Freiheit schöner Götterfunken – zum Fall des Kommunismus in Osteuropa

Freiheit schöner Götterfunken – zum Fall des Kommunismus in Osteuropa

 

Als ich abends, auf einer Liege zur Ruhe gekommen, noch einmal über die Ereignisse des so angenehm verflossenen Tages nachdachte, die den Verlauf der europäischen Geschichte nachhaltig zum Guten hin verändert hatten, blendete ich intuitiv zurück und ließ die historische Bilderfolge der letzten Jahre vor meinem geistigen Auge abrollen: den Fall der Mauer – ein Jahrhundertereignis, dessen Bann man sich als Deutscher kaum entziehen kann; Szenen aus der blutigen Revolution in Rumänien, die in den Straßen meiner Geburtsstadt Temeschburg begonnen und in der Hauptstadt Bukarest ihre Vollendung erfahren hatte. Wie im Trance sah ich die Fahne im Wind, die Trikolore, aus der man die kommunistischen Symbole der Macht gerissen hatte; auch sah ich begeisterte junge Menschen auf den Straßen, die sich erstmals ihrer Freiheit bewusst wurden – und ich sah einen enthusiastisch euphorisierten Dichter, der umringt von jubelnden Landsleuten, den Sturz des letzten großen Tyrannen in Europa und das Ende der kommunistischen Diktatur in Rumänien verkündete. War das der Sturm auf die Bastille in neuen Bildern? Europaweit fielen die Bollwerke der Unterdrückung in sich zusammen wie morsche Bäume, die sich selbst überlebt hatten. Die Morgendämmerung der Freiheit kündigte sich an – und die Glocken der Freiheit waren überall im Osten des Alten Kontinents zu hören, begleitet von der Symphonik eines Beethoven, der seine Musik der Freiheit schon fast zwei Jahrhunderte vorher für solche Augenblicke komponiert hatte.

Von ihren symphonischen Klängen getragen fielen die kommunistischen Basteien nach Ostberlin in Prag, Warschau, Budapest und Bukarest. Die drei baltischen Staaten, Estland, Lettland und Litauen, entzogen sich der sowjetischen Umklammerung, verkündeten ihre Souveränität und setzten ihre alten demokratischen Verfassungen in Kraft, die seit der Fremdbestimmung suspendiert worden waren. Gorbatschow hatte diese Befreiungs-Prozesse ermöglicht, indem er kaum Panzer schickte und keinen drastischen Schießbefehl erteilte.

Doch weshalb erklang gerade Beethovens Neunte auf den Straßen von Wilna? Der damalige Präsident Litauens, Vytautas Landsbergis, der nicht nur ein kluger Politiker, sondern auch ein glänzender Musiker ist, verwies auf den wahren Grund. Die Neunte, betonte er damals, sei eine „Symphonie der Freiheit und des Sieges über Sklaverei, Heimtücke und tiefsten Hass.“ Damit hatte er nicht nur den Menschen aus der Seele gesprochen, die von der Freiheit der Musik getragen wurden. Er hatte auch die „Konzeption eines Buches fast vorweggenommen, das erst fünfzehn Jahre danach ohne Kenntnis des luziden Ausspruchs angegangen wurde: dieses Buches in zwei Bänden!

US-Präsident George Bush, der Vater des nicht ganz so glücklichen George W. Bush, zwei Wahlperioden im gleichen Amt, der, wie andere seiner großen Vorgänger, ein Visionär war und als Botschafter im Reich der Mitte tieferen Einblick in die Welt des Kommunismus hatte nehmen können, würdigte den Siegeszug der Freiheit in Osteuropa in einer richtungweisenden Rede vor Studenten an der University of Texas. Bushs von Pathos getragene Apologie der Freiheit kulminiert in der vielsagenden Erkenntnis, „die Zeit der Diktatoren sei abgelaufen“ – und dies dank des mutigen Einsatzes von Widerständlern und Dissidenten aus Osteuropa, die durch ihr persönliches Engagement die weltpolitischen Entwicklungen erst möglich gemacht hätten.

Die Welt der Tyrannei und der Unterdrückung, von Präsident Ronald Reagan noch als Reich des Bösen apostrophiert, in welcher den Menschen, fern von jeder Wahl, gesagt wurde, was sie zu denken, zu lernen, wo sie zu arbeiten und zu leben hatten, sei nur deshalb überwunden worden, weil mutige Menschen sich ihr widersetzten: „Selbst im Angesicht des Todes leisteten sie Widerstand,“ betonte Präsident George Bush.

