Bad Mergentheim oder Lawrence, Missouri? Neuer Anfang in der Neuen Welt?

Wieder stand ich an einem Scheideweg; doch diesmal besser gestellt als Herakles. Was sollte ich nun anstreben? Sollte ich noch weiter in die Ferne abschweifen, wo doch das Gute so nah sein konnte?

Sollte ich in der neuen Heimat bleiben, bescheiden werden, verweilen, mich redlich nähren, schaffen, ein Häuslein bauen und im Hof ein Apfelbäumchen pflanzen? Der Gartenzwerg winkte – und das Glück des Gartenzwergs. Ebenso winkte Amerika mit einer Hilfsdozentur an der University of Kansas. Diesmal war es kein „Lockruf des Goldes“ wie seinerzeit beim US-Sender RFE, sondern der Ruf der Freiheit aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.

Der Kontakt zu den Lehrenden am germanistischen Institut, an dem auch Frank Baron, ein ausgewiesener Faustforscher, wirkte, war exzellent. Von meinen bisherigen Vorleistungen in der Wissenschaft überzeugt, wollten sie mich wirklich haben. Meine Faustforschungen hätte ich dort weiter treiben und einen amerikanischen Doktorgrad erwerben können, jenen Grad, den mir die Würzburger „aus rein formalen Gründen“ verweigert hatten. Also musste ich zusagen – und ich sagte zu.

Die Amerikavorbereitungen verliefen optimal. Bereits vor Jahren hatte ich mich mit dem amerikanischen Bildungssystem vertraut gemacht, hatte Berkeley besucht, dann Stanford und die University of California in Los Angeles. Auch Lawrence, ein beschaulicher Ort in Missouri, schien Vielversprechendes zu ermöglichen, zumal der damalige Kontakt zu Professor Dick sehr herzlich war – im Lichtjahrkontrast zur verschnupften Atmosphäre auf dem Würzburger Galgenberg. Doch in letzter Sekunde vor der Abreise, nachdem alles schon eingefädelt und organisiert war, wankte ich und machte doch noch einen Rückzieher, beeinflusst von einer neuen beruflichen Möglichkeit im vertrauten Umfeld fast vor der Haustür. So entschied ich mich konservativ gegen das Wagnis und für das überschaubarere Bleiben – für die kaum erst wieder gefundene Heimat, für die deutsche Kultur und für den Alten Kontinent.

Es blieb dabei – und ich verblieb in Europa. Weshalb entschied ich so – aus Schwäche und Kraftlosigkeit? Aus anhaltender Abscheu vor dem Lehrbetrieb und aufgrund aufkommender Bedenken? Aus Sorge um mein Kind, das ich in einem mir nicht ganz genehmen Familienmilieu zurücklassen musste und aus Bangen um das künftige Los der etwas hilflosen Mutter? Amerika war weit und bedeutete vielleicht eine Zäsur, einen Bruch für immer. Hätte ich den Schritt trotzdem wagen sollen, wo ich mir doch erst eine blutige Nase geholt hatte und tiefe Wunden, die nie endgültig ausheilen würden? In dieser schwierigen Entscheidungssituation ohne angemessene Lösung trafen über Nacht wie ein Wink vom Himmel gleich zwei berufliche Angebote ein – aus dem bereits vertrauten Bad Mergentheim vor den Toren Würzburgs, aus der ehemaligen „Residenz des Deutschen Ordens“, die beide recht verlockend klangen und mit keinerlei Risiken verbunden schienen. Die weithin bekannte Kur- und Badestadt im lieblichen Taubertal war mir seit Jahren vertraut. Mehrfach hatte ich die Stadt von Würzburg aus besichtigt, wenn der Wochenendausflug mit Melanie anstand, wenn es ins Wellenbad ging oder in den artenreichen Wildpark. Außerdem war Mergentheim, wo Mörike lange gelebt und gedichtet hatte, auch dem Historiker in mir ein Begriff.

