Die „Matroschka“ – sowjetische Geschichte im Zeitraffer

Die „Matroschka“ – sowjetische Geschichte im Zeitraffer

 

Entzündet an einem Reisesouvenir aus Moskau, hatte ich mich gerade erst vor wenigen Tagen mit dieser überragenden Persönlichkeit der Zeitgeschichte beschäftigt und, ein naives Abbild in den Händen haltend, über Gorbatschows Rolle in der Geschichte nachgedacht. Während eines Mittagmahls bei guten Freunden in Wachbach war mir ein originelles Mitbringsel aus Russland aufgefallen, ein Volkskunstwerk aus dem neuen, vielfach veränderten Russland. Es war eine Matroschka, im Westen auch als Babuschka bekannt – ein enigmatisches Präsent, das eines ist und auch keines ist, weil es bei näherem Erkunden in immer kleinere Gestaltungen zerfällt wie die Ringe einer Zwiebel in der schälenden Hand. Ideen kommen auf und verfliegen mit jedem neuen Bild. Vielleicht, um auf diese heiter amüsante Weise eine philosophisch tiefsinnige Botschaft zu vermitteln als leiser Hinweis auf die Vergänglichkeit der Dinge, die da nur flüchtig sind, um zu verkümmern und bald im Nichts zu entschwinden, je mehr man sich Kern und Wesenheit nähert.

Nur verkörperte jene Babuschka in meinem Händen nicht wie gewöhnlich eine altrussische Puppenmatrone im Bauerngewand, sondern, die identitätsbestimmende Tradition krass parodierend, eine politische Variation. Auf jeder Hülle erschien das Konterfei eines Führers der einst „glorreichen Sowjetunion“, beginnend mit dem Revolutionär Lenin bis in die neueste Zeit mit Präsident Vladimir Putin als Endpunkt. Putin, der neue starke Mann Moskaus auch heute noch, von dem sogar zu befürchten ist, dass er das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen könnte, als Winzling! War das kein Sakrileg? Oder verwies die frivole Parodie auf die neue Freiheit hinter den Kremlmauern?

Als ich das grell bemalte Riesenei aus leichtem Ahornholz zu entpacken begann und angestrengt mit etwas Geschick die naiv bemalten Weichholzschalen staunend auseinandernahm, fühlte ich mich in eine Zeitmaschine versetzt, die mich rasend schnell ein Jahrhundert zurückkatapultierte, hinein in die Zeit der Oktoberrevolution, wo der Winterpalast gestürmt und alle Romanows bald danach unmenschlich exekutiert worden waren; schon fühlte ich mich zurück- und hinein versetzt in das postzaristische Russland Lenins, Trotzkis und Stalins, wo einst eine für viele Millionen Osteuropäer verhängnisvolle Entwicklung ihren Anfang genommen hatte.

Indem es Lenin nach Russland lotste und den bolschewistischen Aufruhr mit substanziellen Geldmitteln stützte, hatte das Deutsche Reich als Geburtshelfer einer neuen Ära mitgewirkt. Unbeabsichtigt hatte es dabei mitgeholfen, die Weltanschauung des Kommunismus für viele Jahrzehnte zu instaurieren, kurz bevor es selbst an sozialistischem Streben und kommunistischen Umtrieben zerbrach. Es quietschte beim Drehen der Eierschalen aus Lindenholz. Und jeder Schauerton brachte neue Gesichter hervor – neue Physiognomien mit neuen Bildern und hundert Assoziationen.

Es war ein Ausflug in die „Geschichte der Sowjetunion“ im Zeitraffertempo, was sich mir darbot: rote Geschichte, blutrote und blutige Geschichte: Den Anfang als dickstes Ei machte „Lenin“, der Ahnherr und Begründer der Sowjetunion und ihr unbestrittenes ideologisches Haupt, Vorbild für Generationen bis zum Fall des Weltreiches in jüngster Zeit! Er bildete übergroß und mächtig die äußere Hülle des synthetischen Zwiebelrings. Sein Schädel hatte die Größe eines Straußeneis. In Wladimir Iljitschs hohlem Bauch folgte dann, immer noch gewaltig erhaben als Ei eines Aasgeiers, die eigentliche Ausgeburt der bolschewistischen Revolution: der Menschheitsverbrecher avant la lettre „Stalin“. Die Fratze des Stählernen ließ mich zurückschrecken – als Albtraum: „Väterchen Stalin“, bei dessen erlösendem Tod Millionen weinten, war ein zynischer Tyrann übelster Ausprägung, ein Diktator ohne Erbarmen, der unter den hundert Völkern der Sowjetunion noch schlimmer gewütet hatte als außerhalb der Staatsgrenzen im Krieg. Es war das schnauzbärtige Zerrbild des Bösen als Gesicht eines Diktators, der nur noch mit einem „Untermenschen der Menschheitsgeschichte“ verglichen werden kann, mit einem Wahldeutschen, dessen Name in den Ohren ganzer Völker so schrecklich klingt wie alles, was mit Stalinismus assoziiert wird, in den eigenen. Wer war der größere Verbrecher: Hitler oder Stalin? Eine Frage der Perspektive, auch aus historischer Sicht? Die gesamte Biografie dieses menschlichen Zerrbildes war eine Verbrechergeschichte – von Anfang an. Und der „Terror“, den er verbreitete, selbst im Kreis seiner engsten Angehörigen war schlimmer als die Angst vor dem Tod.

