„Aufklärung“ vom Schreibtisch aus

Im Herbst 1988, ein gutes Jahr vor dem Sturz des Diktators in Bukarest, in einer Zeit, wo ich für oppositionspolitische Aktivitäten kaum mehr Zeit hatte, diese aber trotzdem nicht vergaß, druckten die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mein umfassendes Statement „Widerstandsbewegungen gegen die Ceauşescu- Diktatur“. Es war eine Art „Offener Brief“ aus der Feder eines Insiders, der auf die selbst mitgestaltete „antikommunistische Opposition“ in Rumänien verwies, ein knapper historischer Abriss der antikommunistischen Proteste seit 1977, die im Aufstand von Kronstadt im Jahr 1987 ihren letzten Höhepunkt gefunden hatten.

Im Westen fanden zu jenem Zeitpunkt erstmals kleinere Anti-Ceauşescu- Kundgebungen statt, die das Interesse der westlichen Öffentlichkeit auf die vergessene Diktatur im Osten Europas lenken sollten. Auch Intellektuelle aus dem Umfeld von William Totok in Berlin mobilisierten die deutsche Öffentlichkeit, unter ihnen „neue Akteure“ der „Dissidenz“ wie Herta Müller und Richard Wagner, die 1987 Rumänien endgültig verlassen und seit einigen Monaten in der ihnen lange Zeit suspekten Bundesrepublik Deutschland Zuflucht gefunden hatten. Offensichtlich hatten die in den Jahren vor ihrer Ausreise angeblich „schikanierten“ Schriftsteller, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich verfolgten Systemzöglinge, die noch im Herbst 1984 die Führungsrolle von Ceauşescus Kommunistenpartei uneingeschränkt anerkannten, ihre Meinung über die RKP sowie ihre Einschätzung der Verhältnisse im Rumänien kurz vor dem ökonomischen Kollaps geändert und einen „Strategiewechsel“ vollzogen: Gegen das Bleiben und für das Heil im Gehen. Die Titanic sank – und der Loste und Fürsprecher Nikolaus Berwanger war auch schon auf und davon! Als Folge der Anti- Ceauşescu – Kundgebung und Agitation erhielten einige aus dem Kreis der frisch Ausgereisten, namentlich William Totok, Herta Müller, Richard Wagner und Helmuth Frauendorfer obskure Morddrohungen. Die sogenannten „Söhne Avram Iancus“, angeblich eine rechtsradikale Geheimorganisation, in Wirklichkeit Teil einer möglichen „Securitate-“ Maskerade, bedrohten sie in fragwürdigen Briefsendungen. In den Schreiben erheben die angeblichen Rechten – im Dissens zu jeder Logik – gegen die Adressaten den Vorwurf, sie hätten von den Förderungen in Rumänien profitiert – und nun, im freien Westen angekommen, würden sie sich in Undankbarkeit gegen das Rumänische Volk wenden – und dorthin spucken, wo sie früher gegessen hätten.

Wohin ich einmal spuckte, besagt ein rumänisches Sprichwort, dort esse ich nicht mehr. Den vier deutschstämmigen Literaten, aus deren Kreis nur Totok einen direkten Zusammenprall mit der „Securitate“ riskiert und die Konsequenzen getragen hatte, wurde Illoyalität und Inkonsequenz angekreidet. Vermutlich nahm die rabiat gewordene „Securitate“ den von der KP Geförderten und Prämierten ihr spontan aufkommendes Antikommunismus-Engagement sehr übel!? Vielleicht! Vielleicht auch nicht!

Wer hier eigentlich sein Verwirr- „Spielchen“ trieb, ist bis heute fragwürdig. Cui bono?

Schließlich konnte das Ganze auch als Katalysator einer neuen Strategie gesehen werden, um den „mental weltanschaulichen“ Umschwung der staatsloyalen Marxisten und Systemprofiteure erklären. War es denn normal, dass aus überzeugten Kommunisten und Mitgliedern der RKP quasi über Nacht furiose Antikommunisten wurden?

Dank der Mithilfe einiger linker Journalisten aus dem Spiegel-Umfeld wurden Herta Müller und Richard Wagner in der deutschen Öffentlichkeit ab 1987 zu regimekritischen „Dissidenten“ stilisiert, obwohl wahrhaftige Dissidenz nur auf William Totok zutraf, der bereits um 1972 kritische Poesie verfasst und für seine regimekritischen Aktionen im Jahr 1975 acht Monate in Haft war. Aus „einem kritischen Linken“ machten deutsche Journalisten gleich eine ganze Gruppe!

Das langjährige KP-Mitglied Richard Wagner hingegen und seine von den rumänischen Jung-Kommunisten geehrte Lebensgefährtin Herta Müller, deren Haltung zur RKP noch immer nicht aufgeklärt ist, hatten bis zu ihrer Ausreise im Jahr 1987 nicht wirklich opponiert. Ganz im Gegenteil. Ihre Publikationen wurden sogar von den Kommunisten gefördert und möglich gemacht, während beide als kulturelle „Repräsentanten“ eines liberal toleranten Rumäniens sogar in den Westen reisen konnten, Herta Müller mehrfach und Richard Wagner noch im Jahr 1985, als er zum Schriftstellerkongress nach Münster in Westfalen reisen durfte und danach noch weitere fünf Wochen als „Tourist“ durch die Bundesrepublik.

Von echter Verfolgung war da noch keine Rede! Trotzdem kultivierte gerade Herta Müller nach 1988 das neu erworbene Image bis hin zum Nobelpreis für Literatur, der ihr ohne die fragwürdige Dissidenz nie zugesprochen worden wäre.

Da seinerzeit keiner ausreichend massiv öffentlich widersprach, glaubte man ihr ihre Verfolgungsgeschichte – und sie lebte bisher gut damit; dies aber zum Nachteil der wirklichen Dissidenten aus den Gefängniszellen, die in der bundesdeutschen Gesellschaft kein wirkliches Gehör fanden – bis heute! Die komplexe, für viele Nichteingeweihte kaum zu durchschauende Materie wurde bereits von mir in der „Symphonie der Freiheit“ erörtert, darüber hinaus in mehreren hundert Beiträgen, Kommentaren zu Presseberichten, in Internetforen und Blogs, weltweit von Bukarest über Schweden bis in die USA, vor der Nobelpreis- Vergabe und danach.

Die eigentliche Debatte aber kommt noch, wenn die literaturhistorische Forschung das Thema aufgreift und differenziert aufarbeitet. Dann kann es ganz große Überraschungen geben. Ich selbst werde als inzwischen „akkreditierter Forscher“ bei der rumänischen Gauck-Behörde CNSAS in Bukarest Akteneinsicht nehmen und die Aufklärung weiter führen.

Nach dem Fall der Mauer und der bereits erfolgreichen Revolution von Temeschburg veröffentlichte die FAZ meinen Bericht „Die Proklamation von Temeschburg“, in welchem die ersten Demokratisierungstendenzen der Nach- Ceauşescu-Ära konturiert wurden. Die in dem Manifest geforderte „Verurteilung des Kommunismus“ ist inzwischen zwar in dem „Bericht zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien“ theoretisch erfolgt. Doch alle weiteren Erwartungen an den Demokratisierungsprozess, inklusive einer „Rehabilitierung der Opfer des Kommunismus“, wurden bis heute nicht umgesetzt!

Kapitel aus : Ost- West- Geschichten. Aus dem Tagebuch eines Andersdenkenden.

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