“Was gesagt werden muss” – unparteiisches Plädoyer für Günter Grass aus ethischer und völkerrechtlicher Sicht

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Holstentor Lübeck – Wahl-Heimat von Günter Grass

Aufklärende “Literatur” als Mittel der Politik?

Eine Apologie

                                                                      Écrasez l’infame, Voltaire

 

Dichter seien die Fühlhörner der Menschheit, schrieb Ezra Pound in einem seiner Essays luzid und klarsichtig wie die Auflärer der Antike und Renaissance.

In der Tat, Dichter sagen nicht nur erst seit Goethe, was sie fühlen und woran sie leiden; sie fühlen auch heute, was ihre Nation bewegt  und  woran die Menschheit leidet.

 Günter Grass’ Gedicht wurde hier (Süddeutsche Zeitung) veröffentlicht:
 

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Ein ethischer Imperativ klingt hier an: Wo andere schweigen, muss der Dichter reden – nach dem Motto:

Wehret den Anfängen.

Wenn  die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel steht, ist kein weiteres Zaudern angesagt. Es ist sogar eine ethische Pflicht, auzustehen und potenzielle Gefahren anzusprechen, anzuprangern!

Wie oft schon stand die Menscheit am Abgrund, vor dem Ausbruch eines Atomkriegs?

Günter Grass

er hat „Klartext“ geredet

und er hat einen prinzipiellen Text veröffentlicht, der die Heuchelei der Welt anspricht, sie geißelt, indem er ein Tabu enttabuisiert. Es ist unwichtig, ob er ein „Gedicht“ verfasst hat,

ein Poem,

gar ein lyrisches Poem –

nicht auf die Gestalt kommt es in diesem Fall an,

sondern auf den Gehalt,

auf ethisch-politische Essenzen,

um die so viele Schreibende einen weiten Bogen machen,

aus opportunistischen Gründen, 

nur um sich nicht mit den Mächtigen anzulegen,

denn Kritik trübt das Geschäft.

(Würde etwa die erst jüngst gekürte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ähnliche Worte finden? Wohl kaum!

Sie rügt ( in der FAZ) die literarische Qualität des Grass-Textes und verweist auf die getragene SS-Uniform, vergisst aber, die Qualität der eigenen literarischen Produktion zu überprüfen und ihr sonderbares Verhältnis mit den Kommunisten während der Ceausescu-Diktatur kritisch anzusprechen. Heuchelei? Siehe dazu meinen Beitrag vom 17. April 2012)

Günter Grass’ „Gedicht“ ist – nach meiner Auffassung – nicht – wie oft und vorschnell unterstellt -   „antisemitisch,

denn es richtet sich nicht gegen die Juden allgemein.

 

Es ist auch streng genommen nicht primär anti-israelisch,

denn es richtet sich nicht gegen das israelische Volk.

 

G. Grass „Gedicht“,

das auch kein Pamphlet ist, keine Hetzschrift gegen bestimmte Weltanschaungen oder politische Überzeugungen,

wendet sich vor allem gegen Doppelmoral,

gegen Zweierelei Maß in der Machtpolitik und es optiert für ein Völkerrecht, das für alle gilt, ein Recht,

vor dem alle Völker gleich sind.

 

Der „prinzipielle Text“ von Nobelpreisträger Günter Grass spricht den „Präventivschlag“ an,

den atomaren Erstschlag,

eine moralisch von keinem Volk der Welt zu rechtfertigende Handlungsform, die nur noch verheerendere Vernichtung, Zerstörung, Hass und Gewalt nach sich ziehen wird.


Günter Grass rief mit seinem Text tausendfache Kritik auf den Plan:

 
 

Fast jeder, der Rang und Namen hat, hat sich dazu geäußert, in der Regel subjektiv, von der eigenen Warte aus betrachtet. Tausende Kommentare wurden im Internet abgegeben – pro und contra.

 

Wollte der Literatur-Nobelpreiträger provozieren?

Wollte er ein letztes Mal auf die Pauke hauen,

auf sich aufmerksam machen,

jetzt, hochbetagt, wo er nichts mehr zu verlieren hat?

War die Aktion nur PR in eigener Sache?

Bestimmt nicht!

Günter Grass wollte Gehör finden – nicht für  (nur) sich,

sondern um eine „prinzipielle Angelegenheit“ international zur Sprache zu bringen.

