Kreuz und Rose … und die Schlange, die sich in den Schwanz beißt

Noch bevor als indirekte Folge meines akademischen Debakels auch meine erste Ehe ihrem Ende entgegen steuerte, verabschiedete sich mein Vater aus dem Leben.

Er ging schnell und leise. Er schlich sich diskret aus der Welt, so als ob er meinen plötzlichen Niedergang nicht mehr wahrhaben wollte.

Als ich ihn nach einer viel zu spät diagnostizierten Krankheit aus dem Remstal nach Würzburg brachte, hoffend, ihn durch ärztliche Hilfe noch retten zu können, war er bereits von fatalistischer Resignation erfüllt, von der Ahnung, was folgen werde. Meister Hain winkte – und er verstand den Wink.

Die Ultima ora der Römer, auf die auch aus christlicher Sicht das gesamte Leben ausgerichtet sein sollte, weil jeder Einzelne Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten wird und Rechenschaft ablegen muss über seine guten und seine bösen Taten, stand bevor. Es war, als wäre es die eigene Todesstunde – denn ein Teil meines Selbst wurzelte in ihm. Also scheute ich es, den irdischen Endpunkt wahrhaben zu wollen, konnte ihn aber auch nicht abwenden.

Der Tod des Vaters trat plötzlich ein – und er traf mich wie ein Blitz aus hellem Himmel. Die Spätkomplikation eines mehrfach operierten Magengeschwürs aus der Deportation führte zum Ende, spät und doch viel zu früh.

Kriwoj Rog holte ihn doch noch ein und die deutsche Geschichte. Bereits um die Zeit meiner Geburt hätte er nach Einschätzung der behandelnden Ärzte scheiden sollen. Nun, gute dreißig Jahre später – und nachdem „der Alte“ ihn wieder auf die Beine gestellt hatte – war es doch so weit. Dreißig Jahre mehr? Genau meine Lebenszeit, in der er etwas von dem verwirklicht sah, was er selbst nicht hatte erreichen können – im Handeln und im Geistigen. Vater starb dort, wo meine Tochter Melanie gerade erst das Licht der Welt erblickt hatte – auf einem Hospitalhügel in Grombühl, in Würzburg. Und er starb einen einsamen, einen anonymen Tod, der fast so war, wie sein Leben: tragisch unvollendet!

Sein letzter Wille bestand darin, daheim zu sterben – im Kreis der Familie, auf die alte Weise, betrauert und beweint von den Nächsten und Liebsten, die ihn durchs Leben begleitet hatten. Dieses Wenige blieb ihm versagt, weil wir bis zuletzt hofften, auch dann noch, als es nichts mehr zu hoffen gab.

Als Vater dahin sank und für immer schied, zog ich mich in ein Zimmer zurück und versuchte, als unmittelbar Betroffener, der den Tod des Nächsten zu erleiden hatte, mit der Situation fertig zu werden. Musik legte ich auf, Trauermusik und Musik eines Trauernden. Musik hatte in schweren Lagen immer schon Trost gespendet, in Not, in Verzweiflung.

Und auch jetzt. Wieder hörte ich jenseitige Musik: die Unvollendete zunächst und dann noch Schuberts C-Dur Quartett, das der Komponist kurz vor seinem Tod geschaffen hatte – als eigenen Schwanengesang. Als das Adagio erklang, rollten Bilder aus unserem gemeinsamen Leben ab, einer Lebenszeit, die abrupt abbrach wie Schuberts Unvollendete. Nicht alle Blütenträume reifen … Bitterkeit und Trauer gehören zum Leben. Und manchmal kommt alles auf einmal.

