Phönix

Der Leib, der einst Feuer war, kann und wird zu Asche zerfallen, wenn seine Funktion erfüllt ist. Doch die Seele, an deren Existenz man so gerne glaubt wie an die Göttlichkeit, wird wieder Feuer und steigt und geht auf in dem luftigsten der Elemente in den höheren Sphären des Äthers.

Nach der großen Erfahrung des Todes, den man nur am Vertrauten, am geliebten Menschen, voll erfahren kann, folgten – wie eine kosmische Strafe – „viele kleine Tode“ als existenzielle Rückschläge und warfen mich zurück in den Staub.

Die Erde hatte mich wieder. Am Nullpunkt. Die leuchtende Sonne, die sich hell zum Zenit erhoben hatte, sank weiter und erlosch schließlich in der Glut der Abendröte. Wie oft hatte ich das Bild bewundert, in immer neuem Rot bis in die Schwärze der Nacht? Ein weiterer Ring war vollendet. Das Ende war der Anfang.

Während die Sonne sank, ging ich noch einen Schritt weiter, westwärts, ins freiwillige Exil, nach England, in das „waste land“ meiner Vorfahren und lebte dort eher asketisch als vornehm ein halbes Jahr in der Rückschau und in Selbstbesinnung, als Einsamer, als Wanderer, doch unter Menschen –und im Gespräch mit ihnen. Dann setzte ich nach Frankreich über und reiste rastlos umher, wie jener Unbehauste, der nirgends haltmacht, um viel zu sehen, zu hören, um andere Menschen zu erleben – doch nicht zum Schreiben, nur zum Zuhören, zum Lernen. Im Gepäck trug ich nicht mehr mit mir, als etwas gesicherte Würde, etwas Humanum und einen Korb voller Erfahrungen aller Art, die das Leben so mit sich bringt. Sophisten, Kyniker, Stoiker und christliche Asketen hatten so gelebt, selbst Philosophen der Neuzeit wie Wittgenstein; weshalb sollte nicht auch ich auf diese Weise überleben können? Schließlich zählte doch nur das Geistige, wenigstens für mich.

Pianisten, Geigenvirtuosen, angehende Komponisten, Maler und viele andere aufstrebende Künstler waren durch Häme ausgebremst worden, ohne je wieder den Boden unter den Füßen zu finden. Da ihre mühsam angeeigneten Kunstfertigkeiten schon in kurzer Zeit unwiederbringlich verfielen, blieb einigen von ihnen nur noch eine letzte Entscheidung. An den Kreidefelsen von Beachy Head, wo ich gelegentlich auf das offene Meer hinaus blickte, stürzten sie sich in die bleiche Tiefe, weil die Welt, an die sie geglaubt hatten, sie verlassen hatte. Das gute alte Recht der Eigentumsgesellschaft hatte alles bestens geregelt. Jeder Autokratzer wurde entschädigt. Doch für immaterielle Schäden, an denen manchmal ein Leben hing, fühlte sich niemand zuständig.

Ein Glück nur, dass ich meine Schaffensenergie zumindest in ein gedrucktes Werk investiert hatte, das unabhängig von meiner Person zirkulierte, dann auch noch den Verleger sanierte und sich selbst seinen Weg bahnte. Während der Verleger sich mit dem Erlös aus meiner Arbeit die Nase vergoldete, fehlten mir die Kreuzer für das Notwendigste. Deshalb konnte ich nur darauf hoffen, dass der von innerer Wahrhaftigkeit getragene Interpretationsansatz sich vielleicht durchsetzen würde, wenn ich richtig lag.

„Die Wahrheit wird“ sich immer durchsetzen und uns „frei machen“ – daran hatte ich immer geglaubt, im Leben wie in der Kunst. Der Lorbeer wächst langsam. Auch am Nullpunkt und in der Krise hielt ich an meinen Überzeugungen fest. Wie es sich bald herausstellte, war mein Überlebenswille tatsächlich stark genug, um in der prekären Situation auszuharren und sie trotz melancholischer Gestimmtheit positiv denkend zu überwinden. Die Bestätigung, dass ich auch als Forscher richtig lag, ließ Jahre auf sich warten. Doch dann kam sie und wurde zu meiner späten geistigen Satisfaktion immer nachhaltiger. Und wahrscheinlich wird sie – wie aus dem jüngsten Buch „Lenau. Leben – Werk – Wirkung“, Heidelberg 1989, das zu den wichtigsten über den Dichter zu zählen ist, deutlich wird, noch zunehmen.

Meine akademischen Lehrer hatten in ihrem Tun und Schaffen stets am Humanum gestrickt und dafür gesorgt, dass die Lernenden um sie herum, humaner wurden. Das leistete die Zeit an der Hochschule. Sie bereitete auf das Leben vor; konnte es aber nicht verhindern, dass wir selbst noch Fehler machen mussten, ungeachtet des Erlebten. Auch ich habe Fehler gemacht, in manchen Bereichen. Im Überschwang. In der Ungeduld. In der Hybris und Selbstverstiegenheit.

Am grauen Nullpunkt angekommen, das Nichts vor den Augen und das Sein, besann ich mich intuitiv auf Phönix, hob den Blick, biss die Zähne zusammen und kroch wieder neu gestählt aus der Asche. Die Pflicht rief wie die Verantwortung – und der Wille zum Leben! Der Kreislauf der Elemente lief weiter ab, vom Wasser zum Feuer, von der Luft zur Erde. Und mit ihm der Kreislauf der Temperamente. Ganz unten angelangt beherzigte ich Nietzsches Forderung und blieb der Erde treu. Schließlich hatte ich noch vor, an meinem „literarischen Testament“ zu arbeiten, um so auch ein „geistiges Vermächtnis“ zu hinterlassen.

Tempus fugit, sagten die Alten und meinten vita brevis. Gern pflichtete ich ihnen bei und versuchte, mich zu sputen … Dabei ahnte ich jedoch nicht, dass mich wieder ein Gedanke Nietzsches einholen und bestimmen würde, den er der Antike entlehnt und der mir eigentlich nie behagt hatte: Die ewige Wiederkehr des Gleichen! Dazu noch ein amor fati hinzufügen, der Forderung Nietzsches gemäß? Doch was schien dahinter hervor – vielleicht eine neue Morgenröte?

Kapitel aus : Ost- West- Geschichten. Aus dem Tagebuch eines Andersdenkenden.

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