Der „Deutsche Orden“, im Heiligen Land während der Kreuzzüge gegründet, hatte nach seiner Vertreibung aus Osteuropa nahezu dreihundert Jahre in Mergentheim residiert, in einem bis zur Säkularisation eigenständigen Fürstentum. Es war genau jener Orden, dessen Symbole mich einst in den Kampf geführt hatten – in hoc signo! Der Atem der Geschichte war noch allpräsent. Beide Angebote reizten mich. Das extrovertierte, im Dialog mit Menschen als Kulturmanager zu agieren ebenso wie die mehr introvertierte Tätigkeit eines wissenschaftlichen Autors, auf den die Aufgabe zukam, innerhalb von zwei Jahren ein kulturhistorisches Werk zu verfassen. Nachdem ich die notwendigen Gespräche geführt hatte, traf ich nochmals eine bodenständige Entscheidung und legte mich dann spontan auf das wissenschaftliche Projekt fest, das unter der Ägide des Versorgungsbetriebes der Stadt, der sich seinerzeit noch in kommunalem Besitz befand, durchgeführt wurde. Meine psychisch angespannte Situation nach dem fast einjährigen Wanderleben in der Fremde und die damit verbundene Sehnsucht, „zur Ruhe zu kommen“, drängten mich in diese Richtung, während die amerikanische Herausforderung einer Rosskur gleichgekommen wäre.

Ausschlaggebend für das Wirken in dem Heilbad an der Tauber war ein von gegenseitiger Sympathie getragenes Gespräch mit dem damaligen Kaufmännischen Werkleiter der Stadtwerke Manfred Schwab, aus welchem neben einer insgesamt vierjährigen wissenschaftlichen Mitarbeit eine Beziehung erwachsen sollte, die stets von gegenseitigem Respekt wie freundschaftlichem Vertrauen bestimmt wurde. Bereits während des Vorstellungsgesprächs festigte sich das Gefühl, auf einen Menschen getroffen zu sein, auf einen Charakter, mit dem über Jahre hinaus konstruktiv zusammengearbeitet werden konnte. Das sollte sich mehr als einmal bestätigen. Ferner war es der persönliche, von akademischer Solidarität getragene Kontakt zu dem langjährigen Oberbürgermeister Dr. Elmar Mauch, einem Freund der Geschichte, „nicht nur der preußischen“ und des besonderen geistigen Dialogs, der mich weitere Jahre an Bad Mergentheim binden sollte. Beide Persönlichkeiten sollten an meinem Schicksal regen Anteil nehmen und mir bis in die jüngste Zeit hinein freundschaftlich verbunden bleiben. Seinerzeit, im Sommer 1992, mitten in einer tiefen Lebenskrise, halfen sie mir ganz wesentlich dabei, meine Selbstachtung und Würde wieder zu finden und den herben Rückschlag im akademischen Bereich zu überwinden. Dafür bin ich beiden Persönlichkeiten bis heute  dankbar. Dank des von besonderem Verständnis geprägten beruflichen wie menschlichen Verhältnisses zu Manfred Schwab, welches, ungeachtet aller beruflichen Hochs und Tiefs in den folgenden Jahren der Selbstständigkeit anhielt, war es mir in der Folgezeit möglich, als Historiker „nahe an Forschung und Buch“ zu überleben, ohne die teilweise erniedrigenden Broterwerbstätigkeiten ausüben zu müssen, denen sich andere künstlerisch und geisteswissenschaftlich engagierte Akademiker nicht entziehen konnten. Ein Ergebnis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit sind – fern von den Freiheiten der Belletristik und der realitätsfernen Philosopheme – fünf Fach – und Sachbücher zur Bad Mergentheimer Wirtschafts- und Kulturgeschichte; Bücher über die Arbeit von Menschen in einer historischen, von der Natur verwöhnten Region, Werke, in welchen ich als Autor etwas von dem wiedergeben wollte, was ich an Solidarität und Menschlichkeit selbst erfahren durfte.

Für den Verlust des früh geschiedenen Vaters stellte mir das Leben zusätzlich zu den guten Freunden aus meiner Generation, allen voran Erwin und lange Jahre auch Klaus, Erich und Michael, nach einigen herben Prüfungen gleich mehrere väterliche Mentoren zur Seite: Neben Theo Meyer aus Würzburg nun auch noch Manfred Schwab und Walter Popp sowie aus der Ferne wirkend, doch geistig immer nah der langjährige anthroposophische Wegbegleiter aus Pforzheim Herbert Metzger, der mir seit den Ludwigsburger Treffen im Jahr 1980 zugeneigt war. Das Leben hatte mir in allen Zeiten – neben mehr oder weniger würdigen Gegnern – immer auch „gute Freunde“ zur Seite gestellt, keine „Amigos“, sonder Freunde im antiken Sinne und mich darüber hinaus mit der Fähigkeit ausgestattet, „neue Freunde“ zu gewinnen. Bereits im englischen und französischen Exil hatte ich regen Gebrauch von dieser Fertigkeit gemacht, Menschen gefunden … und neue Freunde bis in den Tod.