So empfand ich das bereits 1988, im Todesjahr meines Vaters. Als er schied, ohne sich richtig verabschieden zu können – von einer tückischen Krankheit hinweggerafft, die viel mit seinem Los, am falschen Ort und zum falschen Zeitpunkt ein Deutscher gewesen zu sein, zu tun hatte, als er starb, unpersönlich im sterilen Krankenhaus, ganz anders als die lange Reihe seiner Vorfahren, die alle noch mitten in der Großfamilie gestorben waren, beklagt und bedauert, schied auch ein Stück von mir. Etwas von meinem Selbst war auf und davon – für immer. Die Phänomene Sterben und Tod, erlebt am Nächsten, traten mit aller Wucht in mein Leben. Er war von uns gegangen, unerwartet und schnell, ohne dass wir die Zeit gefunden hätten, richtig miteinander zu reden. Noch wussten wir fast nichts voneinander, obwohl wir zusammen durchs Leben gegangen waren. Trennendes und unausgesprochen Fremdes war noch zwischen uns – bis auf das unbewusste Band, das uns trotzdem verband und das ich in dieser Form auch an meine Kinder weiter geben wollte. Nur das intuitive Verstehen blieb zurück und die zu Symbolen verdichtete Erinnerung.

Vater wollte einen Grabstein! Das war einer seiner wenigen Wünsche, die er überhaupt je geäußert hatte im Leben. Er erhielt seinen Stein. Mit dem Bildhauer suchte ich ihn aus. Und als dieser mich fragte, welches Bild über den Stein in die Ewigkeit eingehen sollte, antwortete ich noch nicht und erbat mir Bedenkzeit, um Einkehr zu halten, um nach der Wesenheit zu suchen, die meinen Vater bestimmt hatte. Sinnend suchte ich nach dem Kern seines Selbst, nach dessen Ausdruck. Endlich fand ich ihn in der Verbindung des Kreuzes mit der Rose. Ihre ideelle Verschmelzung entsprach voll seiner Wesenheit.

Das Kreuz war sein Schicksal – wie es das meine auch war. Er hatte es angenommen und getragen, so wie Ungezählte vor ihm in zweitausend Jahren, obwohl auch er ein Freigeist war – auch er hatte das Schöne geliebt, als die naturgegebene Schönheit. Unser Hof war unter seiner Hand lange Zeit ein Blumenmeer mit vielen Hundert Rosen.

Hätte ich die Rebe wählen sollen, die das Kreuz umwindet und sich hinauf schlängelt, zum Licht? Den Weinstock, der das Leben speist? Das hätte gut gepasst. Denn auch die Reben waren sein Leben. Er kelterte den Wein; nur er trank ihn nicht. Doch ich wählte das Kreuz und die Rose.

Vater ruht nun in fränkischer Erde unter den Weinhügeln Würzburgs. Als er starb, kamen viele aus der Gemeinde von weit her mit einem großen Bus, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Das war so der Brauch bei uns in Sackelhausen. Ein schöner Brauch, der auf die Zusammengehörigkeit der Gemeinschaft verwies, noch Jahre nach dem Exodus. Der Grabstein mit der in Stein gemeißelten mystischen Einheit von Kreuz und Rose steht heute noch, während die Erinnerung an den Menschen Jakob Gibson bereits verblasst wie eine

Welke Rose:

In einem Buche blätternd, fand, / ich eine Rose welk, zerdrückt, /Und weiß ich auch nicht mehr, wessen Hand/Sie einst für mich gepflückt.//Ach, mehr und mehr im Abendhauch/Verweht Erinnerung; bald zerstiebt/Mein Erdenlos, dann weiß ich auch/Nicht mehr, wer mich geliebt.

Lenau, der einsame Meister der Vergänglichkeitsdarstellung, hat es so schön ausgedrückt. Mir wünsche ich keinen Grabstein, wenn ich scheide. Hoffentlich bleiben andere Werte zurück, ein paar Bücher vielleicht, einige heitere Ideen, etwas Humor, leichtes Schmunzeln und gute Erinnerungen nach Jahren. Grabsteine sind beständig. Sie überdauern Weltreiche. Doch Bücher und Ideen zu großer Kunst vereint sind noch beständiger. Sie zielen in die Ewigkeit. Solange sich menschlicher Geist regt, wird der Geist der Vorgänger faszinieren, wenn es ein freier Geist war.

Kapitel aus : Ost- West- Geschichten. Aus dem Tagebuch eines Andersdenkenden.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s