Der amerikanische Präsident nennt in seiner Ovation des freiheitlichen Widerstands einige geschätzte Widerständler und Dissidenten beim Namen. Neben Andrej Sacharow, dem Ahnvater aller Dissidenten im Ostblock, hebt er Arbeiterführer Lech Walesa hervor, den Elektriker aus Gdansk, dann Václav Havel, den Dramatiker aus Prag, der für seine Überzeugungen lange im Gefängnis saß. Neben den späteren Staatschefs Polens und Tschechiens werden auch weniger bekannte Namen hervorgehoben wie Árpád Göncz, seinerzeit amtierender ungarischer Präsident, der schon früher ein Mann des freien Wortes war. In der kommunistischen Zeit agierte er als konsequenter Dissident, während sein tschechischer Kollege aus der gleichen Zunft, der Journalist Cestimir Suchy, nach 1968 sein Überleben als „Fensterputzer“ sichern musste, weil er sich geweigert hatte, den Einmarsch in Prag zu verharmlosen. Die Würdigung des Freiheitskampfes der Völker, der von herausragenden Individuen getragen wurde, die nicht alle namentlich genannt werden können, schließt mit den Worten: „Heute, wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte, setzt sich die Freiheit in der ganzen Welt durch, weil Freiheit funktioniert. Freiheit ist nicht nur richtig, sie ist auch praktisch. Sie ist nicht nur gut, sie ist besser. Und es ist auf den unzähmbaren Geist des Menschen zurückzuführen, dass die Zeit der Diktatoren abgelaufen ist.“

Ein Name allerdings blieb bei Bush ungewürdigt. Der wichtigste von allen:

Michael Gorbatschow.

Ihn, der mit Glasnost und Perestroika all das in Bewegung gebracht und ermöglicht hatte, was zur Befreiung der Völker Osteuropas und der späteren GUS-Staaten geführt hatte, konnte Bush im Jahr 1990, kurz nach dem Zusammenbruch der Warschauer Pakt-Konstellation, als die Rede gehalten wurde, noch nicht würdigen. Während die sogenannten „2+4-Gespräche“ geführt wurden, die eine Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichten, zerfiel unter den Fingern Gorbatschows die Sowjetunion. Bush und Gorbatschow standen sich auf dem seinerzeit bevorstehenden Gipfeltreffen auf der Insel Malta noch als weltpolitische Gegner gegenüber, im Gespräch zwar, doch immer noch mit unterschiedlichen Interessen und Prioritäten.

Während auf höchster Ebene verhandelt wurde, um die Welt trotz ideologischer Diskrepanzen sicherer zu machen, ging der Siegeszug der Freiheit im östlichen Teil Europas weiter. Die Balten waren die ersten unter den ehemaligen Sowjetrepubliken, die ohne Blutvergießen in die Freiheit entlassen wurden. Andere Völker folgten der friedlichen Entwicklung.

Zu Gewaltanwendungen und hohem Blutzoll kam es nur an einem Ort im ehemaligen Ostblock – in der Diktatur Nicolae Ceauşescus, in Rumänien. Der letzte der finsteren Despoten setzte weiterhin auf Repression, noch 1988 bereit, mit den Truppen des „Warschauer Paktes“ in Polen einzumarschieren, solange, bis die heraufbeschworene Gewalt sich gegen ihn selbst richtete.

Als Präsident Bush vor texanischen Studenten sprach, hatte sich Ceauşescus Schicksal bereits vollendet. Seit der Aburteilung im „Kurzen Prozess“ und der anschließenden Hinrichtung war ein halbes Jahr verstrichen. Präsident Bush erwähnte Ceauşescus Namen nicht, als er vom Ende der Diktaturen in Europa sprach, obwohl das Los des „letzten Diktators“ das überwundene Phänomen am treffendsten einfing.

Auch wurden in der Rede keine rumänischen Andersdenker oder Dissidenten genannt, so als ob es in Rumänien keine Dissidentenbewegungen gegeben hätte. Dafür gab es Gründe; viele Gründe, die mit dem Sonderweg der rumänischen Diktatur zusammenhängen, mit einem Sonderweg, in dessen labyrinthisch obskure Struktur erst jetzt in distanzierter Rückschau Licht und Klarheit gebracht werden kann – und für diese Prinzipien, für Glasnost und Perestroika, steht ein Name der Freiheit: Michael Gorbatschow!

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