„Vereinsamt“ in freiwilliger Verbannung – von Cambridge nach „Beachy Head“

 

Im traurigen Monat November war’ s, die Tage wurden trüber, als mich Freunde an einem nasskalten Nachmittag zum Bahnhof Würzburg brachten. Klaus war mitgekommen und Andrea, seine Ehefrau. Den langjährigen Freund, einen Menschenrechtsbegeisterten und vielseitig Interessierten, hatte ich gleich nach meiner Einreise im Remstal kennen gelernt. Und seit seiner Rückkehr aus dem fünfjährigen Exil in Südfrankreich war er stets an meiner Seite. In unzähligen konzeptionellen Gesprächen hatte er die Genese meines Lenau begleitet. Er war mit im „Dionysiker- Kreis“ um Theo Meyer, er kannte mein ganzes Privatleben im Detail, bis hin zu dem Schlamassel auf dem Galgenberg, ein Desaster, dass über die Verhinderung meiner Dozentur zum Ende meiner akademischen Laufbahn geführt hatte und die daraus erwachsenen existenziellen Rückschläge. Etwas wehmütig – wie einst in Rottweil, als Klaus nach Lyon abreiste, um dann ganze fünf Jahre fern zu bleiben, verabschiedeten wir uns, ohne zu wissen, wie lange meine Reise andauern und ob es nochmals ein Wiedersehen geben würde. Alles war möglich – auch ein letzter Sprung in die Freiheit über die kreidenen Klippen von Beachy Head!

Trist gestimmt, doch vom Willen beseelt, ungeachtet aller gerade durchlebten Rückschläge weiterleben und weiterkämpfen zu wollen, stieg ich in den Zug zum Frankfurter Flughafen und flog noch am gleichen Abend nach London-Stansted. Als ich dort ankam, war ich weit und breit der einzige Reisende in einem riesigen, leer gefegten Flughafengebäude. Gespenstige Stille überall im Raum, ein Hauch von Nichts lag in der Luft. Fühlte sich so der „Horror vacui“ an, der bedrohliche Nihilismus? Es war kurz vor Mitternacht. Fuhr noch eine Bahn? Irgendwohin! Ohne Erwartungen ging ich hinunter zu den Zügen und nahm den ersten, der kam. Er fuhr hinauf, nach York, in jene alte Stadt unweit der alten Grenze zu Schottland, die ich immer schon hatte sehen wollen. „Highlander“ hatten hier gekämpft – und alles verloren. Als sich dann aber Cambridge ankündigte, überlegte ich es mir noch einmal und stieg spontan aus.

Cambridge? Klang das nicht noch reizvoller in meinen Ohren als York, das die Rosenkriege wachrief, Blut und Vernichtung? Eine große Bibliothek erwartete mich hier und bestimmt auch hehre Geister anderen Formats, als die auf dem Galgenberg zurückgelassenen? Augenblicke später hielt der Zug. Cambridge ist eine sehr englische Kleinstadt, eine feine Eliteschmiede von Weltruf. Die Straße vom Bahnhof zur Stadt hin wirkte trist, noch trostloser als die kaum erst durchschrittene Mondlandschaft in Stansted. Das Zentrum schien fern, unerreichbar fern. Überall war Nebel, dicker, undurchsichtiger grauschwarzer Nebel, ein Einstieg zum Inferno. Ich spürte den Dunst auf den Wangen, kalt glitschig, als ob es regnete, jenen gespenstischen, englischen „mist“ oder Smog, der dem Kleinhirn die Orientierung versagt. Es war wie auf dem Dreitausender bei Schneesturm – ich fühlte die innere Rebellion der Vernunft, den Selbsterhaltungstrieb, der warnend zum Innehalten mahnt, zur Umkehr, zur Rückkehr in Sicherheit und Geborgenheit. Das Gleichgewichtszentrum streikte und ließ mich wanken. Unsicher schritt ich über eine Brücke, unter mir der Abgrund. Ein falscher Schritt konnte alles beenden – und der freiwillige Sprung ebenso. Das Nichts wechselte das Antlitz wie der schreckliche Ort. So fühlte sich das Grauen in der Fremde an. Und so empfand es vielleicht das lyrische Ich in Nietzsches berühmtem Einsamkeitsgedicht in vergleichbarer Situation?

Grenzenlose Vereinsamung. War sie jetzt erreicht? Verse glitten mir über die Lippen – „wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends halt“ … Nur ich hörte sie. Und nur ich fühlte den Schmerz. Allein in winterlicher Kälte, gleich jenem Hiob der Neuzeit, der fast alles verloren hat, was zu verlieren ist: unerwartet zunächst den Vater, dann, nach einer hochemotionalen ehelichen Auseinandersetzung die Frau und vorerst auch das Kind, ferner die Ehre, die an einem öden Galgenberg auf den Hund gekommen war, die Freunde, die allesamt zurückbleiben mussten, den Rest der schon zerrissenen Familie: Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends halt, klagte Nietzsche in „Vereinsamt“. Das Motiv letzter Vereinsamung, das mich ein ganzes Jahr wissenschaftlich beschäftigt hatte, kam nun zurück, auf existenzieller Ebene und als schwacher Trost im Unglück. Auch Schuberts Choralworte drängten wieder in den Sinn – wie damals in schwerer Zeit im Temschburger Kirchhof: „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drückenZu dir, zu dir, Vater?

