukarest übermittelt werden konnte, reiste ich noch mehrfach in die Schweiz, um mein Testimonium zu formulieren und die noch anstehenden Aufgaben als Sprecher der freien Werktätigengewerkschaft SLOMR im Westen zu begleiten. Im Herbst 1983, nachdem die Schriftstücke zwischen Genf und Bukarest mehrfach hin und her gewandert waren, sollte ich mich wieder am Genfer See einfinden. Neue, zum Teil widersprüchliche Informationen aus Rumänien, die allerdings nur tröpfchenweise eingingen, führten zu veränderten Erkenntnissen, die in den Zusatzargumentationen berücksichtigt werden mussten. Doch der Weg dahin war kürzer geworden. Denn inzwischen war die alte Bischofsstadt Freiburg, wo ich die Studien fortsetzte, meine neue Heimat, mein Zuhause. Fixpunkt dort war die geistesgeschichtlich besonders traditionsreiche Universität.

Fast jedes Mal, wenn ich auf dem Weg zu den Lehrveranstaltungen in den Hörsälen und in der Aula an dem massigen Frontgebäude vorbei kam, schweifte der Blicke hinauf zu der Aufschrift in Stein, die sich aufdrängte wie ein Appell. Ohne mich dem Ritus des Lesens entziehen zu können, las ich die Sentenz wie einen ideologischen Leitsatz der Kommunisten oder wie eine Werbebotschaft der kapitalistischen Welt – nahezu im Zwang, auch darüber nachzudenken zu müssen. Andere Parolen, von denen ich Tausende auf Transparenten gesehen hatte, waren leicht zu ignorieren, weil das Unterbewusstsein bereits ihre Unwichtigkeit durchschaut und sie abgehakt hatte, bevor sie weiterwirkten; doch nicht diese hier. Der Ausspruch vor den Augen und vor den Gewissen wurde von schweren Begriffen getragen, von Begriffen, über die vor mir ganze Heerscharen von Denkern aller Kulturen reflektiert hatten, beginnend mit den alten Zivilisationen bis zu dem Zeitpunkt, wo die Fragen nach Wahrheit und – oder Freiheit in mein Leben traten. Er war anders und wirkte wie ein rufendes „Erkenne dich selbst“ oder ein mahnendes Memento mori. An diesem Satz vorbeischauen? Unmöglich! Das philosophische Gewissen ließ es nicht zu, ihn zu ignorieren.

Wenn ich dann in den Räumen der Bibliothek gelegentlich über Büchern brütete und dabei das Haupt anhob, um die Augen etwas zu entlasten und durchzuatmen, streiften die entschweifenden Blicke erneut dieselbe Sentenz und blieben an den goldenen Lettern hängen. Da war sie wieder, die Botschaft von Wahrheit und Freiheit, der leitmotivische Appell im Bordeauxrot des Sandsteins, der bannte und der kein Entziehen duldete. Als Kind war ich irgendwann darauf gestoßen, als fragendes Kind und bald danach als fragender Rebell. Wer hatte ihn wirklich formuliert? War es tatsächlich Paulus, wie ich vermutete? Oder war dies nur ein anonymes Zitat? Ein Glaubenssatz und keine philosophische Antwort auf eine Grundfrage? Und vor allem was bedeutete er für mich, für meinen Werdegang? Konnte ich der Botschaft, falls ich sie überhaupt richtig auffasste, immer noch zustimmen – wie damals als junger Idealist – oder musste ich inzwischen widersprechen?

Die Wahrheit erscheint in vielen Ausformungen – wie die Freiheit. Vielleicht hatten pietätvolle Freiburger die Worte in die Frontseite ihrer Universität meißeln lassen, um daran zu erinnern, dass es der Glaube ist, der alles wirkt und schafft – und nicht die Kraft oder der Geist oder gar der freie Geist. Sie thronen dort, repräsentativ für die Weisheit der Bibel, aus der sie wohl entnommen sind, erhaben über der Burg des Geistes, als wollten sie nur das Eine zulassen, die eine Wahrheit, die eine Gewissheit, während das heidnische Gegengift zu dieser Geisteshaltung in die niederen Sphären verbannt wird.