Bad Mergentheim war ein Wendepunkt. Angeschlagen und existenziell verunsichert entschied ich mich damals schweren Herzens gegen Amerika, ein weiteres Land meiner Hoffnungen und Träume, das ich anders bewunderte als Frankreich, obwohl ich immer noch ein deutscher Patriot war. Also wählte ich die konservative Konsolidierungshaltung, da sie mir die Möglichkeit bot, weiter an einer international ausgerichteten Laufbahn zu arbeiten, indem ich nebenbei Recht und Wirtschaft studierte. Außerdem erwarteten mich bürgerliche Pflichten als Vater. Noch hatte ich für meine Restfamilie zu sorgen und musste vor allem für meine mir unsanft entrissene Tochter da sein. Der Wunsch, Deutschland zu dienen, völkerverständigend zu wirken, war nach wie vor sehr stark. Was Amerika gebracht hätte, wird für immer in den Sternen stehen.

Die Jahre im Stübchen des historischen Forschers nutzte ich, einer Empfehlung des Kardiologen folgend, um Kreislauf und Puls herunterzufahren, um existenziell etwas ruhiger zu werden, ferner zum weiteren Überlegen, aber auch tatkräftig und neu motiviert, um eine anstehende „Selbstständigkeit“ aufzubauen, mit der ich ihm Leben neuen Tritt zu fassen gedachte – frei, als eigener Herr in der eigenen Unternehmung. Daraus wurde eine exponierte Gratwanderung – bis heute.

In jener Zeit um 1995 wurde ich zunehmend aktiver, unternahm sehr viel, gründete freiberuflich gleich mehrere Unternehmen, reiste durch einen Teil der Welt und versuchte dabei, etwas von der Selbstverwirklichung und dem existenziellen Glück zu erhaschen, das mir stets vorgeschwebt hatte. Als es sich endgültig abzeichnete, dass meine Voraussetzungen, im höheren Dienst des Auswärtigen Amtes zu wirken, nicht ausreichten und die Wahrscheinlichkeit, einst Außenminister zu werden wie das große politische Talent Joschka Fischer, selbst ohne Abitur, zog ich die Konsequenzen und gründete mit dem „Institut für Export-Marktforschung“ mein eigenes „Auswärtiges Amt“. Dort war ich mein eigener Minister und dessen eigener Domestik – bis heute. Als sein Geschäftsführer führte es mich „hoch hinaus“ bis in die Etagen der Macht und ließ mich, den zunächst sehr praktisch und doch realitätsfern agierenden Philosophen, mit den höchsten Repräsentanten des Staates bekannt werden. Ferner agierte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten Jahre hindurch in der Wirtschaft auf dem Gebiet der „Wirtschaftsethik“, in einer moralischen Nische, die eigentlich niemand brauchte und betrieb Markterkundungsmaßnahmen im Ausland, Öffentlichkeitsarbeit wie Journalistik, immer interessiert, die Welt neu zu erkunden und neue Erfahrungen zu machen. An vielen Fronten versuchte ich innerhalb von zwei Jahrzenten manche Dinge zu bewegen – immer im Austausch mit Menschen vieler Nationen. Wer viel versucht, kann oft irren. Nur gut, dass ich nicht immer groß dachte, sonst hätte ich vielleicht einmal auch ganz groß geirrt. Das blieb mir erspart. Der Abschied vom Elfenbeinturm und aus dem Schneckenhaus hatte auch sein Gutes. Es gelang mir, einiges auf den Weg zu bewegen, auch für andere Menschen, die schlechter positioniert waren,  als ich selbst, für Menschen, die konkrete Hilfe brauchten. Dabei fand ich jedoch keine Zeit, um eigene, materielle Interessen zu verfolgen, Versorgungsansprüche aufzubauen, Grundstücke zu erwerben, um Häuser zu bauen oder um sonstige Güter anzuhäufen.  

Leider blieb ich noch längere Zeit auf Distanz zur Literatur und Kunst – aus vielen Gründen. „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ – verkündet die Stimme des Himmels in Goethes Faust. In der Hoffnung, dass der Lohn im Paradies groß sein werde, strampelte ich noch eine gute Weile weiter wie jener Frosch im Milchglas, ohne mir die lähmende Frage zu stellen: Ist all die Plackerei bei Tag und Nacht umsonst?!

Kapitel aus : Ost- West- Geschichten. Aus dem Tagebuch eines Andersdenkenden. 

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