Das hat er sicher erreicht, auch wenn die „moralische Entrüstung“ in unterschiedlichen Kreisen groß war und Grass vorschnell in die „antisemitische Ecke“ gestellt wurde.

Grass redet Tacheles –

altruistisch zum Wohl der Welt und der Menschheit: denn  nur ein funktionierendes und konsequent umgesetztes Völkerrecht kann die Welt befrieden,

bestehende Konflikte entschärfen,

künftige Weltkriege bannen

und so eine atomare Ausrottung der Menschheit verhinden.

 

Literaturnobelpreisträger Günter Grass,

ein Buch-Autor, der schon vor der Nobelpreisehrung Gehör und Beachtung fand,

eben, weil er – im Gegensatz zu anderen – ein Oeuvre vorzeigen konnte, kritisert in seinem Text „Was gesagt werden muss“ primär die Bundesregierung in Berlin,

namentlich ihre falsch verstandene Solidarität, einem Bedrängten mit atomaren Erstschlagwaffen beizustehen.

Israel entscheidet als souveräner Staat selbst,

wann es den Präventivschlag führt,

in welcher Dimension

und gegen wen.

Wenn Israel die militärischen Mittel hat,

kann und wird es sie nutzen, einsetzen,

ohne allerdings die Konsequenzen übersehen und eingrenzen zu können.

 

Ein Dichter muss es nicht gut finden,

wenn eine „schuldig gewordene Nation“ wie die deutsche Nation einer anderen ein totbringendes Waffensystem zur Verfügung stellt,

das sich gegen andere Völker richtet.

Es darf keine Ausnahmen geben,

keine Vorzugsbehandlungen

auch nicht, wenn diese als „moralische Kompensation“ angesehen werden.

Ein Vorgehen dieser Art hebelt das ohnehin wackelige, nicht gefestigte Völkerrecht aus und führt es ab absurdum.

Unter den Völkern darf es nicht Gleiche und Gleichere geben –

auch keinen Primus inter pares,

schon gar nicht aus Gründen der Staatsraison.

Es reicht schon, wenn sich – wie in der Gegenwart – immer noch das Recht des Stärkeren durchsetzt.

Es wird hingenommen, wenn einige Staaten Atomwaffen besitzen, ohne dass die Weltöffentlichkeit Einblicke über die Dimension erhält,

während Einblicke bei anderen Staaten mit Kriegen durchgesetzt werden. (Irak).

Diese Atomwaffen auch noch pseudo-moralisch legitimieren zu wollen, vermehrt noch den alleszerstörenden Hass, der in Konflikte und Terrorismus führt.

Es ist gut, dass Günter Grass gesprochen hat.

Es ist gut, dass Günter Grass sich mutig mit den Mächtigen angelegt hat.

Es ist gut, dass der Dichter und Romancier vielen aus der Seele gesprochen und ein Tabu enttabuisiert hat.

 

Grass ist kein altersverirrter Mann, wie einige glauben,

sondern ein wachsamer Geist, der, im Gegensatz zu anderen, durchaus politisch-moralisch auf der Höhe der Zeit ist.

Er ist ein aufrechter Mahner und eine geistige Autorität,

auch wenn er nicht das „Gewissen seiner Nation“ ist.

 

Günter Grass ist nach wie vor eine „geistige und künstlerische Autorität“.

 

Seine „moralische Integrität und Autorität” jedoch sind arg angekratzt, seitdem man weiß, dass er seine Waffen SS-Mitgliedschaft über Jahrzehnte verschwiegen hat.

(Andere verschwiegen ihr Paktieren mit den Kommunisten – ohne Konsequenzen!)

Das macht ihn angreifbar – und die Kritik der Offiziellen aus Israel setzte berechtigt an diesem Punkt an und legte den Finger in die Wunde.

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“

Das gilt für Individuen und Nationen.

In dieser Debatte, das wurde oft verkannt, geht es jedoch nicht um die Person Günter Grass, sondern um die Sache ( Erstschlag, Präventivkrieg, Atomkrieg, real existierendes Völkerrecht ).

Grass hat sich literarisch und politisch eingemischt.

(Andere, weniger etablierte und streitbare Literaten wären sicher überhört und ignoriert worden.)

Er hat sich so ein internationales Forum geschaffen, um weltpolitische Unzulänglichkeiten auf einer breiten Basis zu diskutieren. G. Grass  wurde parteilich kritisiert ( und von Parteifreunden aus dem sozialdemokratischen Lager im Stich gelassen).