Dort unten an der Pforte sitzen – in Erz gebannt, zeitlos und für die Ewigkeit geschaffen, Homeros der Dichter der Hellenen und Aristoteles – der erste ganz große Freund der Weisheit wie Hadeswächter vor dem Himmelstor. Wer zu höheren Sphären strebt, wer die Geistesschmiede betreten, in ihr bestehen und zu höheren Weihen gelangen will, muss an den Giganten vorbei. „Bis du in den Himmel gelangst, fressen dich Heiligen auf“, hatte ein Häftling einst gespottet, als ich ihm etwas vom menschlichen Glück und vom letzten Sinn des Menschenlebens erzählen wollte. Viel redliches Bemühen lag auf diesem Weg; doch auch die Hoffnung auf Erlösung.

Es war wohl auf dem ersten Weg nach Genf, als mich die funkelnden Schriftzeichen in ihren Bann zogen. Goldig im Licht erstrahlend verlockten sie zum Nachdenken. Sie luden zur Meditation ein, zur bolerohaften Meditation über großer Begriffe. Doch sie wirkten schon damals nicht unmittelbar, durchschlagend wie große, klare Wahrheiten wirken, sondern in einem merkwürdigen Zwiespalt, der mich länger beschäftigte und mich immer dazu verleitete, tiefer über die wuchtigen Begriffe der Sentenz nachzudenken. Einerseits fühlte ich mich durch die Botschaft elektrisiert und wie vom einschlagenden Blitz berührt, der gerade das wachrüttelt, was im Kern ruht – das Wesenhafte, das grundlegend Existenzbestimmende: Die Wahrheit war das, woran ich immer fest geglaubt hatte. In den letzten Jahren intensivster oppositioneller Tätigkeiten hatte ich gerade an ihr festgehalten, überzeugt, das Wahre werde sich letztendlich durchsetzen, ebenso wie das Gute, das Gerechte und auch das Schöne – in einer Welt, wo vieles krumm und schief war, ganz wie im Märchen, wo die Sonne es an den Tag brachte. Doch gleichzeitig fühlte ich mich herausgefordert, massiv zu widersprechen. Es galt dagegen zu halten, weil da noch ein anderer Wert war, den ich inzwischen über die Wahrheit stellte. Ganz so als hätte ich nicht nur eine gespaltene Seele in der Brust, sondern gleich zwei auseinander strebende Geistesprinzipien im Gehirn. Welche der vielen Wahrheit war hier gemeint? Und welche Befreiung? Auch jetzt verspürte ich wieder den geistigen Nachhall der Botschaft. Und auch jetzt konnte ich mich der Wirkung dieser Worte nicht entziehen, deren Aussagekraft immer noch so elementar und so substanziell war wie damals.

Die Wahrheit wird euch frei machen“ – Wo lag der tiefere Grund, der Ursprung der Sentenz? Bei Platon, dem Dichter unter den Philosophen des Anfangs, die Paradigmen setzten? Oder doch erst bei Aristoteles, dem Ahnherrn moderner Wissenschaft? Sein überlebensgroßes Standbild aus Erz an der Treppe vor dem Portal der Alma Mater verwies auf die Wertschätzung, die er in Freiburg genoss, mit andeutend, dass das vielfach erloschene Licht des Abendlandes zunächst bei den Hellenen loderte.

Die Wahrheit wird euch frei machen“: Die Aussage ließ mich nicht los. Nur welcher Wahrheitsbegriff war hier gemeint? Und welche Freiheit? Was hatten diese Werte mit meiner Existenz, mit meinem Werdegang zu tun? Weshalb berührte gerade mich diese Sentenz so nachhaltig? War hier das Faktische gemeint? Die „historische Wahrheit“ oder die existenzielle? Gar die endgültige Gewissheit des glaubenden Christen? Oder kam es nur auf die Verknüpfung an? Schafft die Wahrheit Freiheit oder ermöglicht die Freiheit Wahrheit?

War dieses Thema eine Abhandlung über idealistische Philosophie? Es war mehr, viel mehr. Hier klang eine philosophische Grundfrage an, die in ihrer Essenz tatsächlich mein bisheriges Leben bestimmt hatte. Deshalb die identifizierende Betroffenheit mit der Aussage. Vieles von dem, was ich bisher erlebt und erfahren hatte, ging auf diese Werte zurück. Und auf die Fragen: was ist wahr und wie wird der Mensch frei.

