Sprache der Herzen

Sprache der Herzen

 

Die Menge applaudierte, als er seine Appelle vortrug und zu den Menschen sprach, spontan und natürlich – aus dem Herzen. Sein Ruhm war ihm vorausgeeilt wie seine Taten, die diesen begründeten. Es war ein cäsarisches Auftreten im freundschaftlichen Forum. Michael Gorbatschow hatte schon gesiegt und gewonnen, bevor er gekommen war. Jetzt ging es nur noch um das Ernten der reifen Früchte, um den späten Lorbeer, der ihm hier – wie überall im wiedervereinten Deutschland – zufiel, während ihm der Dank der Heimat versagt blieb.

Hier im liberalen Südwesten war er wirklich willkommen. Seine entspannte und erfüllte Mimik verriet es, dass er dies auch fühlte. Hier, in Deutschland, war er zwar nicht daheim, doch zumindest in einer Wahlheimat und unter Menschen, die ihm zugetan waren. Wieder warf ich meinem Begleiter Michael einen nach Bestätigung der eigenen Gefühle zielenden Blick zu, ohne dabei weiter an die Namenskoinzidenz zu denken oder an die mythische Rettergestalt der Bibel. Michaels gütiges Gesicht strahlte vor heller Begeisterung, ohne sich im Ausdruck von anderen entzückten Gesichtern abzuheben; ob jung oder alt – die unmittelbare Freude war greifbar. Es war ein kurzes Aufleuchten der Humanität in einer immer noch schwer verfahrenen, wenn auch schon besser gewordenen Welt. Eine natürliche Begeisterung erfüllte den Saal, in dem eigentlich nichts ablief, in dem sich nichts ereignete als ein „Akt des Bestaunens“ und des „Staunens über den Gang der Geschichte“, deren Fortgang nicht nur von Ideen bewegt wird, sondern auch vom Gefühl für das Richtige zum richtigen Zeitpunkt aus dem Geist des Humanum.

Die ganze Gestimmtheit des Raumes wurde nur von einer Person getragen, von einer weltgeschichtlichen Größe, die mit der gleichen Natürlichkeit in die deutsche Provinzstadt gekommen war, wie sie den heimatlichen Kaukasus bereiste. Gorbatschow, ein Ausstrahlungsphänomen an sich, wirkte durch die bloße Präsenz. Ein Nimbus war da, der nicht gesehen, doch gefühlt wurde. Die Herzlichkeit der Menschen verwies darauf.

Vielleicht hätte Hegel beim Anblick der Menschen in diesen Hallen das Walten des Weltgeistes vermutet und Kant den Wink von den Sternen auf den ewigen Frieden. Für Augenblicke schienen sich göttlicher Weltwille und Individualwille zu durchströmen zu einem harmonischen Ganzen, aus welchem das Böse gebannt war. Eine Illusion? Die Menschen hielten den Atem an – überall gelöste Spannung. Etwas vom Hauch der großen Geschichte durchwehte den Saal und erfüllte für kurze Zeit die ehemalige Residenzstadt, die schon manche gekrönte Häupter gesehen hatte, selbst Tyrannen und heimische Sklavenhändler.

Als der Ritus der Ehrung vollzogen war, löste sich die allgegenwärtige Spannung in stürmischen Ovationen – wie nach einer großen Operngala. Die Menschen klatschten rauschenden Beifall und tobten teilweise vor Verzückung – und dies lange Jahre nach Gorbatschows relativ glanzlosem Abtritt. Sie würdigten damit auf ihre Weise die Tat einer Persönlichkeit, die der Weltgeschichte einen neuen Lauf gegeben hatte. Immer noch beeindruckt und gebannt von der besonderen Stimmung im Saal überflog ich die Menge und musterte intuitiv die aufgehellten Gesichter – es waren überwiegend schwäbische, deutsche Gesichter. Und was ich erkennen konnte, das war Dankbarkeit; reinste, innigste Dankbarkeit.

Die Menschen um mich herum, junge und alte Leute, bunt gemischt, mit Videokameras und Fotoapparaten ausgestattet, beeilten sich, den „Nachklang der Weltgeschichte“ für immer einzufangen, das hautnahe Erleben eines besonderen Menschen, der das Gesicht der Welt zum Positiven hin nachhaltig verändert hatte. Sie blickten auf einen leicht gerührten, immer noch sehr menschlichen, ehemaligen Staatschef der Sowjetunion, auf einen Charakter aus einer Welt, die Präsident Reagan als das Reich des Bösen bezeichnet hatte.

Und sie sahen Bilder: Vielleicht sahen sie vor ihrem geistigen Auge, wie der Stacheldraht durchschnitten wurde, wie Grenzen durchlässig wurden – und sie erlebten vielleicht in innerer Sicht, wie Steine wankten und wie die Mauer fiel; und sie fühlten, wie die große Freiheit, getragen von beethovenscher Musik, sich ihren Weg bahnt: „Freiheit schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“ … Friedrich Schiller, der Sohn aus dem kleinen Marbach am Neckar gleich um die Ecke, hatte in Worten verdichtet, was Beethoven inspirierte, lange nachdem Schiller der unfreien Karlsschule entflohen war. Dieser humanistische Geist großer Individuen wirkte hier – Gut und Böse in Versöhnung erlösend.

Weltgeschichtliche Ereignisse wurden für Sekunden zurückgeholt und erfüllten die Herzen der Menschen. Viele waren gerührt – auch ich, ein Abgebrühter, dessen Tränensäcke fast schon ausgetrocknet waren. Schließlich gehörte ich mit zu jenen, deren Ideal sich erfüllt hatte, zu jenen, die die Freiheit schauen durften, auch das Gelobte Land, das andere Eden, die es betreten und genießen durften über die allseits präsente Freiheit. Das war eine späte Satisfaktion der Geschichte – eine Genugtuung der menschlichen Existenz: das Realität gewordene Humanum.

Der ehemalige Staats- und Parteichef der bereits aufgelösten und in viele Einzelstaaten zerfallenen Sowjetunion Michael Gorbatschow war als Haupt seiner Stiftung nach Ludwigsburg gekommen, um für diese einen Preis, eine Ehrung, entgegen zu nehmen. Er kam für das „Grüne Kreuz“, das er als ökologische Initiative alternativ zum „Roten Kreuz“ begründet hatte, um den Menschen zu signalisieren, dass unsere gesamte Welt noch viel mehr Mitverantwortung für unsere lebenswichtige Natur und Umwelt nötig hat. Diese Initiative sah er ganz in der Tradition der gesamtpolitischen Verantwortung für die Welt, die ihm einst als Staatsmann wichtig war; und die ihn bewogen hatte, so zu handeln, wie er handelte, indem er für die Sache der Freiheit eintrat und sie in seinem Einflussbereich ermöglichte. Das Grüne Kreuz, dessen Symbolik bei mir so manche Assoziationen wachrief, fand den höflichen Beifall der schon lange ökologisch sensibilisierten Menschen – doch ihre eigentliche Begeisterung galt dem großen Staatsmann, der als Apologet und Vollender politischer Freiheit in die Weltgeschichte eingehen wird.

 

(Essay Gorbatschow, Teil 5, Part 5)

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