Wer zu „Späth“ kommt, den bestraft kein Leben

Wer zu „Späth“ kommt, den bestraft kein Leben!

 

Jetzt, im Saal, in der Erwartung der historischen Ausnahmepersönlichkeit, waren die Reflexionen wieder präsent. Etwas unruhig sah mich um. Der Einklang freudiger Erwartung bestimmte die Menschen im Saal. Viele der Anwesenden hatten die gerade erst abgelaufenen Entwicklungen noch nicht vergessen. Die Emotionen waren noch wach und drängten sich wieder auf. Der Fall der Mauer – das Ende des Reiches des Bösen. Sie alle hatten die Abläufe der Wiedervereinigung erlebt, auf ihre Weise, mit deutschen Augen und mit deutschem Herzen erfühlt. Und weil es Deutsche waren, interpretierten sie auch den Lauf der Geschichte, die ihnen die nationale Einheit wieder schenkte, nicht nur rational, vielmehr aus dem Gefühl heraus. Plötzlich wurde es still im Festsaal.

Unten, vor den Augen der Menge, betrat Michail Gorbatschow die Bühne. Frei und souverän als große Gestalt der modernsten Weltgeschichte.

Nach Hegel und Nietzsche bestimmten die großen historischen Individuen den Lauf der Weltgeschichte – die Cesare Borgias der Neuzeit, die Napoleons … War Michael Gorbatschow einer von ihnen? Oder entsprach er doch eher dem Typus des großen Humanisten nach dem Renaissancemenschen, der aus tieferen ideellen Beweggründen wirkt und schafft?

Freundlich in die Menge lächelnd und gewandt schritt er über die Bühne zum Podest hin, wo er nach erfolgter Laudatio auch zu den Menschen sprechen sollte. Doch wer würdigte seine Verdienste hier und heute?

Späth, Lothar Späth?

Einer, der diesmal nicht zu spät kam und dafür auch nicht vom Leben bestraft wurde?

Fast hätte ich ihn vergessen, denn neben Gorbatschow wirkte der oft gut gelaunte und witzige Ministerpräsident der Badener und Schwaben außer Dienst, den ich sonst sehr schätzte, so nebensächlich und fast trivial!

Gorbatschow bestach und war so bescheiden und menschlich wie immer. Einige seiner tieferen Züge, die auf ihre Weise mein Schreckensbild des Russen korrigierten, hatten mich immer schon berührt. Sie hatte ihn mir, den seinerzeit mächtigsten Mann des kommunistischen Weltreiches, in unbestimmter Erinnerung an den eigenen Vater, intuitiv sympathisch erscheinen lassen, von Anfang an, bereits zu einem Zeitpunkt, als andere in ihm noch den „cleveren“ Public Relations-Künstler sahen, ihn gar in die Nähe des NS-Demagogen Joseph Goebbels rückten.

Mit dem Herzen sehen, ihn über die eigene Wesenheit zu erfassen, das schien mir bei Michael Gorbatschow der wahre Weg zu sein. Gorbatschow war mir einst im Traum erschienen, gleich nach seinem Antritt als Lenker des Sowjetreiches, wohl als Projektion eigener Erwartungen – als herbeigewünschter messianischer Hoffnungsträger, als positive Rettergestalt, als weißer Ritter, voller Zuversicht, in fernster Erinnerung an den triumphierenden Erzengel Michael, der sich über die Bestie erhebt, zu dem ich oft als junger Ministrant in der Dorfkirche hochgesehen hatte, wenn ich frühmorgens auf Knien die Litanei absolvierte. Das Humane seines Wesens erwuchs aus dem Gesicht, dessen milder, Vertrauen schaffender Ausdruck die künftigen politischen Handlungen schon vorwegzunehmen schien. Und jetzt stand dieser Hoffnungsträger, an dem zeitweise das Schicksal Europas, ja selbst der Welt hing, als später Triumphator vor uns.

Michael, mein Begleiter neben mir, strahlte – auch ich war tief erregt. Die Macht des Augenblicks nahm alle ein. Manch ein Anwesender aus Ludwigsburg und der Region um Stuttgart hätte das Idol gerne umarmt, nicht nur Frauen, und ihm, dem Russen, die Hände geschüttelt.

Die alte Völkerfeindschaft zweier Weltkriege schien für alle Zeiten vergessen und aufgelöst. Es war wie eine freie „Unio mystica“ der Masse mit einer Idee – ein Zusammenfall der Gegensätze, eine „Coincidentia Oppositorum“ lange getrennter Welten. Enthusiasmus lag in der Luft – unmittelbare Begeisterung.

 (Essay Gorbatschow, Teil 4, Part 4)

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