Aus sicherer Distanz heraus setzte ich die Entblätterung fort. Dem Stählernen folgte die rein physisch imponierende Puppe eines Apparatschiks mit freundlichem Gesicht. Es war der immerhin schon weitaus liberalere Chruschtschow, der ungeachtet uneingeschränkter Parteiloyalität trotzdem den Mut aufbrachte, die vielfachen Verbrechen Stalins offen zu legen, eine Vergangenheitsbewältigung anzuregen und den Entstalinisierungsprozess einzuleiten. Chruschtschow, ein agrarischer Mensch, der dem Bauer und dem Rindvieh näher stand als orthodoxer Marxistendoktrin, hatte eingesehen, dass eine Weiterentwicklung der Sowjetunion nur nach Überwindung des stalinistischen Systems durch breite gesellschaftliche Reformen erreichbar ist. Ideologisch zwar weniger verbohrt als seine Vorgänger und nach wie vor schnöder Machtpolitiker des Kalten Krieges brachte er die Welt an den Rand eines alles vernichtenden Atomkriegs. Doch durch ihn wurde auch das „Phänomen Solschenizyn“ möglich – und mit dessen Wirken eine Welle der Aufklärung über die Welt des Kommunismus hinter dem Eisernen Vorhang, ein erster Anflug von Glasnost und Perestroika. Ahnten meine Gastgeber, was in meinem Kopf vorging, im Schädel eines Entsprungenen?

Wohl kaum! Wer die Heilslehre des Kommunismus nicht auf eigener Haut erlebt hat, der kann auch nicht wissen, was der Kommunismus wirklich war. Sowjetischer Imperialismus und osteuropäische Geschichte sind für viele Menschen des Westens unbekannte, siebenfach versiegelte Themen.

Das bemalte Lindenholz wurde leichter. Die nächste Enthüllung förderte Leonid Breschnew an das Licht der Welt, einen behäbigen Partei- und Staatschef, der als kühler Machtzyniker alten Schlages in die Geschichte einging. Er stand für den Status quo im Ostblock, für das lodernde Prag und für einen auf Ewigkeiten zementierten Weltkommunismus. Stets hatte ich in ihm nur ein lebendes Fossil gesehen, eine Mumie, deren mentale Trägheit und Unbeweglichkeit für die Kontinuität der Unterdrückung im gesamten Ostblock verantwortlich war. Er war der gnadenlose Puppenspieler, der die Marionetten tanzen ließ, Ceauşescu und Honecker, Gierek, Husak, Kadar und Schivkov – alle nach seiner Façon! Panzer und brennende Märtyrer – das war sein Vermächtnis! An meinen Augen huschten noch einige Schreckensgesichter vorbei, Führer der Sowjetunion, doch Figuren des Übergangs wie der einstige KGB-Chef Andropow und der Parteisoldat Tschernenko. Ihre Namen waren so blass wie ihre Taten. Kaum einer erinnert sich noch ihrer flüchtigen Erscheinung.

Erst spät in der Zeitordnung immer deutlicher zusammenschrumpfender Puppenfiguren erschien als Kulminationspunkt dieses Ritus der Enthüllungen der Mann mit dem Stigma am Haupt, der Gezeichnete, an dem mein Blick viel länger haften blieb. Der Auserwählte? Es war die einzige Ikone mit humanem Antlitz: „Michael Gorbatschow“.

Nur war er in jener Puppen-Ordnung bereits winzig ausgefallen, verschwindend klein, zum Taubenei reduziert, zum Friedenstauben-Ei und kaum noch zu unterscheiden von den ihm nachfolgenden Jelzin und Putin. Was hatten die von seiner wahren Größe? Nichts! Boris Jelzin, der Restaurator Russlands, der alten Macht als Reich der politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht, schien als schmächtiger Schrumpfkopf durchaus seinem „historischen Wert“ zu entsprechen. Wenn ich an ihn dachte, sah ich das Bild einer angeheiterten, sinnenfreudigen Barockgestalt, die unter den Augen eines lachenden Bill Clinton dionysisch enthemmt auftanzt und nach dem Ewig Weiblichen greift, statt nach den Sternen.

Doch ich erinnerte mich auch des überzeugten Halbdemokraten, der irgendwann einmal auch wahre Größe gezeigt hatte, in einer glücklichen Stunde der Geschichte, als er mutig antrat und vom Panzer aus von idealistischen Antrieben bestimmt zum Widerstand gegen totalitäre Restaurationsbestrebungen aufrief, während sein Ziehsohn Putin, der unbemerkt die Stalin-Statuen ausgraben und aufs Podest stellen ließ, mir künftige Rätsel aufgab. Als „Mann des alten Systems“ und der KGB-Ordnung stützte er mit Geld und Macht den Stall, aus dem er kam, den Geheimdienst, das mächtige Militär dahinter, die eigenen Familien und ein Heer von neuen Oligarchen, während die große arme Menge applaudieren durfte wie eh und je.

Alle Ikonen russischer Neuzeit standen bald vor mir in Reih und Glied auf dem weißen Tischtuch als makabre „Geschichte der Sowjetunion“ von Alpha bis Omega. Doch mich faszinierte nur eine Puppe: die mit dem Zeichen!

War er der Auserwählte? Der von Gott Gesandte, der Retter? Michael – nomen est omen, auch in diesem Fall? Lange betrachtete ich die Gestalt in der merkwürdigen Ordnung, die die Werte verschob. Eine Ironie der Geschichte?

Gorbatschow als Endpunkt? Oder stand er für einen neuen Anfang, für ein demokratisches Russland und für ein Entlassen der Völker in die Souveränität und Freiheit? Manche, die den Untergang der großen Sowjetunion bedauerten, waren anderer Meinung.

 (Essay Gorbatschow, Teil 3, Part 3)

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