Warten auf … den Retter!

Warten auf … den Retter!

 

Als sich vor nicht all zu langer Zeit, im Jahr 2003, erstmals die Gelegenheit bot, diesem „Retter der Welt“, denn nicht viel weniger war er in meinen Augen, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, Tuchfühlung aufzunehmen und ihm vielleicht im innigsten Dank für das Unterlassene die Hand zu schütteln, nutzte ich den Tag und die Gunst der Stunde und reiste nach Ludwigsburg.

Ludwigsburg, der königliche Lustgarten Württembergs, war eine vertraute Stadt. Früher, während den Anfängen meiner Studienzeit um 1983, als unsere Kulturzeitschrift nomen konzipiert und ediert wurde, kam ich regelmäßig in die alte Residenz. Nicht zum eigenen Plaisir oder um dem mondänen Lustwandeln zu frönen, das seit der Säkularisation auch die bürgerlichen Schichten des Volkes erfasst hat, noch um das architektonische Erbe eines rücksichtslosen Autokraten zu bewundern, der seine Untertanen bis nach Amerika verkauft hatte. Damals lockte das schöne Ludwigsburg eher als Stätte der Literatur, als künstlerischer Ort, wo sich Gleichgesinnte trafen, Intellektuelle und kreative Köpfe aller Art, hauptsächlich aber Literaturschaffende, Schriftsteller, Dichter und Kritiker. Sie kamen aus ganz Südwestdeutschland und hatten sich zu einer losen literarischen Gruppierung zusammengefunden, die unter dem bescheidenen Namen „Literateam“ fast so bekannt wurde wie anno dazumal die Schwäbische Dichterschule um Uhland, Schwab, Kerner und Lenau, dem schwarz gefiederten Raben aus Ungarn.

Alle paar Wochen trafen wir in uns ungezwungen in einer Schenke in der Innenstadt. In Lesungen wurden eigene Kreationen dargeboten. Die Teilnehmer diskutierten gemeinsamen Editionen, Anthologien und anstehende Projekte. Wie in solchen Kreisen üblich, lamentierten, polemisierten und stritten sie untereinander – doch mehr über literarische als über gesellschaftliche Themen und ganz im Geist einer dialektischen Streitkultur, die auf Erkenntnisgewinn setzt, ohne dabei persönliche Animositäten und künstlerische Rivalitäten hervor zu kehren. Kurz, alle lebten und erlebten das literarische Kunstwerk im kommunikativen Miteinander und im Dialog. Da mich seinerzeit als literarischer Ressortleiter der Zeitschrift nomen überwiegend Fragen und Kriterien literaturwissenschaftlicher Wertung beschäftigten, wurde ich von den meisten aktiven Lyrikern und Prosaisten des Kreises als „Kritiker“ wahrgenommen. Herbert, den Freund fürs Leben, hatte ich in jenem Umfeld zum ersten Mal als eigenwilligen Gedankenlyriker erlebt – und seine siebzehnjährige Tochter Iris, heute eine zunehmend bekannter werdende Malerin, die damals gerade mit dem Dichten begann. Doch das war zwanzig Jahre her!

Inzwischen war viel Wasser den Neckar hinab geströmt, und die Welt hatte sich in einer Art verändert, wie ich es mir, als ich noch im Kerker saß, in hoffnungsvollsten Vorstellungen nie hätte ausmalen können. Aus Ludwigsburg, der beschaulichen Barockresidenz mit Nebengebäuden, war eine richtige Stadt geworden. Und wie alle richtigen Städte der Neuzeit wirkte sie im Alltag unmusisch und laut. Wo war die prunkvolle Schlossanlage? Irgendwo hinter profanen Zweckbauten verborgen. Es dauerte eine Weile, bis ich sie wieder gefunden hatte. Zielstrebig steuerte ich auf die Veranstaltungshalle zu, wo das große Ereignis stattfinden sollte. Eine Viertelstunde später fand ich mich dann in einem großen Saal wieder, inmitten von Menschen, deren Blick erwartungsvoll auf ein Podest gerichtet war, das weiter unten auf der breiten Bühne aufgebaut den Mittelpunkt markierte. Sie warteten … und ich wartete mir ihnen, doch nicht wie früher so oft auf die rettende Hand der Gottheit, auf den „Deus ex machina“, sondern auf eine Gestalt aus Fleisch und Blut, auf einen Heros der Neuzeit und auf einen Charakter, der meinen Glauben an das Humanum bestärkt und mein Hoffen auf Wunder intensiviert hatte.

Neben mir ein bekanntes Gesicht – Michael, ein befreundeter Ökologe aus Bad Mergentheim, der als Umweltaktivist über einen Naturschutzverband die Einladungen zu der anstehenden Ehrung erhalten hatte. Nur galt die Ehrung nicht ihm, noch dem Erzengel mit dem Flammenschwert. Geehrt werden sollte „hier und jetzt“ der wohl bekannteste Namensvetter der Neuzeit – der andere Michael, jene politische Persönlichkeit von Weltformat, die seit Jahren nicht nur die Deutschen in den Bann geschlagen hatte – Michael Gorbatschow!

Eigentlich stand er seit seinem etwas ruhmlosen Abgang nicht mehr ganz so oft im Rampenlicht. Jelzin, der spätere Präsident des wie Phönix neu aus der Asche der Geschichte emporgestiegenen Russland, hatte ihn gedemütigt und entthront, indem er ihm Russland aus der Sowjetunion entführte. Ein Kaiser ohne Imperium war Michael Gorbatschow, als er ruhmlos abtreten musste wie schon andere Cäsaren vor ihm. Und trotzdem! Im Bewusstsein der Menschen blieb er präsent – als welthistorische Größe, die die Rosenspur der Neunten ermöglicht hatte. Zumindest in meinem Bewusstsein war dies so. Ein Zufall? Während des Wartens versuchte ich zurückzudenken und Gorbatschow in die lange Reihe der Führungspersönlichkeiten einzureihen, die das Gesicht der Sowjetunion seit den Tagen der Oktoberrevolution bestimmt hatten. Lenin, Stalin … Gorbatschow! Wo stand er in der Hierarchie? Er, der erste unter den Namen, der mir beim Aussprechen keinen Schrecken einjagte?

(Essay Gorbatschow, Teil 2, Part 2)

 

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s