Die Wahrheit wird euch frei machen“ – Als ich damit anfing, etwas gründlicher über den philosophischen Gehalt dieser Worte zu reflektieren, die daraus resultierenden Zusammenhänge erörterte und mich auch theoretisch zu fragen begann, worin das Wesen der Freiheit besteht und was die Freiheit, die ich bisher weitgehend intuitiv erfahren hatte, im tatsächlichen Leben ausmacht, war ich zwanzig Jahre alt. Berechtigte das Alter schon, über große Fragen der Philosophie nachdenken zu dürfen? Innen, in den Hallen des gemauerten Sandsteins, wurde über das Ding an sich geredet, abstrakt, realitätsfern, ganz so, als sei es zwischen den Intermundien angesiedelt wie die ewige Glückseligkeit der Götter. Dufte ich mich da einmischen, selbst Erfahrenes einwerfen, ohne dem erstaunt strafenden Blick des Metaphysikers ausgesetzt zu sein, der nur das Sein des Seienden im Sinn hatte. Wusste er etwas davon, dass ich eigentlich älter war, als meine Jahre und dass die Zahl meiner Lebensringe von einem imaginären Faktor mit bestimmt wurde, der für Verfolgung, Terror, Folter, Haft, seelische Vergewaltigungen und Entwürdigungen stand? Woher sollte er es wissen? Hellsehen war noch keine besonders verbreitete Fähigkeit; und Hausieren gehen wollte ich damit auch nicht. Den einzigen Hinweis darauf, dass es auch ein paar Außenseiter gab, die anders dachten, hätte er aus der geistigen Haltung herleiten können, aus der Art, philosophische Standpunkte an ihrer existenziellen Überprüfbarkeit zu messen. Dies war meine Methode, von den Erfahrungen des bisherigen Lebens diktiert, existenzielle Erfahrungen mit historischem Weltwissen verknüpft, die aber in ihrer Substanz und Essenz darüber hinausgingen.

„Die Freiheit wird es wahr machen!“

Der Prozess begann mit einer nahezu offenbarungsartigen Zustimmung. Doch je mehr ich darüber nachdachte und die tiefere Wahrheit der Botschaft mit meinen tatsächlichen existenziellen Erfahrungen konfrontierte, desto eindeutiger bewegte sich die Wagschale zum anderen Prinzip hin – immer eindeutiger hin zur Freiheit, die sich, diktiert von der Wahrheit des Lebens, immer mehr als das bestimmende Prinzip herauskristallisierte – als die „Conditio sine qua non“, aus der alles resultiert – zur Freiheit, die nach Heideggers Wort das Wesen der Wahrheit war. Am liebsten hätte ich das Diktum umgeschrieben – als Leitsatz auch für andere und als Gewissheit für mich:

Die Freiheit wird es wahr machen!

Wahrheit oder Freiheit? Musste ich mich noch entscheiden zwischen einem Entweder und einem Oder. Oder waren die Würfel längst gefallen? Gab es auch ein „Und“? Eine Verbindung, ein Brücke? Eine „Coincidentia Oppositorum“ als die Verschmelzung der beiden Werte, die keine Gegensätze sind zu einem, hinter dem das hervorkommt, was Existenzerfüllung oder Glück genannt werden kann – und letzter Sinn?

Wo war meine philosophische Heimat, mein Standort, mein Hafen? Im Lager der Dogmatiker, die wussten, was das Seiende ist und was das Nichts ausmacht – oder auf der Seite der Skeptiker, die an allem zweifelten, vor allem aber an einer „statischen Wahrheit“ und an einem wohlgeordneten, fest gefügten System? Mein Phänomen – das war jene Wahrheit nicht, sondern die Freiheit. Das wusste ich bereits! Die Freiheit – das ist das große Offene, das selbst sich infrage stellt, während die Wahrheit die „innere Überzeugung“ sein kann, an der man festhält, ganz egal, was auch kommt. Die Wahrheit liegt ganz nahe an der Überzeugung – doch Überzeugungen können auch Gefängnisse sein; Gefängnisse des Geistes, die den Blick hemmen und den freien Geist knechten.

