„Schreibhemmung“? Aus der „Freiheit von Forschung und Lehre“ in die Einsamkeit

Als sogenannter Bürgerrechtler und Dissident ist man – was im französischen Ausdruck auch „porte parole“ mitschwingt – der Träger, Fürsprecher und Verkünder von Ideen, die viel mit Freiheit, Recht und Gerechtigkeit zu tun haben. Eine bestimmte Situation bringt diese Funktionsträger hervor. Ist ihre Aufgabe erledigt, treten sie ins Glied zurück, es sei denn, dass sie als moralische Symbolfiguren in ein Amt gewählt werden wie Lech Walesa von „Solidarnosc“ oder Václav Havel, die ins höchste Amt im Staat aufstiegen.

Dissidenten kommen aus dem Volk – und sie verschwinden wieder in der anonymen Masse. So wollte auch ich es halten und im Verlauf der regulären Studien an der Universität wieder zum ganz normalen Menschen werden. Die frühere Rolle ablegen, das war nicht allzu schwer; doch die „Freiheit an sich“ aufgeben, die alle Bereiche des Lebens durchzieht, das konnte ich nicht.

Als Kämpfer an einer anderen Front hatte ich einiges gewagt und viel verloren. Jetzt zahlte ich einen hohen Preis für eine Hybris, die eigentlich nur Freiheit sein wollte, indem ich mich aus dem akademischen Betrieb zurückzog, ohne rechte Lust, überhaupt wieder dozieren zu wollen. Die Enttäuschung war nachhaltig, weil mit einem verlorenen Prinzip ein gesamtes System ins Wanken geriet – gerade das System, an welches ich ein Leben lang geglaubt und an dessen Idealen ich in jeder Situation festgehalten hatte. Das Wirken an der Alma Mater verlor – über Würzburg hinaus – seinen Reiz über Nacht und wie es schien für alle Zeit. Die Enttäuschung wurde übermächtig, denn das Unerwartete, ja unmöglich Erscheinende war eingetreten. Der Sumpf der Hydra – auch dort in den höheren Sphären des Seins, an der Keimstätte des Humanum?! Gab es denn überall in der Gesellschaft nur noch Heuchelei?

In der langen Auseinandersetzung mit der verbrecherischen „Securitate“ hatte ich keine besondere Tugendhaftigkeit erwartet, auch keine menschliche Größe – doch an der Deutschen Universität? Ferner konstatierte ich einen schalen Geschmack, verbunden mit dem Bild einer Hochschule, die in bestimmten Bereichen statt auf die Förderung von Leistung zu setzen, aus menschlichen, allzumenschlichen Motiven heraus die Verhinderung von Forschung und Wissenschaft betrieb. Es wunderte mich jetzt nicht mehr, wenn schwache Professoren schwache Schüler nach sich zogen; wenn einige den Weg des Geistes hemmten, statt ihn zu fördern; wenn andere fern vom Dialog, feige im Obskuren agieren, gar aus dem Busch schießen oder aufgrund persönlicher Rivalitäten die freie Lehre abwürgen. Akademische Freiheit – ein Hohn!

Dass in dieser „verkehrten Welt“ auch – die aus meiner Sicht falschen – Personen geehrt und ausgezeichnet wurden, hatte aus dem Blickwinkel der anderen durchaus seine Richtigkeit.

Zurück geblieben war nach alldem ein existenzieller Ekel, den ich auf den gesamten Lehrbetrieb ausdehnte und später sogar auf den weiten Bereich des künstlerischen und wissenschaftlichen Schaffens.

Alle kreativen Impulse ebbten schlagartig ab. Eine Hemmung trat ein, die anders als bei Proust, mehr als eine Schreibhemmung war. Proust verfasste „Sodom und Gomorra“, um die „Schreibhemmung“ zu erklären – ich hingegen wollte überhaupt nichts mehr verfassen und auch nicht mehr für die Allgemeinheit da sein. Weshalb bist du nicht mehr an der Universität?

Weshalb lehrst du und weshalb schreibst du nicht mehr?

Das wurde ich später oft gefragt.

Es gab viele Gründe des Rückzugs und gute Gründe. Die herben Rückschläge in der hehren Welt des Elfenbeinturms, die, nicht anders als im Privatleben, auf allzu große, an sich unrealistische Erwartungen zurückgingen und oft nur auf nicht ausdiskutierten Missverständnissen beruhten, erlebte ich mit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Euphorie und Depression gingen Hand in Hand. Zurück blieb, nach langen Jahren weitgehend altruistischer Tätigkeit und Forschung, eine massive Niedergeschlagenheit im zwischenmenschlichen und im akademischen Bereich, die meine Schaffensaktivitäten auf Jahre hinaus lähmte und eigentlich nie ganz überwunden wurde. Politik, einst „mein Leben“, war fast zur Nebensache geworden.

Auszug aus: Ost-West-Geschichten.

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