U. a. kritisierten ihn Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, H. Broder sowie Regierungsrepräsentanten aus Israel, oft einseitig, weil man sich auf eine objektive Debatte nicht eingelassen hat.

Doch Günter Grass gar zur „persona non grata“ zu erklären,  ist unwürdig und überzogen, da Grass sich Israel verbunden fühlt und nicht gegen Israel agiert, sondern für den Frieden im Nahen Osten.

Israel ist eine Demokratie, wo man das freie Wort zu schätzen weiß, während der Iran eine von Hasardeuren regierte Diktatur ist.

Wie Grass nachträglich klarstellte, gilt seine Kritik der aktuellen israelischen Regierung, deren Vorhaben, einen Erstschlag gegen den Iran zu führen, auch von Politprofis als abentuerlich eingeschätzt wird.

Ein Glück, dass Günter Grass als etablierter Literat und Nobelpreisträger gehört wurde und eine Debatte entfachen konnte.

Das offene Reden in “offener Gesellschaft” auf breiter Basis über Fragen von Sein und Nichtsein, die sonst nur am grünen Tisch der Diplomaten diskutiert werden,  aus ehrlicher Sorge um den Weltfrieden heraus ist demokratiekonform und schafft mehr Transparenz und Sicherheit.

Soweit die bescheidene Sicht eines nahezu unbekannten Schriftstellerkollegen und Philosophen von der Basis, der das freie Wort aus eigener Erfahrung des Totalistarismus zu würdigen weiß und es weiter hochhalten wird.

Nachtrag:

5. April 2012 – Carl Gibson, Kommentare zu Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“ auf Facebook:

„PR in eigener Sache? Bestimmt nicht!

Günter Grass weiß sehr wohl, worüber er spricht und weshalb. Die Welt wurde schon einmal in einen verhängnisvollen Krieg verstrickt, im Irak, dessen Rechtfertigung auf Lügen aufgebaut war.

Die Völkergemeinschaft darf nicht noch einmal getäuscht werden. Eine atomare Eskalation ist nicht beherrschbar.

Darüber hinaus: Schriftsteller müssen warnen, mahnen, Tabus ansprechen – gerade wenn sie noch eine “moralische Autorität” besitzen und ihr Wort gehört wird.

Nobelpreisträger als “Ja und Amen-Sager” der Machtpopolitik brauchen wir nicht – die haben wir schon!  Eines hat Grass bereits erreicht: Man redet öffentlich über potenzielle Ursachen eines drohenden Krieges – das schärft das Bewusstsein und hilft einen möglichen „Weltkrieg“ zu verhindern.“

„Von Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller werden wir ähnlich kritische Worte zur Makropolitik wohl nie vernehmen? Sie hält es eher mit den Mächtigen und der offiziellen Linie, mit dem Strom, statt mutig die Heuchelei dort zu geißeln, wo sie am heftigsten tobt.

Zweierlei Maß?

Doppelmoral? Ecrasez l ‘infame!“

(Die Kommentarfunktionen auf der Seite der ARD war zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen.)

11. April 2012 ebenda:

Israelkritiker Günter Grass ist kein Antisemit. Er kritisiert den Status quo und warnt vor einem drohenden Weltenbrand via Präventivschlag gegen den Iran.

Das Gefasel über eine potenzielle Aberkennung des Nobelpreises für Literatur ist absurd.

Dass sich Teile der SPD von Grass als geistiger Autorität lossagen ist m. E. schäbig.

Grass hat den Nobelpreis verdient. Andere haben ihn erschlichen.

Tabubrecher Martin Walser wurde nicht einmal nominiert.“

16. April 2012:

Die Debatte hat inzwischen die breite Masse erreicht. Gute Stellungnahmen, etwa zur Frage, ob Israel bzw. die deutschen Waffenlieferungen an Israel kritisiert werden dürfen, erfolgten in der ARD-Sendung vom 15. April mit Günter Jauch, u. a. von Jakob Augstein und Heide Simonis, Positionen, die sich in meiner Interpretation oben ähnlich formuliert wiederfinden.

 

 In den Straßen von Lübeck

ist auch das Günter Grass-Haus

http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter-Grass-Haus

(in der Glockengießerstraße)

 

In Lübeck

Fotos: Monika Nickel

 

 

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