Hatte man gar den Satz, Die Wahrheit wird euch frei machen, der so freimütig und einsichtsvoll klingt, aus religiöser Innerlichkeit heraus über dem Elfenbeinturm angebracht, um so die akademische Freiheit, die es innerhalb der Wände geben sollte, zu beschränken, zu beschneiden, um den an sich frei strebenden Geist zu formen, zu kanalisieren – oder um ihn in das Korsett eines Systems zu zwingen, ihn gar an die Kette einer Weltanschauung zu legen?

War die Sentenz nur ein großes Paradigma der Selbstfügung, der freiwilligen Unterwürfigkeit und der Demut? Mein nach wie vor rebellischer Geist weigerte sich, solches auch nur Denken zu wollen. Ich war immer noch ein Idealist – und befürchtete, dass ich es auch immer bleiben würde. In meinem bisherigen Kampf um die Freiheit hatte ich viele Wahrheiten erlebt; Wahrheiten, die perspektivisch variierten wie die subjektiven Auffassungen darüber, was schön und was gerecht ist. Mit eigenen Augen hatte ich gesehen, wie Menschen im Namen der Wahrheit gefoltert wurden; und ich hatte aus glaubwürdigen Quellen erfahren, wie Märtyrer für ihre Überzeugungen starben und wie Henker im Namen der Wahrheit Andersdenkende dem Tod überantworten. Die Wahrheit – das war eine wechselhafte Kategorie, eine chamäleonhafte Chimäre, die nicht im geordneten System, sondern vielmehr in der Chaostheorie angesiedelt schien – während die Idee der Freiheit konstant blieb – zumindest für mich in meinem bisherigen Leben.

Die Wahrheit wird euch frei machen – der Bibelspruch aus dem Johannes- Evangelium verfolgte mich wie die Trommelwirbel im Bolero. Er wirkte nach, mein Denken noch bestimmend, als ich durch die alten Gassen ging, durchs Schwabentor zur Dreisam hinunter, die in einem engen Flussbett gefangen, dem Rhein entgegenrauscht.

Beschränkung und Freiheit liegen auch in der Natur im Widerstreit. Intensive Jahre lagen hinter mir. Tage der Auflehnung und der Rebellion. Während andere liebten und träumten, befand ich mich an der Front der Windmühlen wie Don Quichotte im Kampf für eine Idee – und mit nichts anderen versehen, als mit Hoffnung und mit dem Glauben, die Wahrheit, werde sich letztendlich durchsetzen. Wenn es Gottes Wille ist, kann sich nur die Wahrheit durchsetzen, denn: wenn es einen Gott gibt, dann kann nur er die Wahrheit sein, das oberste Prinzip des Seins: und über die reine Wahrheit hinaus – die Vereinigung des Wahren, Schönen und Guten. So trösten sich die Philosophen seit Seneca und Marc Aurel.

Zwei Seelen waren – ach! – auch in meiner Brust. Nach dem Höllenpfad und dem Höllentor ging ich jetzt frei durch die Straßen von Freiburg! Während andere auf dem gleichen, schmalen Steg gescheitert waren und in der Blüte ihrer Jugend aus dem Leben gerissen wurden, hatte ich mehr Glück gehabt und war der Tyrannei entronnen. War dies nicht Grund genug, stille Einkehr zu halten und in dankbarer Selbstfindung die verbliebenen Tage der Existenz als Homo religiosus zu verleben? Schon fühlte ich das Bestreben zum Rückzug in die Einsamkeit, zu Muße und Kontemplation, zur „Vita passiva“; einen Drang, den ich nie ganz aus der Welt schaffen konnte, weil mein Umgang mit der Natur, die ich nie außerhalb der Gottheit dachte und empfand, in die gleiche Richtung führte. Doch das andere Prinzip, der Drang zur Freiheit hin, war stärker. Die Jugend sprach dafür – eine Jugend, die noch nicht einmal begonnen hatte, und die Chancen der „Vita activa“, die das tatsächliche Leben bot.

Ausharren, Denken oder Agieren? Statisches Sein oder dynamisches Handeln? Was entsprach dem eigenen Wesen mehr? Die verflossenen Jahre hatten bereits eine Richtung vorgegeben, die fast nicht mehr aufzuhalten war. Also fällte ich eine Entscheidung und entschloss mich, als Handelnder weiter über die eigene Existenzgestaltung hinaus politisch und gesellschaftlich zu agieren und im Rahmen meiner Möglichkeiten an der Gestaltung der künftigen Welt mit zu wirken – als Homo constructor.

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