Beachy Head war überall – eine kreidebleiche Wand Hunderte Meter in die Tiefe ragend, ein Archetypus der Grenzsituation! Überall war der Abgrund mit der Möglichkeit zum Rettungssprung in die Unendlichkeit. Doch ich war noch nicht ganz am Ende. Noch hatte ich meine Würde, meine selbst erarbeitete Selbstachtung und immer noch viel, viel Gottvertrauen. Der Blick zum gestirnten Himmel bot sich an –  die feige Flucht zu Gott, weg aus dem Irdischen Jammertal und zurück, ja hinauf ins Metaphysische: Zu dir, zu dir o Vater, komm ich in Freud und Leiden … Aus jener Welt konnte man nicht herausfallen, wenn der Glaube groß war. Obwohl alles verdunkelt und in Nebel verhüllt schien, ahnte ich das Licht dahinter, den „großen Vater“ überm Himmelszelt, den rettenden Gott meiner Kindheit.

Katholische Zuversicht in tiefstem Protestantenland? So etwa fühlte ich damals – und die Gedanken suchten nach rettenden Halmen und Ufern. Hatte ich nicht schon früher im Nebel gestanden, am Rande der Existenz, in größerer Verzweiflung? Hatte ich nicht noch schlimmere Dinge erlebt? Damals bremsten mich Bestien aus, während ich diesmal von Menschen enttäuscht worden war, von Menschen, denen ich blind vertraut hatte, aus Prinzip. „Was bist du, Narr, vor Winters in die Welt entflohn?“ Fragte ich mich dann wieder und wieder mit Nietzsche. War ich, nach meinem Golgota auf dem Galgenberg, nicht doch verlassen, metaphysisch vereinsamt – ein „Flüchtling ohne Ziel und Vaterland“? Wer war ich nun wirklich? Ein besiegter David? Ein mythischer Sisyphus? Ein Don Quichotte vor neuen Windmühlen; oder nur ein schlichter Märtyrer der Freiheit, der so gehandelt hatte, weil er nicht anders konnte? Existenzieller Trost und Niedergeschlagenheit zugleich bestimmten den Gang unsteter Gedanken. In meinem Koffer lagen neben einigen schwarzen Kleidungsstücken auch ein paar Bücher, darunter Goethes Faust, Nietzsches Zarathustra, die Gedichte Lenaus und Heines, Voltaires Erzählungen und das eigene Buch. Mit diesem geistigen Kapital ausgestattet und mit einer kleinen Barschaft auf dem Konto ging ich sie schließlich an, die große Einsamkeit in der Fremde, in einer Welt, in der ich nicht mehr hatte, als mich selbst. Seneca und Ovid hatten auch nicht mehr besessen in ihrer Verbannung oder Zenon, nachdem das Schiff mit all seinem erworbenen Reichtum gesunken war. Sie alle hatten noch ihr „Selbst“ dabei – wie ich, wo ich doch froh sein konnte, es wieder gefunden zu haben. Lieber arm in der Eigentlichkeit des Seins, als begütert am Leben vorbei in der Uneigentlichkeit!

Diese lange Wanderschaft ohne Ziel, eine Episode, die ich vielleicht einmal literarisch schildern werde, half mir durch den Winter. In jenem halben Jahr verbesserte ich mein überwiegend autodidaktisch angeeignetes Englisch und bald darauf jenseits des Kanals auch das schon etwas verblasste Schulfranzösisch in der Hoffnung, vielleicht doch noch im höheren Dienst des Auswärtigen Amtes unterzukommen. Dreimal sollte ich noch gegen die schier unüberwindbaren Aufnahme-Hürden anrennen – vergebens. Ich war ein Kandidat unter fünfzig anderen, ohne Bonus und ohne „Vitamin B“. Es sollte nicht sein! Das ursprüngliche Berufsziel einer diplomatischen Karriere, das ich zunächst aus familiären Gründen zurückgestellt hatte, weil es mit dem medizinischen Werdegang meiner Gattin kollidiert wäre, war nun nicht mehr umzusetzen. Ein weiterer Rückschlag und neue Quelle herber Desillusion. „Die wollen keine Regimekritiker und Dissidenten im Auswärtigen Amt. Ein eigenständiger Kopf passt dort nicht hinein“, trösteten mich Freunde. „Wohl auch keine Perspektivagenten?“ rätselte ich. Alles war möglich. Schließlich sorgten die oft subtilen und hoch professionellen Diskreditierungskampagnen aus den Desinformations- und Diversionsabteilungen der „Securitate“ gegen Andersdenkende im Exil für Unruhe und Verunsicherung. Also musste ich mich neu orientieren.

Kapitel aus : Ost- West- Geschichten. Aus dem Tagebuch eines Andersdenkenden.

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