Aus der Bahn geworfen – existenzielle Rückschläge und Niedergang

 In den Jahren der politisch-historischen Studien und der Forschung, die hauptsächlich die Literatur- und Geistesgeschichte des noch beschaulichen 19. Jahrhunderts zum Gegenstand hatten, führte ich im privaten Bereich ein ziemlich konventionelles Leben, indem ich mich – fast bieder und spießig geworden – freiwillig in den Zustand der Unfreiheit begab, bis diese mir irgendwann unnatürlich erscheinende Seinsform, auf deren letzten Abschnitt ich am liebsten verzichtet hätte, sich selbst aufhob. Unsere Ehe, die geschlossen worden war, nachdem die Emotionen der Jugendjahre bereits verrauscht waren, entsprach einer bürgerlich geführten Studenten-Ehe mit unspektakulären Verstimmungen und kleinen Reibereien. Eine sich behaupten wollende freigeistige Künstlerexistenz und das Modell bürgerlicher Solidität prallten aufeinander. Erst mit der Zeit empfand ich den geheiligten Zustand eines Miteinanders, aus dem mehr und mehr ein Gegeneinander wurde, als große Bremse des künstlerischen wie wissenschaftlichen Schaffens – als ein Ende der Freiheit. Ungeachtet dieser ebenfalls sehr ernüchternden Erkenntnis ignorierte ich Bolero und Ewige Wiederkunft und wiederholte alles noch einmal und verbrachte so je zehn Jahre meines Lebens mit zwei grundverschiedenen Frauen. Das Sinn Setzende an dieser Zeit sind – neben ein paar schönen Stunden mit Ewigkeitsgehalt und einige sysiphushaften Erfahrungen des Menschlichen Allzumenschlichen – zwei Kinder, in denen das Selbst weiterlebt.

Wenn Lebensbeziehungen sich anbahnen, blicken Damen gern zum Heros hoch, der unerreichbar fern auf stolzem Rossen zu sitzen scheint. Erhört der barmherzige Samariter ihr zartes Flehen und steigt, mehr vom Ethos als von der großen Liebe verleitet zur Anbetungswürdigen herab, dann soll er gleich brav werden, fügsam, angepasst; er soll jeden Edelmut mit der Montur mit ablegen, auf jede höhere Aspiration verzichten, um als „gemeiner Knappe“ weiterzuleben, als profaner „Schildträger“ anderer, wo er doch vom Wesen her ein Ritter ist? Solches kam mir in den Sinn, wenn ich gelegentlich meine Ehen überdachte, lange Jahre der „Bindung“ in Pflicht und Stricken, stets aufgefordert, Freiheit und Kunst biederer Sicherheit zu opfern – in Selbstverzicht und Selbstverleugnung, in einem Leben in der Uneigentlichkeit – als „Ernährer“. Nur schuf ein Sancho Pansa nie große Werke, noch war er zu großen Taten fähig. Also verrann auch einiges meine Lebenszeit gefügig in Fesseln als stummer Gartenzwerg zwischen den Pflanzen, in welchen das Leben noch gut aufgehoben war, getröstet nur von ferner Literatur und Philosophie.

Mit der Zerschlagung der akademischen Perspektive, die nach außen – vor allem aber aus der Sicht meiner statusorientierten Ehefrau – einen sozialen wie materiellen Niedergang bedeutete, endete meine erste Ehe. Die Leidtragende war vor allem meine damals fünfjährige Tochter Melanie, die von den unabsehbaren Entwicklungen noch mehr überrollt und seelisch belastet wurde als ich selbst. Dem akademischen Debakel folgte ein nicht minder dramatisches zwischenmenschliches Schauspiel, dessen schon zum bundesdeutschen Alltag gehörende Abläufe auch in anderen Bürgerstuben studiert werden konnten. Als die schrillen Töne einsetzen, die wehmütigen und die schmerzvollen, ließ ich meinen Bolero nicht mit Wucht verklingen, sondern komponierte ihn weiter – die Bahnen hinab einem stillen Verklingen entgegen. Die Abwärtsspirale drehte sich mehr und mehr dem Nullpunkt zu.

Kapitel aus : Ost- West- Geschichten. Aus dem Tagebuch eines Andersdenkenden.

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